Lernen, die Würde zu verstehen

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe «wahnsinnsnächte 2015» ging es im Psychiatriezentrum Trübbach darum, auszuloten, was alle Beteiligten tun können, um der Menschenwürde in der Psychiatrie gerecht zu werden.

Reto Neurauter
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Wie man mit der Würde von Psychiatriepatienten umgehen soll, versuchten Dr. Michael Kamer-Spohn, die Mutter eines Betroffenen (will anonym bleiben), Gesprächsleiter Pfr. Reinhold Meier, der ehemalige Patient Carlo Sander und Ethiker Christof Arn (von links) herauszufinden. (Bild: Reto Neurauter)

Wie man mit der Würde von Psychiatriepatienten umgehen soll, versuchten Dr. Michael Kamer-Spohn, die Mutter eines Betroffenen (will anonym bleiben), Gesprächsleiter Pfr. Reinhold Meier, der ehemalige Patient Carlo Sander und Ethiker Christof Arn (von links) herauszufinden. (Bild: Reto Neurauter)

TRÜBBACH. Die sogenannten Wahnsinnsnächte finden seit 2005 als öffentliche Veranstaltungen (www.wahnsinn.li) jedes Jahr um den Tag der psychischen Gesundheit statt (10. Oktober) statt. Ursprünglich waren die Wahnsinnsnächte ein Liechtensteiner Projekt; mittlerweile haben sie sich auch auf die Kantone St. Gallen, Appenzell Ausserrhoden und Appenzell Innerrhoden ausgeweitet, erklärte Claudia Gonzales, Leiterin des Psychiatrie-Zentrums Trübbach, eingangs der von der Ethikkommission der Psychiatriedienste Süd, Pfäfers, am Montagabend organisierten Veranstaltung. Die Kommission steht unter der Leitung von Pfarrer Reinhold Meier (Wangs), der auch durch den Abend führte.

Die Würde wird angegriffen

Es stehe ausser Zweifel, dass hier ein «heisses Eisen» zur Sprache komme, so Meier, «denn psychische Krankheiten sind oft mit Scham behaftet, und sie berühren vielfach auch das Selbstbestimmungsrecht.» Scham und Fremdbestimmung greifen tief in das Empfinden der Menschen ein, und zwar auf beiden Seiten der Behandlung. «Die Würde eines Menschen steht auf dem Spiel», so Meier, «und wie gehen wir jetzt damit um?»

Entwürdigend sei es für ihn schon gewesen, als er nackt vor der unbekannten Person stand, die ihn bei seiner Einweisung in Pfäfers «nach Drogen filzte», so Carlo Sander, der heute als sogenannter Peer, also als ehemaliger Patient mit entsprechender Ausbildung bei den Psychiatriediensten in Pfäfers arbeitet. Für die Mutter eines Psychiatriepatienten war die Würde ihres Sohnes auf einem Tiefpunkt, als drei Polizisten diesen mit Handschellen zu Hause abholten.

Der Leitende Arzt Allgemeine Psychiatrie in Pfäfers, Dr. Michael Kamer-Spohn, schilderte Fälle aus seiner Praxis und betonte, dass es für Ärzte und Pflegepersonal gar nicht einfach sei, «jemand gegen seinen Willen zu behandeln, die Würde wird da von verschiedenen Seiten angegriffen. Sander – er wurde insgesamt 15mal in Pfäfers behandelt – betonte aber auch, dass man einige Male zugehört habe, mit ihm geredet, auf ihn eingegangen sei.

Mit Respekt behandeln

Ethiker Christof Arn aus dem bündnerischen Scharans versuchte dann, die unterschiedlichen Situationen zu analysieren und daraus zu formulieren, was Würde sein kann: zuhören, miteinander, Patient kann mitbestimmen, mit Respekt behandeln, lebenswürdige Infrastruktur, Zeit für die Patienten zu haben oder die Nachbetreuung und das Nachfragen, wie die Würde verletzt wurde.

Aber was nützt das Zuhören, wenn die Ernsthaftigkeit fehlt, wurde aus dem Plenum erklärt, «ich will ernst genommen werden, ich will nicht alleine gelassen werden».

Für Arn ist deshalb klar, dass man das Wort Würde mit Inhalten füllen muss. «Das ist schwierig, und noch schwieriger ist die Definition von Würde.» Immanuel Kants Aussage «Menschen haben Würde, aber keinen Preis», erachtet Arn als existenziell. Und weil der Mensch Würde hat, kann er selbst bestimmen.

Es braucht genügend Zeit…

Arn «teilte» die Würde dann in zwei Bereiche: Selbstbestimmung und Schamverminderung. Im ersten Fall müsse die Urteilsfähigkeit gestützt werden, oder es muss der mutmassliche Wille durchgesetzt werden. Scham dagegen habe viel mit dem Umfeld zu tun, und ist ein unangenehmes Gefühl. Ethiker sind überzeugt, dass es viel mehr um Selbstbestimmung geht. Eine Entstigmatisierung (Abbau von Angst und Vorurteilen sowie die Reintegration von psychisch kranken und behinderten Menschen in Gesellschaft und Wirtschaft) sei nur möglich wenn so viel Scham wie möglich verhindert werde.

Sander sieht, dass in diesen Bereichen sich viel verändert hat, «auch zum Guten». Immer wieder wird betont, dass man genügend Zeit für die Patienten aufbringen muss, Vertrauen herstellen, auch mit der Polizei zusammen. Meier betont, dass hier auch das Ethikteam Hilfestellung leisten kann und will.

…und personelle Ressourcen

Arn betont, dass es in der Ethik am Ende «nur» um das Glück des Patienten gehen kann, und er forderte, ganz nach dem Sprichwort «Qualität kostet Zeit, und Zeit kostet Geld», dass die Politik sensibilisiert werden muss, mehr Geld für die Psychiatrie bereitzustellen. Für Kamer-Spohn kommt es aber auch darauf an, wie die beteiligten Menschen reagieren und handeln, «es kommt im Alltag darauf an, wie man miteinander mit Würde umgeht», sagte er an der Veranstaltung in Trübbach. Es lohne sich, darauf zu achten, dass man die Würde des Gegenübers respektiere, und echte Beziehungen entstehen lasse.

Meier ist überzeugt, dass dieses Thema alle weiterbeschäftigen wird. «Die personellen Ressourcen sind wichtig, aber auch, wie man die ethische Rolle interpretiert», so Meier, «wir müssen Würde nicht nur achten, sondern auch praktizieren.»