Lange Nächte

Zum Sonntag

Erich Guntli, Pfarrer der Seelsorgeeinheit Werdenberg
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Es war nach neun Uhr abends. Die stiere Finsternis auf der Autobahn wurde einzig vom grellen Licht der Autos auf der Gegenfahrbahn durchstochen. Der Motor brummte. Dazu hörte ich Vivaldis «Vier Jahreszeiten». Mit einem Male wurde ich in den Traum hinauskatapultiert, es wäre jetzt Sommer, warm und vor allem noch hell; durchleuchtet vom milden Licht der Abendsonne. Trotzig wie ein Kind fuhr ich dahin, wütend über die ­Dunkelheit des Winters. Selbst die überall wuchernde Party­beleuchtung zum «Schenken-macht-Freude-Fest» vermochte meine Stimmung nicht aufzuhellen. Ich bin nun einmal ein Juli-Kind, liebe die Badehose mehr als eine dicke Daunenjacke.

«Kräht der Hahn auf dem Mist, ändert sich’s Wetter oder bleibt, wie es ist», heisst es in einer Wetterregel. Ich mag noch so lange gegen den November, ­Dezember und den ganzen Winter überhaupt krähen; in unseren Breitengraden sind nun mal die Nächte im Winter lang. Ich bin wohl nicht der Einzige, dem die winterliche Dunkelheit zu schaffen macht. Sie legt sich wie dichter Nebel und Schneegestöber über die Seele.

In solchen Momenten ist mir ein Satz aus einem Gebet wichtig geworden. «Vor allem, wenn es dunkel ist in meiner Seele und mein Kreuz zu schwer wird, dann spüre ich, wie notwendig es für mich ist, dir immer wieder zu sagen: ‹Vater, ich glaube an ­deine Liebe zu mir.›»

Vertrauensvolle Gelassenheit und gute Gefühle stellen sich nicht einfach so ein. Manchmal ist es wirklich notwendig, bewusst sich gegen die Dunkelheit zu entscheiden. Es ist wirklich notwendig, der Dunkelheit eine Absage zu erteilen. Es ist wirklich notwendig, über die Dunkelheit hinauszusteigen und sich von ihr nicht gefangen nehmen zu lassen. Gefangen im Dunkel, wird nicht selten Gott, der Herr über Licht und Finsternis, auf die Anklagebank gesetzt. Man bedrängt ihn mit Fragen nach dem Warum und Wieso und grundsätzlich und überhaupt. Die Antworten bleiben aus, wie trotz allem Jammern die Winternächte nicht länger werden. Die Dunkelheit anzuschwärzen macht sie nicht heller.

Dann darauf zu vertrauen, die Tage werden im Wechsel der Jahreszeiten wieder länger, zu glauben, in all dem Zwielichtigen liegt ein Sinn, vielleicht sogar Liebe – das macht die Dunkelheit erträglicher. Jedenfalls ­ergeht es mir so, wenn ich bete: «Vor allem wenn es dunkel ist in meiner Seele und mein Kreuz zu schwer wird, dann spüre ich, wie notwendig es für mich ist, dir immer wieder zu sagen: ­‹Vater, ich glaube an deine Liebe zu mir.›»

Erich Guntli, Pfarrer der Seelsorgeeinheit Werdenberg

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