Kühlschrank, Kommode, Kunst

Bertrand Lavier interessiert sich seit mehr als 40 Jahren für die komplexen Beziehungen zwischen Bild, Sprache und Objekt. Das Kunstmuseum Liechtenstein zeigt seine Werke.

Kristin Schmidt
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Bertrand Lavier lenkt den Blick auf die skulpturalen Qualitäten der Deformation. (Bild: Kunstmuseum Liechtenstein/Ines Agostinelli)

Bertrand Lavier lenkt den Blick auf die skulpturalen Qualitäten der Deformation. (Bild: Kunstmuseum Liechtenstein/Ines Agostinelli)

Ein Flügel fasziniert durch seinen Klang – und durch seine Oberfläche. Schwarz, hochglänzend, edel. Jeder Fingerabdruck wird eilig weg poliert. Der Reiz zur Berührung bleibt. Bertrand Lavier hat ihn verewigt.

Der französische Künstler überzieht Gegenstände mit seiner «Touche van Gogh», abgeleitet vom französischen toucher. Er berührt sie nicht mit der Hand, sondern mit Pinsel und Farbe. Piano, Tisch, Kühlschrank und Kommode erhalten nicht einfach einen neuen Anstrich, sondern sie werden zu Trägern ihres je eigenen, dreidimensionalen Bildes. Sie behalten ihre räumliche Präsenz und bleiben funktionsfähig. Sie sind Objekt, Malerei und Plastik.

Bertrand Lavier überschreitet Gattungsgrenzen, stellt festgeschriebene Begriffe in Frage und inszeniert Paradoxien. Seit den 1970er-Jahren entwickelt er dazu wichtige Werkgruppen. Diese Arbeitsfelder, von Lavier als «Baustellen» bezeichnet, bleiben Teil eines offenen Prozesses.

Widersprüche und Sprachwitz

Das Kunstmuseum Liechtenstein zeigt die bisher umfangreichste Ausstellung im deutschsprachigen Raum unterteilt in vier thematischen Kapitel. Diese Kapitel sind Ausstellungsräumen zugeordnet, es gibt jedoch immer wieder spannende Übergänge zwischen den einzelnen Räumen und Werkgruppen. Den Auftakt bilden die «Touche van Gogh». Sie sind gerahmt von weiteren, spielerischen Untersuchungen zu Farbe, Farbbezeichnungen und Farbwahrnehmung. Gefolgt werden sie von Werken mit architektonischen Elementen. Darin lotet Lavier das ästhetische Potenzial industriell gefertigter Strukturen aus: Vorfabrizierte Fassadenelemente besitzen ebenso Bildqualität wie die Stahlkonstruktion des Eiffelturmes. Auch ein Tennisnetz und ein Volleyballnetz können eine zweilagige Zeichnung bilden.

Die Addition zweier unveränderter Ausgangsobjekte ist eine Laviersche «Superposition». In diesen Übereinanderstellungen vereint der Künstler formale Entsprechungen und Kontraste, funktionale Widersprüche und Sprachwitz. Er verheiratet einen Laubsauger mit einer Art-déco-Kommode, plaziert ein Sofa auf einer Kühltruhe, kombiniert einen Sessel mit einem Grafikschrank. Funktional ist das nicht, Hierarchien sind ebenfalls kein Thema, vielmehr stossen diese Werke Denkprozesse an: Wie ist unser Lebensraum gestaltet? Wie ist das Verhältnis von Kunst und Design? Wie wirken Farbe, Volumen, Gestalt der Objekte miteinander? Welche Rolle spielen Präsentationsformen und Benennungen?

Das Kunstmuseum Liechtenstein zeigt eine grosse Auswahl der «Superpositions». Nicht weniger wichtig im Oœvre des französischen Künstlers ist die Werkgruppe der Unfallfahrzeuge. Sie ist in der Ausstellung einzig im Beispiel eines Mofas mit abgeknicktem Hinterrad präsent. Hier geht es Lavier nicht um das Drama des Unfalls. Stattdessen lenkt er den Blick auf die skulpturalen Qualitäten der Deformation.

Kunterbunte, unbefangene Arbeit

Immer wieder erweist sich der Autodidakt Lavier als überaus aufmerksamer Betrachter des Beiläufigen, Profanen und seiner überraschenden Schönheit. Sie lässt sich selbst in einem Walt- Disney-Comic finden. Die Zeichner schickten Mickey und Minnie Mouse in eine Ausstellung. Die Kunstwerke dort sind zwar erfunden, beruhen aber auf der gekonnten Synthese bestehender Kunstrichtungen. Bertrand Lavier überträgt diese Comic-Bilder und -Plastiken sowie das gesamte fiktive Ausstellungsinterieur in die Realität der Kunst.

Im Kunstmuseum ist das Raumensemble in einem eigens gestalteten Kabinett präsentiert. Der Kontrast zwischen den perfekten White Cubes des Vaduzer Museumsbaus von Morger & Degelo und Kerez und die kunterbunte, unbefangene Arbeit Laviers ist einer der Höhepunkte der Ausstellung. Sie zeigt, wie durchlässig die Grenzen zwischen den Gattungen sind und wie ergiebig das unvoreingenommene Sehen und Denken ist.

Bis 22. Januar 2017, Kunstmuseum Liechtenstein, Vaduz