Kelag hinterlässt Millionenloch

Dokumente belegen, dass die Kelag-Gruppe Schulden in Millionenhöhe nicht mehr bezahlte. Gläubiger werfen der Kelag-Führung vor, die vom Gesetz verlangten Massnahmen wider besseres Wissen nicht rechtzeitig eingeleitet zu haben.

Hanspeter Thurnherr
Drucken
Teilen
Die Kelag-Gruppe – hier der Stammsitz in Sennwald – hinterlässt ein Millionenloch. Gläubiger haben inzwischen Strafanzeige eingereicht. (Bild: Hanspeter Thurnherr)

Die Kelag-Gruppe – hier der Stammsitz in Sennwald – hinterlässt ein Millionenloch. Gläubiger haben inzwischen Strafanzeige eingereicht. (Bild: Hanspeter Thurnherr)

SENNWALD. Die Kelag-Gruppe, welche sich seit dem 14. Oktober in provisorischer Nachlassstundung befindet (der W&O berichtete), hinterlässt Gläubiger, die sich insgesamt mit einem Millionenverlust abfinden müssen. Dem W&O liegen Dokumente vor, in denen die Kelag bereits im Mai 2014 die Forderungen eines Gläubigers von deutlich über einer Million Franken anerkannte und sich zur Abzahlung in Raten verpflichtete.

Verpflichtungen nicht erfüllt

Doch die Kelag-Gruppe kam diesen Verpflichtungen schon im Juni nicht nach. Die Folge: Der Gläubiger stellte in einem eingeschriebenen Brief sämtliche Ausstände als fällig, kündigte den Personalverleihvertrag und zog sein Personal ab. «Die Illiquidität ist schon seit geraumer Zeit ausgewiesen, ohne dass Sie wesentliche Sanierungsmassnahmen in die Wege geleitet haben, um die Zahlungsfähigkeit sicherzustellen», warf der Gläubiger der Firma im Brief vor.

Tatsächlich hatte zuvor bereits ein anderer Gläubiger ähnliches erlebt. Dieser hatte Ende Februar 2014 die Geschäftsbeziehung beendet und sich auf einen «Fahrplan» zur Abzahlung der Ausstände geeinigt. Seit im Oktober die Zahlungen ausblieben, hat der Gläubiger nichts mehr von der Kelag-Führung gehört. Die Kelag-Gruppe hat bei mindestens einem weiteren Personalvermittler Personal rekrutiert, als sie bereits andere nicht mehr bezahlte – und ist auch hier etwa eine halbe Million Franken schuldig geblieben.

Strafanzeige eingereicht

Zusammengerechnet dürften die Ausstände allein in dieser Branche mindestens zwei Millionen Franken betragen. Dazu kommen Ausstände bei Zulieferern und weiteren Gläubigern. Ein Gläubiger schätzt die Gesamtausstände auf gegen zehn Millionen Franken. Ein ehemaliger Kelag-Mitarbeiter, der in die Geschäftsbeziehungen eingebunden war, teilt diese Einschätzung. «Zu einzelnen Gläubigerpositionen äussert sich der vom Gericht beauftragte Sachwalter nicht», sagt Martin Fricker, Mediensprecher der Kelag-Gruppe.

Inzwischen ist von einem Gläubiger Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft des Kantons St. Gallen eingereicht worden. Diese bestätigt auf Nachfrage die Strafanzeige, gibt jedoch grundsätzlich keine Auskünfte zu laufenden Verfahren.

Betreibungen schon im 2013

Wie die zeitlichen Abläufe zeigen, müsste der Firmenleitung spätestens im Februar klar gewesen sein, dass die Liquidität nicht mehr gegeben war und eine Überschuldung vorlag. Darauf weisen auch Betreibungsregisterauszüge der Betreibungsämter Sennwald und Wartau hin. Die zwei Gruppenfirmen Kelag AG und Montagen AG hatten bereits im September/Oktober 2013 mehrere Betreibungen am Hals. Ihre Zahl stieg 2014 kontinuierlich an. Das Gesetz schreibt vor, dass Sanierungsschritte eingeleitet oder die Bilanz deponiert werden müssen, wenn die Liquidität zur Zahlung der Ausstände nicht mehr vorhanden ist.

Martin Fricker, Mediensprecher der Kelag-Gruppe, sagt auf Anfrage, dass die Firma zur Strafanzeige keine Stellungnahme abgebe, weil es sich um ein laufendes Verfahren handle.

«Individuell informiert»

Fast einhellig wird von den dem W&O bekannten Gläubigern die mangelnde Kommunikation der Firmenleitung, der neuen Inhaber und des vom Gericht eingesetzten Sachwalters kritisiert. Fricker widerspricht diesem Vorwurf. In zwei ausführlichen Briefen seien die Gläubiger jeweils informiert worden, zeitnah mit der Information der Mitarbeitenden der Kelag und der Öffentlichkeit. Individuell seien alle Gläubiger aufgeklärt worden, wie es mit ihren Forderungen stehe.

Fricker hat ein «gewisses Verständnis» für die Reaktionen der Gläubiger: «Es ist psychologisch nachvollziehbar, wenn sie das Gefühl haben, zu wenig informiert zu sein.» Sachwalter Jürg Girschweiler will sich jetzt zum Stand der Nachlassstundung nicht äussern. Sobald das Gericht am 24. Februar entschieden habe, ob es zur definitiven Nachlassstundung oder zum Konkurs komme, werde wieder orientiert.

Zusätzliche Aktionärsdarlehen

Übrigens sagt Martin Fricker, dass die Verkaufsverhandlungen des Kelag-Areals in Trübbach weit fortgeschritten sind.

Gemäss Handelsregisterauszug verfügt die Auffanggesellschaft Kelag Systems AG über ein Aktienkapital von 800 000 Franken und ein Eigenkapital von rund 4,7 Mio. Franken. Genug, um als Unternehmen überleben zu können? «Zusätzlich finanzieren die vier Mitinhaber die Kelag Systems AG mit Aktionärsdarlehen», sagt dazu Martin Fricker.

Euroschwäche verstärkt Sorgen

Der überraschende Entscheid der Nationalbank mit der Aufhebung des Euro-Mindestkurses stelle das neue Unternehmen nun vor zusätzliche Herausforderungen. Denn ein bedeutender Teil des Umsatzes werde im Euroraum erwirtschaftet. «Durch die nun schlagartig tieferen Verkaufspreise stehen uns weniger finanzielle Mittel zur Verfügung, um die eigenen Kosten zu decken», ergänzt der Mediensprecher, «wir müssen noch innovativer sein, um im Markt und im Wettbewerb zu bestehen.»

Aktuelle Nachrichten