JUBILÄUM: Paradezug in den Süden

Der Voralpen-Express ist der schnellste Zubringer ins Tessin. Seit 25 Jahren bringt er täglich Tausende Pendler und Touristen von der Ostschweiz in die Zentralschweiz. Wie aus drei Bahnen eine Verbindung wurde.

Christoph Zweili
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Der Voralpen-Express auf dem Rapperswiler Seedamm an der engsten Stelle des Zürichsees zwischen Pfäffikon und Rapperswil. (Bild: PD)

Der Voralpen-Express auf dem Rapperswiler Seedamm an der engsten Stelle des Zürichsees zwischen Pfäffikon und Rapperswil. (Bild: PD)

Christoph Zweili

christoph.zweili@tagblatt.ch

Am Morgen und Abend die Pendler, am Nachmittag und am Wochenende die Touristen und Ausflügler: Der Voralpen-Express ist der Paradezug der Südostbahn (SOB). Seit dem 31. Mai 1992 verkehrt er unter diesem Namen, doch die Geschichte der einst zwischen SOB, SBB und Bodensee-Toggenburg-Bahn zu je ei­nem Drittel geteilten Bahnverbindung ist über 70 Jahre alt. Schon immer galt die Strecke, die die Ostschweiz mit der Zentralschweiz verbindet, als wichtige und schnellste Verbindung für die Reise ins Tessin und nach Italien, 15 Minuten schneller als über Zürich. Sie führt von St. Gallen über das höchste Eisenbahnviadukt der Schweiz durchs hügelige Toggenburg nach Rapperswil, mit Aussicht auf die Zürichsee-Landschaft. Nach dem Überquerung des Seedamms gelangt man auf der Panoramafahrt über die geschützte Hochmoorebene Ro­thenturm nach Luzern.

Die SOB hat die direkte Städteverbindung St. Gallen–Luzern über Jahrzehnte aufgebaut – sie führte ursprünglich bis Romanshorn (1946) und hätte noch 1987 bei der Volksabstimmung zur Bahn 2000 bis Konstanz fahren sollen, dafür aber fehlten die Mittel für die dafür nötigen Aus­bauten.

Steigende Zahlen auf der Direktverbindung

Auch heute, 25 Jahre später, soll der Voralpen-Express weiterhin die Städte St. Gallen und Luzern verbinden. SOB-CEO Thomas Küchler ist mit diesem Vorschlag erst kürzlich wieder beim Bund und den Eignerkantonen St. Gallen, Schwyz und Zürich vorstellig geworden, nachdem Kritiker den Zug nur noch bis Arth-Goldau führen wollten. «Ohne die Direktverbindung nach Luzern würde uns viel Geld entgehen», sagt Küchler. Der Blick in die Statistik zeigt jährlich steigende Reisendenzahlen: 2015 waren es 4,01 Millionen, 2016 bereits 4,5 Millionen.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts hatten sich die Bahnausbauten auf das Mittelland konzentriert. St. Gallen und die Zentralschweiz wurden mit der Wirtschaftsme­tropole Zürich verbunden. Nach dem Bau der Gotthardbahn fehlte der Ostschweiz eine Verbindung zur Zentralschweiz und zur ersten Alpen-Transversalen. Mit der Eröffnung der Bahnlinien Rapperswil–Arth-Goldau (1891) und Romanshorn–Rapperswil (1910) entstand zwar ein verketteter Schienenstrang. «Doch dieser war aufgrund der Dampftraktion und der grossen Steigungen der SOB für durchgehende Züge ungeeignet», hält der ehemalige Direktor der Bodensee-Toggenburg-Bahn, Walter Dietz, fest. Dietz gilt als Mitvater des Voralpen-Express. Das Zusammenführen der drei Bahnen SBB, SOB und BT, über deren Strecken die Linie Romanshorn–Luzern führte, war kein einfaches Unterfangen: Die Bahnen hatten regionalwirtschaftliche Anforderungen zu erfüllen und standen unter­einander im Konkurrenzkampf.

Grössere BT geht in der kleineren SOB auf

2001 endete die Geschichte der 1904 gegründeten BT, die grössere Privatbahn ging durch Fusion in der kleineren auf, der Schweizerischen Südostbahn AG. Seit 2013 verkehrt der Voralpen-Express neu zwischen St. Gallen und Luzern, im gleichen Jahr übernahm die SOB die SBB-Anteile an der Direktverbindung und wurde alleinige Besitzerin.

SOB-Geschäftsleitungsmitglied Heinrich Güttinger führt den Erfolg unter anderem auf die abwechslungsreiche 125 Kilometer lange Strecke zurück, bekannt durch viele Kunstbauten: «Zwischen St. Gallen und Luzern werden 18 Tunnels mit einer Gesamtlänge von 17 Kilometern durchquert.» Der Zug werde zunehmend beliebter bei ausländischen Gästen aus Übersee und Europa.

Seit kurzem wirbt die Lokomotive Re 446 016 in neuem Gewand für das eigene 25-Jahr-Jubiläum. Es ist gewissermassen ein Versprechen: Die komplette Flotte des Voralpen-Express wird Ende 2019 durch neue Stadler-Züge ersetzt. Dabei stellen die Streckenabschnitte mit einer Steigung von bis zu 50 Promille hohe Anforderungen an das Triebfahrzeug.

Weiterhin offen ist die SOB-Bewerbung für die Gotthard-Bergstrecke im Zuge der Neu­ausschreibung der Fernverkehrsstrecken durch den Bund, eine touristisch naheliegende Ergänzung zum Voralpen-Express auf dem Weg ins Tessin.