Journalistische Fehlleistung

LESERBRIEF

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In einer Art Kampagnenjournalismus erscheinen seit einer Woche in schöner Regelmässigkeit Artikel des selben Journalisten über einen Fall in der Kantonsschule Sargans. Da ich weder die Beteiligten noch den Fall persönlich kenne, masse ich mir in der Sache kein Urteil an. Was ich aber entschieden verurteile, ist diese Art Journalismus.

Dass es auch anders und fairer geht, ohne die Probleme unter dem Deckel zu halten, hat der W&O vor kurzem gezeigt, als er über das Betagtenheim Buchs berichtete. Dort wurden die Probleme klar angesprochen, auf den Tisch gelegt, und alle Beteiligten konnten ihre Position darlegen. Der W&O hat weder Partei ergriffen noch vorverurteilt, ausser dass er klar durchblicken liess, dass hier offensichtlich ein Problem besteht, das einer Lösung bedarf.

Im oben erwähnten Fall ist es anders. Hier übernimmt der Journalist eins zu eins die Position eines Beteiligten und stellt diese als Tatsache dar. Schon der Titel des ersten Artikels spricht Bände: «Ein krasser Fall von Mobbing», ohne Fragezeichen. Solche Titel passen dann, wenn ein Gericht oder irgendeine übergeordnete Instanz ein abschliessendes Urteil gesprochen hat.

Der Tiefpunkt wurde erreicht in der jüngsten Montagsausgabe. Da erscheint sogar ein wirklich zum Fall passendes Farbbild: Amtschef Christoph Mattle bei einer Papstaudienz. Dies nicht etwa kürzlich beim jetzigen Papst, nicht einmal bei seinem Vorgänger, sondern beim Vor-Vorgänger Johannes Paul II. Was hat dies mit dem jetzigen Fall in Sargans zu tun? Dann wird der gleichen Person noch vorgeworfen, dass sie im Jahre 2011 als Wahlkämpfer für seine Tochter aufgetreten ist, und es wird genüsslich aus den Bettelmails zitiert. Es tut mir leid, aber ich kann diese Art «Berichterstattung» schlicht nicht mehr ernst nehmen.

Nicht teilen kann ich die im Bericht von Bruno Etter geäusserte Ansicht, dass diese Situation sich anders entwickelt hätte, gäbe es noch die Aufsichtskommissionen. Aufgrund meiner langjährigen Erfahrung sind solche Kommissionen leider in diesen Fällen nicht sehr hilfreich, und schon gar nicht für die betroffenen Lehrpersonen.

Josef Dudli

Bogenstrasse 3, 9470 Buchs

Anmerkung der Redaktion:

Der Titel «Ein krasser Fall von Mobbing» ist nicht als Tatsachen-Forumlierung gesetzt, sondern als Zitat in Anführungs- und Schlusszeichen. Und im ersten Abschnitt des Textes wird festgehalten, wer diese Aussage macht und dieses Zitat damit in den sachlichen Zusammenhang gestellt.