INDIEN: Unauslöschliche Bilder im Kopf

Ingrid Eggenberger aus Sevelen verbrachte 2014 zwei Wochen auf dem Subkontinent. Der Gegensatz zwischen Armut und Prunk ist allgegenwärtig. Sie sah die Schönheiten des Landes ebenso wie die Hintergassen und wie die wirklich Armen leben müssen.

Robert Kucera
Drucken
Teilen
Das Taj Mahal – das berühmteste Symbol des prunkvollen Indiens. (Bilder: PD)

Das Taj Mahal – das berühmteste Symbol des prunkvollen Indiens. (Bilder: PD)

Robert Kucera

robert.kucera@wundo.ch

«Indien? Das ist nichts für uns», erinnert sich Ingrid Eggenberger, an ihre Reaktion, als ein Kollege sie für eine Reise dorthin begeistern wollte. Sie und ihren Mann Florian zog es in der Vergangenheit mehr in den Norden. Auch aufgrund des Klimas stand Indien nie im Fokus. Doch da ihr Kollege Halb-Inder ist und das Land schon bereist hat, entschlossen sich Eggenbergers zur Reise in einer Gruppe von sechs Personen. Die Gewissheit, einen guten Führer zu haben, der dafür sorgte, dass man nichts zu tun hatte mit der Organisation im fremden Land, war ein Hauptkriterium für die Zusage.

Ausschlaggebend waren aber die Projekte, welche ihr Kollege von der Schweiz aus betreut. So gibt es in Vijayawada ein Kinderheim und eine Kampagne zur Unterstützung von Witwen. «Die Reise sollte auch einen Sinn haben», betont Ingrid Eggenberger ihr Anliegen, dass man durch das Projekt und den Führer einen tiefen Einblick ins Land erhält, statt bloss die Schönheiten Indiens entdeckt.

«Hoffentlich kommen wir heil über die Strasse»

Von den Prunkstücken wie das Taj Mahal oder die Schönheiten der Stadt Delhi, die man sehen durfte, ist die Kindergärtnerin denn auch begeistert. «Wir waren in Gebäuden, wo es einem vor Schönheit schier umhaut», erzählt sie. Doch sie hat, wenn sie an ihre Reise im Herbst 2014 nach Indien zurückdenkt, andere Bilder im Kopf, die unauslöschlich sind. «Wir haben mehr Armut als Prunk gesehen. Und den Prunk nur als wahnsinnigen Gegensatz. Hier die Schönheiten und gleich daneben sah man wieder den grössten Dreck. Diese Diskrepanz habe ich nie vorher gesehen», berichtet sie. Eggenberger war geschockt. Es gab Abfallhaufen in der ganzen Stadt, die zum Himmel stanken.

An andere örtliche Begebenheiten, die sie von der Schweiz her nicht kennt, konnte sie sich dagegen nach einer Weile ge­wöhnen. «Diese Huperei auf der Strasse – wahnsinnig. Die Inder brauchen keine Bremsen, sie ­benutzen Hupen.» Und wer den Nervenkitzel sucht, überquert am besten zu Fuss eine Strasse. «Unser Leiter schaute nach links und rechts und ist losgerannt. Wir haben einander die Hände gehalten und rasten rüber. Man hat nicht mehr links oder rechts schauen dürfen. Ich habe jedes Mal gedacht: Hoffentlich kommen wir heil über die Strasse.» Selbst die Hitze konnte Ingrid ­Eggenberger mit der Zeit nichts mehr anhaben. Doch war man immer froh, wenn man sich vor Lärm und Hitze in die klimatisierten Pensionen zurückziehen konnte. Indien schlechtreden will die Sevelerin überhaupt nicht. Nach zwei Wochen zog sie folgende Bilanz: «Ich bin tief be­eindruckt. Im Nachhinein will ich diese Reise nicht missen. Es war sehr eindrücklich, ich habe selten so was erlebt. Ich würde diese Reise jedem empfehlen. Es täte jedem mal gut, zu sehen, wie es auf der Welt auch noch aussieht, wie die Leute leben müssen.» Besonders prägend waren die Erlebnisse in der zweiten Ferienwoche, als die Gruppe dann die Projekte im zwei Flugstunden von Delhi entfernten Vijayawada besuchte.

Von den Eltern auf einem Abfallhaufen ausgesetzt

Zum einen werden dort Witwen unterstützt. Es gibt kein soziales Auffangnetz, niemand kümmert sich um sie. Früher wurden sie, als ihre Männer starben, mit ihren Männern auf einem Scheiter­haufen verbrannt. Eggenberger berichtet, dass im Hilfsprojekt einmal im Monat die Witwen Reis, Hirse und Linsen erhalten und jedes Jahr ein neues Kleid. Noch hilfsbedürftiger sind die ­armen Kinder Indiens, die zum Teil nackt auf der Strasse leben. Im Kinderheim Vijayawada nimmt man sich ihrer an. «Ein Kind hat uns immer das Tor aufgemacht und stets gestrahlt wie eine ­Sonne», so Ingrid Eggenberger. «Dieses Kind fand man auf einem Abfallhaufen. Da es körperlich und geistig behindert ist, haben es die Eltern ausgesetzt.» Heute kann das Kind etwas laufen und sich mit Hilfe von Computer-Tasten ausdrücken. «Eine Mutter überquerte mit ihrem Kind die Strasse und wurde von einem Auto erfasst», erzählt Eggenberger ein weiteres Beispiel. «Sie warf das Kind gerade noch auf die andere Seite.» Jedes Kind in diesem Heim trägt eine andere tragische Geschichte mit sich – und hat nun eine Zukunft.

Im Kinderheim wird viel gelernt, viele Aufgaben erledigt, zum Spielen bleibt kaum Zeit. Der Ehrgeiz des indischen Pärchens, das vor Ort die Geschicke führt, ist gross. Sie wissen, dass es für die Kinder der einzige Ausweg aus der Armut sein kann. Zeit zum Basteln mit den Kindern fand Eggenberger aber doch. «Es herrschte eine zufriedene und liebe­volle Atmosphäre», beschreibt sie. «Ich war begeistert davon, wie man untereinander, zum Beispiel einen Schokoladenriegel, geteilt hat. Das habe ich im Kindergarten nie erlebt», zieht sie den Vergleich zur Schweiz, wo die Kinder alles haben – und seltener zufriedenzustellen sind als jene in Indien.