Impfobligatorium als letztes Mittel

Der Abschluss der nationalen Masern-Kampagne ist für den Kanton St. Gallen der Auftakt zu weiteren Massnahmen im Kampf gegen die Krankheit. Im Visier haben die Behörden vor allem Ärzte, Hebammen und Beratungsstellen.

Andri Rostetter
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«Alle notwendigen Mittel einsetzen»: Vorbereitung einer Impfung an der ETH Lausanne während der Masernepidemie 2009. (Bild: ky/Laurent Gillieron)

«Alle notwendigen Mittel einsetzen»: Vorbereitung einer Impfung an der ETH Lausanne während der Masernepidemie 2009. (Bild: ky/Laurent Gillieron)

ST. GALLEN. Auf den ersten Blick sah es aus wie eine Erfolgsmeldung: Die Schweiz sei auf gutem Weg, masernfrei zu werden, verkündete das Bundesamt für Gesundheit (BAG) Anfang Jahr. Bei genauerem Hinsehen zeigte die BAG-Bilanz zur nationalen Impfkampagne allerdings mehrere dunkle Flecken. In der Schweiz sind heute zwar mehr Menschen gegen Masern geimpft als vor der 2011 gestarteten Kampagne. Vor allem bei Jugendlichen ist die Impfrate höher als noch vor ein paar Jahren. Gleichzeitig hat sich die Rate in einzelnen Bevölkerungsgruppen verschlechtert.

Anstieg bei Jugendlichen

Überrascht haben vor allem die Zahlen aus dem Kanton St. Gallen. Hier ist die Durchimpfung gegen Masern bei einer Altersgruppe deutlich gesunken: Von den Zweijährigen sind heute nur noch 81 Prozent gegen die Krankheit geimpft (Ausgabe von gestern). Vor fünf Jahren waren es immerhin 84 Prozent.

Auch das würde allerdings nicht reichen, um die Masern auszurotten: Damit die Viren keine Chance mehr haben, müssten mindestens 95 Prozent der Bevölkerung geimpft sein. Bei den Jugendlichen im Kanton St. Gallen ist diese Marke fast erreicht: Zwischen 2011 und 2013 stieg die Impfrate von 90 auf 92 Prozent. «Dieser Erfolg ist zu einem grossen Teil der Verdienst der Schulärztinnen und Schulärzte, die insbesondere bei Jugendlichen den Impfstatus erheben und Nachimpfungen anbieten», schreibt das St. Galler Gesundheitsdepartement.

Seit August 2015 ist Karin Faisst kantonale Präventivmedizinerin in St. Gallen. Der Rückgang der Masernimpfungen im Kanton hat sie selber überrascht. «Die exakten Ursachen kennen wir nicht», räumt sie ein, äussert aber eine Vermutung: «Der Einfluss der Impfgegner ist stärker geworden, gerade im Kanton St. Gallen.» Die Debatte werde nicht nur mit emotionalen, sondern auch mit politischen Argumenten geführt. «Eine Impfempfehlung gilt wieder verstärkt als Bevormundung durch den Staat.»

Kanton will noch mehr Daten

Der Kanton will nun vor allem Kinder- und Hausärzte noch besser in den Kampf gegen die Masern einbeziehen. «Wir müssen versuchen, noch mehr Daten zu bekommen», sagt Faisst. «Wir müssen diverse Fragen klären: Gibt es regionale Unterschiede? Oder ist der Rückgang flächendeckend? Dann müssen wir uns überlegen, wer neben Frauenärztinnen, Hebammen, Kinderärzten, Mütter- und Väterberatungsstellen mit den Eltern Kontakt hat und zur Entscheidungsfindung beiträgt.»

Anschliessend soll mit sämtlichen Akteuren eine gemeinsame Strategie entwickelt werden. Der Kanton macht das nicht nur aus eigenem Antrieb: Nach der letzten grossen Masernepidemie haben sich die kantonalen Gesundheitsdirektoren verpflichtet, «alle geeigneten und notwendigen Mittel einzusetzen, um die Masern in der Schweiz zu eliminieren», wie es in einem Bericht des BAG von 2009 heisst. Damit lassen die Kantone den Weg frei für die heikelste aller Massnahmen: das Impfobligatorium. Geprüft werden soll, ob es «möglich und zweckmässig wäre», beim Eintritt in eine Krippe oder in die Schule ein Obligatorium für die Masernimpfung einzuführen.

Studie zurückgezogen

Vorderhand will man es aber mit Aufklärung versuchen. Ein Spaziergang wird das kaum. Gerade was die Masernimpfung angeht, halten sich die Gerüchte hartnäckig. So ist immer noch oft zu hören, die Impfung könne Autismus verursachen. Die Behauptung geht auf den britischen Arzt Andrew Wakefield zurück. Im renommierten Magazin «Lancet» veröffentlichte Wakefield 1998 eine Studie, in der er einen Zusammenhang zwischen dem Masernimpfstoff und Autismus herstellte. Wakefields Daten erwiesen sich als gefälscht, die Studie wurde 2010 zurückgezogen. Der Schaden, den sie angerichtet hat, beschäftigt die Medizin noch heute.

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