Im Nachbarkanton abtreiben lassen

In der Ostschweiz liegt die Abtreibungsrate unter dem nationalen Durchschnitt. Im vergangenen Jahr haben insgesamt 739 in der Ostschweiz lebende Frauen einen Abbruch durchführen lassen. Dies jedoch nicht ausschliesslich in ihrem Wohnkanton.

Alessia Pagani
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Seit 2011 sind in der Schweiz von Jahr zu Jahr immer weniger Schwangerschaften frühzeitig abgebrochen worden. Dies zeigen die aktuellen Zahlen des Bundesamts für Statistik (BFS), die gestern veröffentlicht wurden. 2014 sind schweizweit 10 249 Abtreibungen durchgeführt worden, im Jahr zuvor waren es 10 484 und 2012 noch 10 907. Pro 1000 Frauen im Alter zwischen 15 und 44 Jahren gab es im vergangenen Jahr im Durchschnitt 6,3 Abtreibungen schweizweit.

Eine der höchsten Raten hat der Kanton Genf mit 10,8. Die Zahlen der Schwangerschaftsabbrüche in den vier Ostschweizer Kantonen liegen unter dem nationalen Durchschnitt, wie das BFS mitteilt. In St. Gallen beispielsweise liegt die Rate bei 5,1 Abtreibungen pro 1000 Frauen, im Kanton Thurgau bei 4,3.

Ausserhalb des Wohnkantons

Insgesamt haben im vergangenen Jahr 739 Frauen, die in der Ostschweiz wohnen, ihre Schwangerschaft abgebrochen. 708 von ihnen haben den Eingriff in einem Spital in der Ostschweiz durchführen lassen. Das heisst, dass einige Frauen für ihren Abtreibungseingriff in ein Spital ausserhalb ihres Wohnkantons gegangen sind.

In St. Gallen und im Thurgau decken sich diese beiden Zahlen in etwa (siehe Grafik). In den Kantonen Appenzell Ausserrhoden und Innerrhoden hingegen gehen die Werte auseinander: Die Zahl der Eingriffe in Appenzell Ausserrhoden (52) ist wesentlich höher als die Zahl der im Kanton wohnhaften Betroffenen (39). Demnach haben sich in Appenzell Ausserrhoden auch auswärtige Frauen einem solchen Eingriff unterzogen. Im Kanton Appenzell Innerrhoden ist die Situation umgekehrt: Von sechs Schwangerschaftsabbrüchen wurde keiner im Kanton durchgeführt.

Hierfür könnte ein Grund sein, dass die Gynäkologische Abteilung des Spitals Appenzell vor zwei Jahren geschlossen wurde und sich nun einige Betroffene im Nachbarkanton behandeln lassen, wie es beim Bundesamt auf Anfrage heisst. Als weitere Gründe nennen die Fachleute den «Mangel an Angeboten im Wohnkanton sowie die steigende Mobilität». Daneben könnten aber auch die Religion oder die Anonymität eine Rolle spielen, so das Bundesamt für Statistik.

Kein Tabu mehr

Seit die Fristenregelung 2002 vom Stimmvolk angenommen wurde, entscheidet nicht mehr der Arzt über eine allfällige Abtreibung, sondern die Frau selber. Gegner dieser Regelung befürchteten damals, die Abtreibungsrate würde dadurch in die Höhe schnellen. Die Zahlen aus den vergangenen Jahren widersprechen dem. Die Enttabuisierung lasse die Zahlen sinken, heisst es beim Bundesamt für Statistik.

Die Schwangerschaftsabbruchrate in der Schweiz ist im Vergleich zu anderen europäischen Ländern klein. In Frankreich lag die Rate im Jahr 2013 18,1 pro 1000 Frauen, in England und Wales bei 17,0. In der Schweiz betrug sie 6,5.

Zahl bei jungen Frauen sinkt

In der Schweiz nimmt die Abbruchrate insbesondere bei den jungen Frauen stetig ab, die Zahlen in der Altersgruppe der 15- bis 19-Jährigen sinken seit 2005 kontinuierlich. Im vergangenen Jahr haben 53 in der Ostschweiz wohnhafte Frauen dieser Altersklasse ihre Schwangerschaft frühzeitig abgebrochen, im Jahr 2012 waren es noch 80. Die höchste Rate weist die Altersgruppe der 20- bis 24-Jährigen auf, wie das Bundesamt in seiner Bestandesaufnahme schreibt. Im Kanton St. Gallen beispielsweise wurden im Jahr 2014 29 Abtreibungen bei Frauen bis 19 Jahren durchgeführt, 115 hingegen waren es bei Frauen im Alter zwischen 20 und 24 Jahren.

Die Abbruchrate bei ausländischen Frauen, die in der Schweiz leben, ist zwei- bis dreimal so hoch wie die bei Schweizerinnen. Dabei haben die Afrikanerinnen mit einer Rate von 35,1 die meisten Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen, gefolgt von den Lateinamerikanerinnen mit 15,2.