«Ich wollte Archäologin werden»

Noch immer gibt es nur vereinzelt Frauen, die mit einem Kehrichtlastwagen unterwegs sind. Marina Zweifel dachte anfangs auch, dass sie es nicht lange tun werde. Doch sie ist immer noch jeden Tag mit Freude in ihrem LKW unterwegs.

Saskia Bühler
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Im Kehrichtlastwagen ist sie als Frau eine Seltenheit, doch Marina Zweifel liebt ihre Arbeit mit dem LKW. (Bilder: Saskia Bühler)

Im Kehrichtlastwagen ist sie als Frau eine Seltenheit, doch Marina Zweifel liebt ihre Arbeit mit dem LKW. (Bilder: Saskia Bühler)

BUCHS. In ihrem Kehrichtlastwagen ist Marina Zweifel von der Stefan Zweifel AG in Buchs in der ganzen Region unterwegs, um Grünabfuhr, Papier, Karton und Eisen einzusammeln. Die 55-Jährige ist für das Gebiet von Sennwald bis Buchs zuständig. Wenn es viel zu erledigen gibt, verschlägt es sie manchmal sogar bis nach Sargans.

Männer waren nicht begeistert

«Als ich vor 20 Jahren meine Lastwagenprüfung gemacht habe, war ich als Frau eine Exotin», sagt Marina Zweifel. Damals hätten viele Männer negativ darauf reagiert, dass eine Frau in ihre Domäne eindringt. Sie waren der Meinung, dass Frauen nicht so gut mit den grossen Fahrzeugen umgehen könnten wie sie. Heute sieht man häufiger Frauen, die LKW fahren. Im Geschäft mit dem Müll sind sie jedoch immer noch eine Seltenheit.

Das Umfeld von Marina Zweifel reagierte damals und heute vor allem positiv. Noch immer bekommt sie hin und wieder ein Kompliment für ihre Berufswahl. Angefangen hatte ihre berufliche Laufbahn in einer vollkommen anderen Branche. Früher war sie Serviertochter, bis sie ihren Mann kennenlernte und etwas später Mutter wurde. Danach arbeitete sie erst wieder, als das jüngste ihrer drei Kinder eingeschult wurde. Nachdem sie fünf Jahre auf dem Müllwagen als Müllladerin gearbeitet hatte, wurde sie schliesslich hauptberufliche Chauffeuse. Sie hatte den Vorteil, im eigenen Geschäft arbeiten zu können. So konnte sie sich selbst die Zeit einteilen und darauf achten, dass sie zu Hause ist, wenn die Kinder von der Schule zurückkommen.

Heute steigt sie immer noch hin und wieder hinten auf einen Müllwagen. Aber nur, wenn es wirklich zu wenig Mülllader hat. Ansonsten sitzt sie lieber hinter dem Steuer. «Dort ist es bei jedem Wetter angenehm. Man ist überdacht und im Sommer ist der Lastwagen klimatisiert», erklärt sie.

Von Anwohnern erwartet

Besonders gut gefällt Marina Zweifel an ihrer Arbeit, dass sie viel Kontakt mit Menschen hat. Wenn sie langsam durch die Quartiere fährt und immer wieder anhalten muss, um Kehricht aufzuladen, kommt sie häufig mit den Anwohnern ins Gespräch.

Oft warten die Leute sogar schon auf sie, wenn sie ihre Tour macht, um ein Schwätzchen mit ihr halten zu können. Da ist es auch schon vorgekommen, dass sie zu einem Getränk eingeladen wurde.

Ihr Beruf sei gerade auch wegen des grossen Einzugsgebietes sehr interessant und abwechslungsreich. Man sehe viel verschiedenes und könne immer wieder mit anderen Leuten ins Gespräch kommen.

Einmal hat sie sogar von einem Mann, der jeweils auf sie wartet, zu Ostern eine Kühltasche gefüllt mit Körperpflegeprodukten geschenkt bekommen. «Er fragte mich, ob ich bei meinem Beruf nicht jeden Abend duschen müsse. Dann hat er mir die Tasche geschenkt», erzählt sie lachend.

Doch sie ist sich auch der Gefahren ihres Berufs bewusst. Während Kinder heutzutage von der Polizei auf die Gefahren des toten Winkels bei Lastwagen sensibilisiert werden, verhalten sich vor allem Fahrradfahrer und Jugendliche oft weniger rücksichtsvoll und begeben sich ohne nachzudenken in den für die Fahrerin unsichtbaren Bereich des Fahrzeugs. Das erschwert ihr oft die Arbeit und erfordert höchste Konzentration.

Gerade hat sie auch in einem der obligatorischen Kurse für LKW-Fahrer wieder deutlich gemerkt, wie gross und gefährlich der tote Winkel wirklich ist.

Im Herbst ist es anstrengender

Manchmal sind ihre Arbeitstage auch sonst stressig. In der Sommerferienzeit sei nie viel los, aber sobald es Herbst wird und viel Grünabfuhr anfällt, muss sehr effizient gearbeitet werden, damit alles rechtzeitig aufgeladen werden kann. Daneben muss Zweifel als LKW-Fahrerin noch auf die Strasse, Kinder, Tiere und andere Hindernisse achten. Da sei sie am Ende des Tages jeweils ziemlich geschafft.

Deshalb hat sie sich angewöhnt, sich nach der Arbeit erst einmal eine Stunde hinzusetzen und einen Kaffee zu trinken, um runterzufahren.

Privat mag Marina Zweifel es gerne gemütlich. Sie entspannt sich am liebsten zu Hause im Garten oder geht mit der Familie in die Berge zum Wandern.

«Ich würde nichts ändern»

Sie wollte nicht immer Chauffeuse werden. Als Kind träumte sie davon, als Archäologin überall Ausgrabungen zu machen. Das hat sich irgendwann mit dem Älterwerden geändert.

Heute gibt Zweifel zu: «Ich hätte doch immer gerne als Archäologin gearbeitet.» Dennoch würde sie ihren Beruf nicht mehr wechseln. «Das Fahren macht mir Spass und es gibt nichts an meiner Arbeit, das ich ändern würde», sagt sie.

Marina Zweifel lädt die Grünabfuhr bei der Deponie in Buchs ab.

Marina Zweifel lädt die Grünabfuhr bei der Deponie in Buchs ab.

Bild: SASKIA BÜHLER

Bild: SASKIA BÜHLER