Hohe Franchisen sind langfristig unsinnig

In allen Kulturen müssen gesunde Eltern ihre kranken Kinder sowie ihre kranken Eltern pflegen oder die Kosten solidarisch tragen. Ein merkwürdiges Sozialversicherungssystem sichert in der Schweiz die Finanzierung der Gesundheitskosten. Dieses ist neoliberal geprägt.

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In allen Kulturen müssen gesunde Eltern ihre kranken Kinder sowie ihre kranken Eltern pflegen oder die Kosten solidarisch tragen. Ein merkwürdiges Sozialversicherungssystem sichert in der Schweiz die Finanzierung der Gesundheitskosten. Dieses ist neoliberal geprägt. Jeder muss sich zwar selbst versichern, kann zwar eine Krankenkasse auswählen, bezahlt dafür seine Kopfprämie, die Kosten der gleichen Leistungen aber sind regional (meist kantonal) geregelt.

Dieses System kann als Sozialversicherung grundsätzlich nicht funktionieren. Deshalb sind Korrekturen parteipolitisch und ökonomisch unbestritten notwendig. Wie bei allen staatlichen Problemen sind der Weg und die notwendigen Mittel dazu umstritten, im Hinblick auf eigene Vorteile, für Gesunde und einige bekannte Parlamentarier.

Immer im Herbst ergeben sich für jeden Schweizer Probleme mit den Prämien der Krankenkassen. Comparis und ähnliche Systeme können langfristige Probleme nicht lösen. Sie sind ein kostspieliger Unsinn im Hinblick auf die Solidarität. Die Abwerbung «guter Risiken» als gröbster Missbrauch soll mit einem verfeinerten Risikoausgleich abgefedert werden.

Auch jede Franchise ist klar eine Diskriminierung der Kranken, weil die sich keine leisten können. Das Argument «Rabatt für Eigenverantwortung» widerspricht den Erfahrungen der meisten Ärzte, solange diese Patienten behandeln und nicht «Kunden managen».

Die meisten Patienten wählen «ihre Krankheit oder ihren Unfall» nicht aus, sondern werden davon schicksalshaft betroffen. Dies ergibt dann für sie neben der Lohneinbusse wegen Arbeitsunfähigkeit oder Invalidität bei einer hohen Franchise noch zusätzliche Kosten für sich und ihre Familie. In den USA wird vorsichtig geschätzt, dass «62,1 Prozent aller Privatinsolvenzen im Jahr 2007 medizinische Ursachen hatten». Siehe Stieglitz J., Nobelpreisträger für Wirtschaft: Der Preis der Ungleichheit, wie die Spaltung der Gesellschaft unsere Zukunft bedroht. Pantheon 2014, p. 416, Zit. 38: Himmelstein. Dies gilt im Prinzip auch für die Schweiz. Kranke haben oft aus ökonomischen Gründen grosse Mühe, bei einer Kündigung eine neue Stelle zu finden. Für die IV haben sie wohl einbezahlt. Eine Arbeit «in leidensadaptierter Tätigkeit» finden sie nicht. Sie gelten als «Pseudoinvalide».

Dr. med. Markus Gassner Spitalstrasse 8, 9472 Grabs