Himmel oder Hölle?

Nein, gemeint sind nicht die Orte weit weg. Himmel und Hölle kennen die meisten Menschen ganz aus der Nähe. Aus Situationen, in denen man sich gegenseitig das Leben zum Himmel oder zur Hölle macht. So unterschiedlich die beiden Lebensgefühle sind, so nahe liegen sie oft beieinander.

Pfarrer Richard Aebi, Sevelen
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Nein, gemeint sind nicht die Orte weit weg. Himmel und Hölle kennen die meisten Menschen ganz aus der Nähe. Aus Situationen, in denen man sich gegenseitig das Leben zum Himmel oder zur Hölle macht. So unterschiedlich die beiden Lebensgefühle sind, so nahe liegen sie oft beieinander. Und wie wenig es braucht, um vom einen ins andere zu gelangen, illustriert die folgende Gleichnisgeschichte:

Da war ein Mann, der hätte gerne einmal gesehen, wie es in Himmel und Hölle ausschaut. Gott gewährte ihm die Bitte, und im Traum durfte der Mann zuerst die Hölle betreten. Er stand in einem grossen Raum, in dessen Mitte ein riesiger Topf mit den köstlichsten Speisen stand. Rund um den Topf sassen Leute mit langen Löffeln. Und jeder versuchte mühsam, mit den überlangen Löffeln die Köstlichkeiten in den Mund zu befördern. All die Menschen hatten einen unersättlichen Hunger, den nach Liebe, den wir alle verspüren. Aber da jeder nur an sich dachte und sich den eigenen Bauch vollschlagen wollte, konnte das mit den viel zu langen Löffeln nicht gelingen. Die Atmosphäre bei diesen immerwährenden Versuchen war tödlich: Eisiges Schweigen, Hunger, Frustration, Hass.

Als der Mann im Traum nun auch noch den Himmel betreten durfte, erschrak er: Es sah alles genau gleich aus wie in der Hölle. In der Mitte der riesige Topf voll Köstlichkeiten – und ringsum die Menschen, auch hier mit unersättlichem Hunger nach Liebe, auch hier mit riesenlangen Löffeln. Nur: Die Menschen sahen alle wohlgenährt und glücklich aus und es herrschte eine gelöste Atmosphäre. Hier wurde jeder satt. Der Mann fragte sich erstaunt, warum hier alle zufrieden waren. Dann sah er es. Die Menschen hatten herausgefunden: Mit den langen Löffeln gelingt das Essen nur, wenn ihn jeder dem anderen hinhält. Im gegenseitigen Geben wird es möglich, wird das Leben zum Himmel.

Nein, niemand braucht nun überlange Löffel zu kaufen, um glücklich zu sein. Es braucht nur die richtige Blickrichtung. Nämlich im Himmel die, die zuerst den anderen sieht und ihm zum Glück verhilft.

Den Segen dieser tief im christlichen Glauben verwurzelten «himmlischen» Blickrichtung wünsche ich uns allen.