Heute Fremder – morgen Nachbar?

Gerti Saxer aus Rorschach weiss, was es heisst, die heimatlichen Wurzeln zu verlieren und sich in einer fremden Kultur zurechtzufinden. In der Schweiz angekommen, trat sie mehrmals in Fettnäpfchen.

Heidy Beyeler
Merken
Drucken
Teilen
Gerti Saxer von der Arge Integration Ostschweiz arbeitet zu einem guten Verständnis mit vielen Beispielen. Sie referierte über den Umgang mit Menschen aus anderen Kulturen. (Bild: Heidy Beyeler)

Gerti Saxer von der Arge Integration Ostschweiz arbeitet zu einem guten Verständnis mit vielen Beispielen. Sie referierte über den Umgang mit Menschen aus anderen Kulturen. (Bild: Heidy Beyeler)

Der Diakonieverein Werdenberg lud zu einem öffentlichen Vortrag in den Kirchgemeindesaal Räfis ein zum Thema «Umgang mit Menschen aus anderen Kulturen». Ein Thema, das auf Interesse stösst, was anhand der ansehnlichen Anzahl Besucherinnen und Besucher festzustellen war. Die Zunahme von Einwanderern und Asylbewerbern verursacht da und dort Unsicherheit. Eine Unsicherheit, die augenscheinlich auf Unwissen und Angst beruht. Gerti Saxer, Arge Integration Ostschweiz, weiss, wovon sie spricht, wenn sie dieses Thema anspricht. Sie selber hat vor vierzig Jahren – als Fremde – mit ihrem Mann, einem Schweizer, von Brasilien kommend ein fremdes Land kennengelernt. So wie ihr Mann in Brasilen ein Fremder war, erlebte sie nun das Schicksal einer Fremden in der Schweiz. Dass es in solchen Fälle in einer fremden Gesellschaft zu Missverständnissen und Stolpersteinen kommt, scheint auf Unkenntnis der unterschiedlichen Kulturen auf beiden Seiten zu basieren, sagt Saxer.

Fremdsein, wie fühlt sich das an?

Die Referentin stieg mit dem Hinweis auf das Thema ein, indem sie sagte, dass das Fremdsein nicht nur in Bezug auf fremde Menschen, die einem begegnen, beruhe, sondern auch auf ganz viele Dinge des Alltags empfunden werde. Allein wenn man an die Wissenschaft und Technik denke, mit deren neuen Erkenntnissen sich die Menschen konfrontiert sehen, erkenne man, dass einem etliches was neu ist, einem auch fremd ist. Mit der Industrialisierung hat auch die Migration von Schweizern begonnen, weil es in Amerika Arbeit und fruchtbare Böden gab. «Derzeit kommen Menschen zu uns in die Schweiz, die aufgrund von Krieg und Armut Schutz suchen. Das führt dazu, dass wir eine Form des Zusammenlebens suchen und mit der Fremdheit, der wir begegnen und mit der wir uns auseinandersetzen müssen.»

Eine gute Antwort darauf, was Fremdsein bedeutet oder wie sich Fremdsein anfühlt, hatte Gerti Saxer mit dem Zitat «Lehrstunde: Die Fremden» aus Karl Valentins «Sämtliche Werke», Band 4, Piper Verlag, München 1994, parat. Spätestens beim Lesen dieses Beitrages wird klar: Jeder Mensch ist in irgendeiner Art irgendwann einmal ein Fremder. Das zu wissen, kann zu einem offeneren Verständnis gegenüber Fremden führen. «Ein Mensch, und wenn es auch der Nachbar ist, kann ­immer ein Fremder sein, selbst wenn er ein Einheimischer ist», macht Saxer klar.

«Besser ist es, sich offen damit auseinanderzusetzen»

Mit alltäglichen Beispielen gab Gerti Saxer Denkanstösse zum Thema «Fremde» und was als fremd empfunden wird an die Zuhörerschaft weiter. Als fremd wir meist das bezeichnet, was man nicht kennt; beispielsweise eine andere Kultur, eine andere Tradition oder andere Gepflogenheiten. Die Vortragende macht deutlich, dass jemand für ein Biotop von Vorurteilen sorge, falls er in Unkenntnis einer Kultur, einer Tradition oder Gepflogenheit darüber urteilt. Das führe zu Vorurteilen. Besser sei es, sich offen damit auseinanderzusetzen, um das Fremde kennenzulernen. Damit könne man Missverständnisse verhindern. Das gelte aber sowohl für Einheimische wie für Fremde.

Nach den Ausführungen von Gerti Saxer entstanden angeregte Gespräche. Danach wies sie darauf hin, dass Bereitschaft vorhanden sein müsse, sich auf jemanden einzulassen, damit sich Fremde in einem neuen Umfeld integrieren können.

Heidy Beyeler

redaktion@wundo.ch