Herr Doktor, einen Buben bitte

Die Präimplantationsdiagnostik hat die allgemeine pränatale Diagnostik in den Fokus gerückt, insbesondere die Frage gezielter Abtreibungen aufgrund des Geschlechts. Auch Ostschweizer Spitäler sind damit konfrontiert – selten.

Regula Weik
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Künstliche Befruchtung im Labor. (Bild: fotolia)

Künstliche Befruchtung im Labor. (Bild: fotolia)

ST. GALLEN. Wenn die Präimplantationsdiagnostik erlaubt wird, wird sie früher oder später auch für unerlaubte Tests verwendet werden. So argumentieren Kritiker und Gegner. Der Ständerat ist anderer Meinung. Er will die Präimplantationsdiagnostik beschränkt zulassen – nämlich dann, wenn die Gefahr besteht, dass die Eltern ihren Kindern schwere Erbkrankheiten weitergeben.

«Unerwünschtes Geschlecht»

Für Irritation haben Kommentare gesorgt, die den Entscheid des Ständerats mit der allgemeinen Pränataldiagnostik «vermischten». Und dabei auch auf ein Mail des St. Galler Kantonsarztes an die Ärzte im Kanton verwiesen. Eine Nachfrage bei Markus Betschart zeigt: Sein Mail – es wurde vor dem Ständeratsentscheid verschickt – äussert sich zu allfälligen Druckversuchen von Eltern, durch Tests das Geschlecht des Kindes möglichst früh zu erfahren, um den Fötus straffrei abtreiben zu können, sollte es sich um das «unerwünschte» Geschlecht handeln. Das Problem der Geschlechterselektion ist vor allem aus Asien bekannt. Viele Eltern lassen weibliche Föten abtreiben, da sie unbedingt einen männlichen Stammhalter wollen.

Kommt es im Kanton St. Gallen zu gezielten Abtreibungen aufgrund des Geschlechts? Kantonsarzt Betschart kennt keinen Fall.

Diagnose von Krankheiten

Betscharts Mail hatte einen anderen Hintergrund: Das Bundesamt für Gesundheit hat die Kantonsärzte in einem Schreiben darauf hingewiesen, dass zu einem frühen Zeitpunkt der Schwangerschaft «die Ermittlung des Geschlechts des Embryos oder des Fötus zu einem anderen Zweck als der Diagnose einer Krankheit verboten ist». Diese Information aus Bern hat Betschart den Ärzten zugeleitet.

Hat der Bund Hinweise, dass es in der Schweiz heute öfter zur Geschlechterselektion kommt? «Es lässt sich keine steigende Tendenz feststellen», hält das Bundesamt für Gesundheit fest. Das Thema sei aktuell, da einzelne pränatale Tests ermöglichten, bereits ab der neunten Schwangerschaftswoche verschiedene «chromosomale Aberrationen» festzustellen. Dabei würden auch das X- und das Y-Chromosom untersucht, so dass automatisch das Geschlecht des Kindes bekannt werde. Die Tests könnten daher im Einzelfall von den Eltern dazu missbraucht werden, unabhängig von einer geschlechtsbedingten Krankheit «das Geschlecht des Embryos oder des Fötus zu erfahren, um bei einem unerwünschten Ergebnis noch innerhalb der Fristenregelung einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen zu können».

«Verschwindend kleine Zahl»

Er habe mehrere Elternpaare erlebt, die «mit dem klaren Willen zur Geschlechterselektion» in die Pränataldiagnostik gekommen seien, sagte Thomas Eggimann, Chefarzt der Frauenklinik Münsterlingen, im Herbst. «Wir haben das stets abgelehnt und haben uns nicht nur Freunde geschaffen.» Auch das Kantonsspital St. Gallen hat Erfahrung mit Eltern, bei denen die Geschlechtsbestimmung im Vordergrund steht und nicht die Gesundheit des Kindes. Der Medienbeauftragte Philipp Lutz spricht von einer «verschwindend kleinen Zahl». Wenn die Gefahr bestehe, dass die Information über das Geschlecht werdende Eltern zu einer Abtreibung veranlasse, dürfe der Arzt der schwangeren Frau das Geschlecht nicht mitteilen, sagt Kantonsarzt Betschart.

Deutschland ist einen Schritt weiter. Dort hat der Gesetzgeber gehandelt. So ist es den Ärzten nicht mehr erlaubt, den werdenden Eltern das Geschlecht des Kindes vor Ende der zwölften Schwangerschaftswoche überhaupt mitzuteilen; ab der 13. Woche sind Abtreibungen strafbar. Eine derart strikte Regelung fehlt in der Schweiz. Zwar ist die Abklärung des Geschlechts eines Embryos in der Frühphase der Schwangerschaft nur im Zusammenhang mit der Diagnose einer Krankheit explizit erlaubt – doch: Das Gesetz geht nicht weiter darauf ein, ob das Geschlecht mitgeteilt werden darf, wenn es als Nebenbefund zutage tritt.