GRABSERBERG: Heilmittel auf dem Vormarsch

Der erste Schnitt des Kerbelkrauts wird momentan am Grabserberg zum altbewährten Volksmittel, dem Chörbliwasser, verarbeitet und gebrannt. Die Nachfrage ist seit Jahren schweizweit ungebrochen.

Ursula Wegstein
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Hans Zogg von der Mosterei & Brennerei Zogg beim Abfüllen des beliebten Chörbliwassers. (Bilder: Ursula Wegstein)

Hans Zogg von der Mosterei & Brennerei Zogg beim Abfüllen des beliebten Chörbliwassers. (Bilder: Ursula Wegstein)

Ursula Wegstein

ursula.wegstein@wundo.ch

Abfüllen. Umrühren. Umschütten. Überall stapeln sich Bündel von Kerbelkraut, die auf ihre Verarbeitung warten. Das Telefon klingelt unentwegt. Kunden entladen körbeweise Chörblichrut aus ihrem Kofferraum. Und wollen literweise das begehrte Kerbelwasser kaufen. Es ist nicht zu übersehen: Die Produktion läuft auf Hochtouren. Hans Zogg von der Mosterei & Brennerei Zogg hat alle Hände voll zu tun. Und eigentlich keine Zeit für Fragen. Das ein oder andere war dennoch nebenbei zu erfahren.

Hauptsächlich bezieht Hans Zogg das Kerbelkraut der Süssdolde von anderen Bauern aus der Region. Ein kleiner Teil ist Eigenbau. Mancher kommt mit einer Ladung Kerbelkraut, welches sogleich gewogen wird, und nimmt im Gegenzug flaschenweise das Chörbliwasser mit.

Die Süssdolde ist kein einheimisches Gewächs

Als eine spezielle Art Kerbel ist die Süssdolde unter den einheimischen Kulturkräutern eher eine Unbekannte. Vielmehr stammt die Pflanze ursprünglich aus Westasien und dem Kaukasus und muss hier eigens angebaut werden. Zufällig kann sie in manch einem Bauerngarten gedeihen, wenn dort besonders humusreicher Boden vorzufinden ist. Abnehmer des alkoholfreien Destillats sind hauptsächlich Privatkunden aus der Region, aber auch Drogerien und drei bis vier Naturärzte. «Wer’s kennt, kann nicht darauf verzichten», ist Zogg überzeugt. «Mancher Werdenberger, der die Region verlassen hat, bestellt sich das Produkt immer wieder.» Der Versand erfolgt schweizweit. «Werbung in irgendeiner Form ist nicht nötig. Alles läuft über Mund-zu-Mund-Propaganda von ganz allein.»

Die Anzahl der Schnitte ist wetterabhängig

Ob es dieses Jahr wieder drei Schnitte Kerbelkraut geben wird, kann Hans Zogg aus heutiger Sicht nicht sagen: Es hängt vom Wetter ab. Sind die Bedingungen ideal, wäre Anfang Juli und Mitte August jeweils noch ein weiterer Schnitt möglich. Generell gilt für das Chörblichrut: Nass ist besser als heiss.

Bis ans Ende des achtzehnten Jahrhunderts lässt sich die Tradition des Kerbelwassers in der ­Region zurückverfolgen, weiss Zogg. Er selbst hat die Braukunst 1989 zusammen mit seinem Bruder vom Vater übernommen, der im Jahr 1947, vor siebzig Jahren, das erste Chörbliwasser gebrannt hat. Um ein Modepräparat handelt es sich also keineswegs. Zwar ist ein wissenschaftlicher Nachweis bisher nicht erfolgt. Dennoch: «Das Chörbliwasser wird hauptsächlich deshalb gern genommen, weil man an seine Wirkung glaubt», hielt der Trübbacher Arzt Dr. Walter Sulser einst fest. Und Glaube versetzt bekanntlich Berge.

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