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GRABS: «Ich muss auch dann da sein, wenn die Seele blutet»

Spitalseelsorgerin Marlies Schmidt-Aebi ist für diejenigen Menschen da, denen es schlecht geht. Deren Wunsch - gesund zu werden - kann sie nicht erfüllen, aber sie macht das Kranksein und Sterben erträglicher.
Alexandra Gächter
Marlies Schmidt-Aebi bringt Licht und Wärme in das Spital Grabs.

Marlies Schmidt-Aebi bringt Licht und Wärme in das Spital Grabs.

Alexandra Gächter

alexandra.gaechter@wundo.ch

Weihnachten ist eine strenge Zeit. Auch für Spitalseelsorgerin Marlies Schmidt-Aebi. Seit elf Jahren ist sie mit einem Teilzeitpensum für das seelische Wohlergehen der Patienten im Spital Grabs zuständig. «Weihnachten ist sehr berührend im Spital. Es wird sehr viel geweint», sagt Marlies Schmidt-Aebi aus Haag. «An Weihnachten merken viele Menschen, wie kostbar das Leben ist. Und wie zerbrechlich. So zerbrechlich wie eine Weihnachtskugel.» Für diejenigen Patienten, die an Weihnachten nicht nach Hause dürfen, feiert die Spitalseelsorgerin eine Weihnachtsfeier im Spital. Selbstverständlich sind auch die Angehörigen eingeladen. Jährlich gibt es zudem eine Gedenkfeier für all jene, die im Spital verstorben sind.

An Weihnachten arbeitet Marlies Schmidt-Aebi eigentlich immer. Sogar dann, als sie vor 20 Jahren kurz vor Weihnachten selber ins Spital eingeliefert wurde. «Ich gebar meinen Sohn am 23. Dezember. Das war wohl kein Zufall. Meine Bettnachbarin hatte das Kindbettfieber wegen einer schweren Infektion, die sie sich vor der Geburt eingefangen hatte.» Und so war Schmidt-Aebi für ihre Bettnachbarin da. Eingeteilt für diese Zusatzschicht wurde sie vom «Chef» persönlich. Ihr «Chef» ist Gott, wie sie sagt. «Für ihn arbeite ich ja.» Auch bei der Geburt ihrer anderen zwei ­Kinder war das Mitgefühl und die Fürsorge von Schmidt-Aebi gefragt. Die eine Bettnachbarin gebar ein schwerkrankes Kind, die andere musste eine sehr schwere, mehrtägige Geburt erleiden. «Die Frau wurde dadurch richtig traumatisiert.»

Konfession ist unwichtig

Als Spitalseelsorgerin besucht Marlies Schmidt-Aebi viele, aber nicht alle Patienten. In der Regel geht sie zu denen, die schon lange im Spital sind. Selbstverständlich dürfen alle nach ihr rufen, egal ob sie Krebs oder einen Beinbruch haben, ob sie 16 oder 96 Jahre alt sind. «Junge Menschen haben auch Probleme. Sie haben beispielsweise Zukunftsangst oder eine Trennung hinter sich. Es gibt auch überforderte Mütter und Arbeitnehmer mit einem Burn-out.» Und dann folgt ein Unfall oder eine schwere Krankheit. «All die vorangegangenen Probleme nehmen diese Personen mit in das Spital. Sie werden auf ein rechteckiges Ding namens Bett gelegt und sind dort mit ihren Problemen allein. Für diese Menschen bin ich da.»

Welche Konfession die Patienten haben, ist unwichtig. Marlies Schmidt-Aebi ist zwar eine evangelische Seelsorgerin und ihr Kollege ein katho­lischer, aber auch Nichtgläubige und Andersgläubige erhalten Hilfe von der Spitalseelsorge. «Ich rede nicht mit allen über Gott oder den Glauben. Manchmal reden wir über das Leben und die Probleme der Patienten.» Manchmal kommt sie aber nicht ­darum herum, über den Glauben zu sprechen. «Alle grossen Lebens­fragen, also die Sinnfragen, sind auch Glaubensfragen.»

Für Marlies Schmidt-Aebi ist es wichtig, dass sie Ruhe in die Hektik des Spitalalltags bringen kann. Die ­Patienten haben einen vollen Terminkalender. Die Spitalseelsorgerin muss irgendwie ein Zeitfenster zwischen Visite, Untersuchungen, Therapien, Pflege, Essen, Schlafen, Besuche und Putzfrau finden. Manchmal fragt ein gereizter Patient: «Und was wollen Sie noch von mir?» Dann antwortet Schmidt-Aebi: «Ich komme zu Ihrer Seele.» In nur ganz wenigen Fällen wird sie abgelehnt. Die Spitalseel­sorge sei die Einzige im Spital, die sich so viel Zeit nehmen darf, wie die Angelegenheit benötigt. «Ich kann ein Schild vor die Türe hängen mit den Worten ‹Bitte nicht stören›.» Darüber ist sie sehr dankbar. In der heutigen, schnelllebigen Welt gehe die Seele nämlich oft vergessen. Dabei sei es so wichtig, den Menschen ganzheitlich zu betrachten. «Wenn es der Seele schlecht geht, geht es dem Körper schlecht. Und umgekehrt. Körper und Seele kann man nicht trennen», ist Schmidt-Aebi überzeugt. Inwiefern die Spitalseelsorge zur Genesung eines Patienten beiträgt, kann sie nicht sagen. «Meine Arbeit ist nicht messbar. Daher kann ich nicht be­weisen, dass ich geholfen habe.»

Die gute Seele des Hauses

Ein bisschen reden. So stellen sich die meisten die Arbeit einer Spitalseel­sorgerin vor. Dem sei aber nicht so. «Meine Arbeit kostet Kraft. Ich muss eine verletzte Seele aushalten können und darf nicht ausweichen, wenn es emotional wird. Ich muss auch dann da sein, wenn die Seele blutet. Das ist mehr als ein bisschen reden.» Humor hilft ihr dabei. «Ich bin ein humor­voller Mensch, sonst könnte ich diesen Job nicht ausführen», so Schmidt-­Aebi. Was sie auf keinen Fall mache, ist missionieren und die schlechte Situa­tion der Menschen ausnutzen.

Marlies Schmidt-Aebi ist nicht nur für die Patienten da. Sie übernimmt auch die Seelsorge für das Spital­personal. «Ich höre ihnen bei privaten und geschäftlichen Sorgen zu. Geschäftlich wollen sie beispielsweise dann mit mir sprechen, wenn sich im Spital ein schwerer Todesfall ereignete oder wenn etwas nicht so geklappt hat, wie es sollte.» Die Spitalseelsorgerin ist auch für die Angehörigen da und hilft, wenn sie kann. «Wenn jemand aus der Familie schwer erkrankt oder stirbt, denken viele Angehörige, sie schaffen es nicht alleine. Dann mache ich ihnen Mut.»

Marlies Schmidt-Aebi wollte eigentlich Ärztin werden, kann aber kein Blut sehen. So entschied sie sich mit 13 Jahren, Pfarrerin zu werden. «Aber nicht des Glaubens wegen, sondern den Menschen zuliebe.» Der damalige Haager Dorfpfarrer war ihr ein Vorbild. Am liebsten arbeitet sie mit Menschen, die am Rande der Kirche stehen. «Das ist viel spannender.» Schmidt-Aebi bezeichnet sich als «sehr liberale Pfarrerin». Das müsse man auch sein, wenn man ausserhalb der Kirche Seelsorge betreibt.

Für ihren Traumberuf studierte Marlies Schmidt-Aebi sieben Jahre Theologie. Es sei ein sehr intellektuelles Studium mit Fächern wie Kirchengeschichte, Philosophie, Psychologie, Latein, Hebräisch und Griechisch. Vieles über die Menschen, ihre Wünsche und Sorgen habe sie aber nicht im Studium, sondern als Serviertochter und «Puffputzfrau» erfahren.

Wenn es eine Seelsorgerin für die Kantonspolizei in St. Gallen gäbe, würde sie sich dort bewerben. Denn neben der Seelsorge ist Kriminalistik ihr grosses Hobby. Und so verwundert es nicht, dass ihr Weg nach mehreren Jahren als Pfarrerin und Religionslehrerin in die Strafanstalt Saxerriet führte. Dort war sie ebenfalls als Seelsorgerin tätig, bevor sie mit je einem 20-Prozent-Pensum zum Spital Altstätten, Grabs und St. Gallen wechselte. Die Zeit in der Strafanstalt erlebte sie trotz grossem Interesse an der Kriminologie als herausfordernd. «Jemand, der kriminell wird, hat in der Regel viel Schlechtes erlebt.» Die Sorgen der Insassen nahm sie manchmal mit nach Hause. Und konnte in der darauffolgenden Nacht nicht einschlafen.

Dennoch ist Marlies Schmidt-­Aebi sehr glücklich mit ihrem Beruf. «Meine Mutter sagt immer, ich habe einen sehr schönen Beruf. Ich komme den Menschen so nahe. Und lerne so viel über das Leben und das Sterben.» Dank ihrem Beruf habe sie gelernt, im Hier und Jetzt zu leben und kleine Probleme nicht mehr ernst zu nehmen. Das Leben sei zu kurz dafür. Natürlich gehe ihr das Schicksal der Menschen im Spital auch nahe. Vor allem wenn es Menschen in ihrem Alter oder ihrer Umgebung sind. «Einen Bekannten zu betreuen, ist natürlich schwieriger.»

Gott ist für Marlies Schmidt-Aebi Glaube, Hoffnung und Liebe. «Gott ist eine Energie. Unser Hirn ist viel zu klein, um alles zu erfassen. Wie können wir das erfassen, das uns erschaffen hat?» Die Spitalseelsorgerin spricht viel mit Gott. Nicht immer sind die Zwiegespräche nett. «Wenn zum Beispiel eine Mutter von drei Kindern stirbt, fluche ich auch mal über Gott.»

«Im Himmel ist es grün»

Eines ihrer schönsten Erlebnisse als Spitalseelsorgerin war die Betreuung einen sterbenskranken Mannes. Der gut 50-Jährige war überzeugt, dass es nach dem Tod nichts gebe. Ein schwarzes Loch, sonst nichts. «Ich sagte ihm, dass es mehr gibt als ein schwarzes Loch. Tage später rief er mich spätabends zu Hause an und fragte, ob ich zu ihm kommen kann.» Er wollte wissen, was für Bilder sie vom Tod habe. Und so erzählte Marlies Schmidt-Aebi lange und ausführlich von dem, was sie sich unter dem Tod vorstellt. «Im Himmel ist es grün. Man erwacht in einem Land voller Hoffnung, auf einer grünen Aue. Nach dem Winter – dem Sterben – kommt wieder der Frühling. Man geht in die Fülle des Lebens. Allein ist man nicht. Nur die Sorgen hat man zurückgelassen.»

Grün ist auch der Weihnachtsbaum, der im Spital Grabs steht. Genaugenommen ist es ein Wunschbaum: Patienten dürfen hier ihren Wunsch anbringen. Selbstredend, dass dort fast ausschliesslich steht: «Ich möchte wieder gesund werden.» Diesen Wunsch kann Marlies Schmidt-Aebi nicht direkt erfüllen. Aber sie kann das Kranksein und Sterben erträglicher machen. Dafür gibt sie ihr Herzblut, auch wenn es für sie nicht immer leicht ist.

Im Kellergeschoss des Grabser Spitals befindet sich der Raum der Stille. Hier hält Spitalseelsorgerin Marlies Schmidt-Aebi die Gottesdienste für die Patienten. (Bild: Mareycke Frehner)

Im Kellergeschoss des Grabser Spitals befindet sich der Raum der Stille. Hier hält Spitalseelsorgerin Marlies Schmidt-Aebi die Gottesdienste für die Patienten. (Bild: Mareycke Frehner)

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