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GRABS: Fast 100 Jahre im selben Haus

Katharina Guntli feiert heute ihren 100. Geburtstag. Sie wohnt immer noch im selben Haus, in dem ihre Mutter, sie und ihre Tochter geboren wurden. Die Grabserin erinnert sich an eine Zeit, in der die Füsse das einzige Fortbewegungsmittel waren.
Alexandra Gächter
30 Jahre lang hielt sich die 100-jährige Grabserin Katharina Guntli mit Seniorenturnen fit. Die Wirkung hält bis heute an: Absitzen und aufstehen meistert sie ohne Hilfe. (Bild: Alexandra Gächter)

30 Jahre lang hielt sich die 100-jährige Grabserin Katharina Guntli mit Seniorenturnen fit. Die Wirkung hält bis heute an: Absitzen und aufstehen meistert sie ohne Hilfe. (Bild: Alexandra Gächter)

Alexandra Gächter

alexandra.gaechter

@wundo.ch

Dass Katharina Guntli 100 Jahre alt würde, daran habe sie nicht geglaubt. In jüngeren Jahren war sie mehrmals schwer krank, musste 13 Operationen überstehen. «Der Doktor nennt mich Wunderkind.» Heute erfreut sich die rüstige Seniorin den Umständen entsprechend bester Gesundheit und ist mit 100 Jahren die älteste Grabserin.

Den grössten Teil ihres Lebens hat sie nicht nur im selben Dorf, sondern im selben Haus verbracht. Fünf Generationen der Familie Guntli-Vetsch haben das Haus am Postweg seit über 100 Jahren belebt. Katharina Guntlis Grossvater baute es, ihre Mutter, sie und ihre Tochter wurden hier geboren und ihre Enkel wohnten ebenfalls hier.

Am Anfang des 20. Jahrhunderts standen zwei Stickereimaschinen im Haus. Im Erdgeschoss stickten ihr Grossvater und ihr Vater, oben wohnte die Familie. Auch heute ist das Haus zweigeteilt: Unten wohnt Katharina Guntli, oben ihre Tochter. Dank dieser Lösung kann die rüstige 100-Jährige noch zu Hause sein. Die Treppe steigt Katharina Guntli immer noch alleine hoch. «Ich bin dankbar, dass ich zu Hause wohnen kann. Es ist schön, auf diese Weise alt zu werden.»

«Chlöck» fürs Zucker «stehlen»

Zwischen ihrem 60. und 90. Altersjahr besuchte Guntli das Seniorenturnen. «Deshalb kann ich heute noch selber aufstehen, wenn ich hinfalle, obwohl ich selten falle.» Guntlis grosse Leidenschaft galt dem Singen. 40 Jahre lang war sie Mitglied des Kirchenchores. «Das Singen hat mich ein Leben lang begleitet, auch in schweren Zeiten. Darüber hinaus bin ich aufgestellt und gläubig. Vielleicht wurde ich deswegen so alt.» Mit drei weiteren Seniorinnen trifft sich Katharina Guntli «all ander Mäntig» zum Jassen. Dabei gibt es Kuchen. Ein Luxus, den sie früher nicht kannte. «Süssigkeiten gab es nur zu Weihnachten oder am Geburtstag. Als einmal meine Brüder etwas Süsses wollten, schmolz ich Milch und Zucker in der Pfanne, um Karamell zu machen.» Als Mutter nach Hause kam, haben sich die Kinder im Estrich versteckt. Mit etlichen «Chlök» hätten sie dafür büssen müssen, da der Zucker rationiert war. An einen weiteren Streich, der sich aus heutiger Sicht nicht wie einer anhört, erinnert sie sich ebenfalls: In jugendlichem Alter sang sie mit einigen Mädchen und Buben vom Dorf am Seeli Lieder, ohne zu Hause Bescheid zu sagen. «Vater zog mich an den Zöpfen vom Seeli bis nach Hause», erzählt sie lachend. «Das war halt normal dazumal.»

Zu Fuss nach Buchs, Trübbach und Altstätten

Freude bereitete ihr, dass sie in jungen Jahren in die Gitarrenstunden gehen durfte. Der Unterricht fand in Buchs statt. «Ich bin immer zu Fuss gegangen. Einen Teil des Weges bin ich jeweils gerannt.» Die Füsse als einziges Fortbewegungsmittel, etwas anderes kannte die Familie nicht. Katharina Guntlis Vater war Werkzeugschmied und ging jeden Tag zu Fuss von Grabs nach Trübbach zur Arbeit. Wie viel Zeit er für die etwa 15 Kilometer lange Strecke benötigte, weiss sie nicht mehr genau. «Er wechselte sich mit Rennen und Laufen ab. Er rannte von einer Pappel zur nächsten. Dann lief er zur übernächsten Pappel und danach rannte er wieder. Abends nach der Arbeit nahm er diese Strecke abermals unter die Füsse.» Von ihrer Grossmutter weiss Katharina Guntli, dass sie immer von Grabs nach Altstätten zum Tanz gerannt war.

Der tägliche Lohn betrug vier Franken nach der Lehre

Katharina Guntli mochte den Schulunterricht lieber als die Ferien. Ferien bedeutete eben nicht Nichtstun, sondern arbeiten. «Wir hatten Allerhand zu tun auf unserem Acker. Ausserdem haben wir Kinder Brot und Heftli verteilt und Mäuse gefangen. Zu essen hatten wir das, was wir anpflanzten.» Nach der Realschule arbeitete sie als Kindermädchen. «Ich wollte furchtbar gerne Verkäuferin werden. Weil man dafür aber ein halbes Jahr nach Basel in die Schule musste und wir zu wenig Geld hatten, kam das nicht in Frage.» Wenig später bekam sie das Angebot, im Dorf eine Lehre als Näherin zu machen. Eigentlich wollte sie das nicht, da die Lehrmeisterin eine «chiebige» Frau war. Aber ihre Mutter sagte, eine Näherlehre nütze mehr als Kinder «goomen».

Nach ihrer Ausbildung ging Katharina Guntli als Näherin auf die Stör. Sie nähte Hemden, Röcke und Schösse für Kunden im Werdenberg. Vier Franken verdiente sie pro Tag. Ihren Lohn musste sie den Eltern bis auf den letzten Rappen abgeben. «Nur das Trinkgeld durfte ich behalten.» Um die Aussteuer zu erhalten, heiratete Katharina Guntli erst mit 25 Jahren. Als sie auszog, erhielt sie von zu Hause Möbel, Bett- und Tischwäsche für ihre geleistete Arbeit.

Sechs Jahre wohnte sie mit ihrem Mann in Buchs, danach zog sie wieder in ihr Elternhaus nach Grabs. Sie gebar zwei Töchter und sorgte für ihren Vater, der noch im gleichen Haus lebte. Sechs Enkel bereicherten nach dem Tod des Vaters das Mehr-Generationen-Haus. «Ich hätte mir eine Enkelin gewünscht, denn ich wollte Röcke und Schösse nähen für den Nachwuchs.» Immerhin konnte sie den Buben Socken stricken. Da die Augen mit dem Alter schlechter wurden, musste Katharina Guntli das Stricken bleiben lassen. Auf die sechs Enkel folgten 13 Urenkelinnen und Urenkel. Die Familie zählt nun gut 60 Personen. Sie alle feiern mit Katharina Guntli den heutigen 100. Geburtstag. Ausserdem dürfen Bekannte bei ihr vorbeischauen. Bereits seit drei Wochen erhält sie fast täglich Besuch von Personen, die ihr gratulieren wollen. Auf das Familienfest verspürt sie Freude. Ein wenig nervös sei sie auch. «Ursprünglich wollte ich gar kein Fest. Aber vergangenen Sommer habe ich mich umentschieden. Den 100. Geburtstag muss man einfach feiern.»

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