Gerührt, nicht geschüttelt

Er hat die schönsten Frauen, fährt die tollsten Autos und kennt für jedes Problem eine Lösung: James Bond ist Kult. Willkommen in der Nebenwelt von Markus Hartmann aus Buchs, Präsident des James Bond Clubs Schweiz.

Doris Büchel
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BUCHS. Zugegeben: Ich bin fast ein bisschen enttäuscht, als ich die Wohnung im zweiten Stock des Mehrfamilienhauses in Buchs betrete. Zumindest hätte ich beim Eingang eine lebensgrosse James-Bond-Kartonfigur erwartet. Aber mich begrüsst keine Pappfigur. Da hängt nicht mal ein 007-Plakat an der Wand. Es gibt keinen James-Bond- Schuhlöffel und auch keine Glasvitrine mit Bond-Girl-Barbiepuppen. Und als mich Hausherr Markus Hartmann nicht im Smoking, sondern ganz bodenständig in Jeans und T-Shirt empfängt, denke ich für einen Moment, ich hätte mich in der Adresse geirrt. Zum Glück entdecke ich dann doch noch das Logo des James Bond Clubs Schweiz auf seinem Shirt. Dezent zwar, aber immerhin. Als könne er meine Gedanken lesen, entschuldigt sich Markus Hartmann für die nackten Wände in seiner Wohnung, während er mir wenig später einen Espresso serviert. Gerührt, nicht geschüttelt. Er sei beruflich sehr viel unterwegs und selten daheim, drum. Im Gegenzug entschuldige ich mich bei ihm und oute mich als hundskommune James-Bond-TV-Konsumentin mit bescheidenen Kenntnissen. So viel vorweg.

Vater hat es verboten

Seit 2013 ist Markus Hartmann Präsident des James Bond Clubs Schweiz, der mit über 200 Mitgliedern nach Frankreich der grösste aktive Bond-Club Europas ist. Erstmals mit der kultigen Filmfigur (beinahe) in Kontakt kam er, als er 1979 als elfjähriger Bub im Kino den Bondstreifen «Moonraker» anschauen wollte. «Doch der Vater hat's verboten, weil der Film erst ab zwölf Jahren freigegeben war», erinnert er sich mit einem Schmunzeln. 34 Jahre später habe sich dieser Kreis geschlossen. Nämlich dann, als er auf Einladung des französischen James Bond Clubs – gemeinsam mit weiteren Mitgliedern und sieben ehemaligen Schauspielerinnen des Films – einen der Original-Moonraker-Drehorte in Paris besuchte. In den folgenden zwei Stunden erfahre ich, dass dies nur eines von zahlreichen Highlights in seinem Bond-Leben ist.

Seinen bisher grössten und anspruchsvollsten Event organisierte er 2014 Jahr mit Unterstützung des ganzen Vorstandes. Anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums des Bondstreifens «Goldfinger» lud der Verein im September zu den Originaldrehplätzen in die Region Andermatt ein. Nebst rund 80 Gästen aus zehn verschiedenen Ländern, konnte auch das englische Ex-Bondgirl Tania Mallet (Tilly Masterson im Film) wie auch Oscar-Preisträger Norman Wanstall (beste Toneffekte «Goldfinger») zu seinen illustren Gästen zählen. Der Club scheute keinen Aufwand und liess extra einen Aston Martin DB5, einen Mustang Cabrio und sogar einen Rolls Royce Phantom III einfahren, so dass die Originalszenen mit originalgetreuen Bond-Fahrzeugen an den Original-Schauplätzen auf dem Furkapass nachgespielt werden konnten. «Der Aufwand war enorm, doch es hat sich absolut gelohnt.» Sagt's und strahlt. Alleine mit den Geschichten rund um diese Veranstaltung könnte diese Zeitung gefüllt werden. Doch immerhin berichteten die «Schweizer Illustrierte» und «20 Minuten» von dem Mega-Event.

Generell ein grosser Filmfan

Und davon gibt es Unzählige. Und noch mehr Fotos. Fotos mit Roger Moore, Fotos mit Bondgirls, Fotos an den unterschiedlichsten Drehplätzen dieser Welt, Fotos mit legendären James-Bond-Autos, Fotos mit Schauspielern, die irgendwann, irgendwo, in irgendeinem James-Bond-Film mitspielten. Beim Durchblättern der Alben kommt Markus Hartmann in Fahrt und ich erfahre, dass er nicht nur ein grosser Bond-Fan, sondern generell ein grosser Filmfan ist, der nebst vielen kleineren Rollen in Theater, Werbung und TV auch einst in Ecuador eine Rolle als «Stand-in», also Licht-Double, im Kinofilm «Proof of Life – Lebenszeichen» an der Seite von Meg Ryan und Russell Crowe inne hatte. Just als ich fürchte, den Überblick gänzlich zu verlieren, verrät er mir noch ein Geheimnis. Nämlich, dass all das, was ich vor unserem Gespräch erwartet hatte – die lebensechte Pappfigur, die Glasvitrine, alles ausser dem James Bond Schuhlöffel – tatsächlich existiert. «Meiner Partnerin zuliebe habe ich vieles im Keller verstaut. Aber eine kleine Sammlung gibt es doch noch, in meinem Büro», sagt er und lächelt charmant. Aha, also doch!

Was war passiert in den Jahren zwischen 1979 und heute? Gab es ein Schlüsselerlebnis, das den damals Elfjährigen zum heutigen Präsidenten eines James Bond Clubs machte? Markus Hartmann überlegt. Er habe sich 2008 zum Casting angemeldet für den Film «Quantum of Solace», der in Bregenz gedreht wurde, und dabei tatsächlich eine Statistenrolle ergattert. Zwar würde er das heute nicht mehr machen (er habe sieben Stunden lang in der Kälte gewartet . . . obwohl, man soll niemals nie sagen . . .), aber damals habe es ihm wohl definitiv den Ärmel reingezogen. Dann ging alles relativ schnell: er trat dem James Bond Club Schweiz bei und wurde 2013 zum Präsidenten gewählt. Seither geht es im Leben von Markus Hartmann noch runder zu und her als sonst, wenn er als Verkäufer im Bereich Medizintechnik rund um die Welt reist.

Je mehr Episoden, Anekdoten und Geschichten er erzählt, je mehr Fotos ich betrachte, je mehr ich über James Bond erfahre, diesen furchtlosen, starken Helden, desto mehr kann ich die Faszination nachvollziehen. James Bond hat die schönsten Frauen. James Bond fährt die schönsten Wagen. James Bond ist Gentleman. James Bond ist Kult. Was will man(n) mehr? «Wenn wir an einem Originaldrehplatz – wie in «Skyfall» – dank einer Spezialbewilligung über den Dächern Istanbuls eine Szene nachstellen können, dann macht das unter Gleichgesinnten extrem Spass. Unter normalen Umständen wäre ich da wohl gehemmt», sagt Markus Hartmann. «Im Ernst, wir machen teilweise Sachen, die sonst keiner machen kann. Das ist mein Anspruch an mich selbst und an mich als Präsident. Ich will den Mitgliedern etwas bieten. Sie sollen ganz nah an die Schauspieler, die Drehorte rankommen. Dafür investiere ich gerne meine Freizeit.» Kein Zweifel, sein Netzwerk, das er über die Jahre aufgebaut hat, würde wohl jedem Bondfan Freudentränen in die Augen treiben.

Gegen Ende unseres Gesprächs will ich es dann doch noch wissen: «Welcher war der beste Bond aller Zeiten?» «Roger Moore!», sagt Markus Hartmann, ohne lange nachzudenken. «Warum?» «Ich bin mit ihm aufgewachsen. Ausserdem hat er seine Rolle lustig interpretiert. Das hat damals gut funktioniert, wäre heute aber nicht mehr zeitgemäss.» Was hält er vom aktuellen Bond, Daniel Craig? «Ich war am Anfang extrem skeptisch. Heute muss ich sagen, dass er seine Sache super macht und nach dem Ur-Bond Sean Connery für die heutige Zeit wohl die bestmögliche Besetzung ist.» «Der beste Bondfilm aller Zeiten?» «Goldfinger! Der Klassiker schlechthin! Dieser Film vereint alles, was die Erfolgs-Formel von James Bond ausmacht: exotische Drehorte, tolle Autos, spezielle Gadgets aus der Q-Abteilung, legendäre Ober-Bösewichte, welche in der Regel die Weltherrschaft anstreben, Bond-Girls, englischer Humor und natürlich der Bezug zur Schweiz.»

Voller Eindrücke mache ich mich auf den Heimweg. Und wenn ich Glück habe, läuft heute abend auf irgendeinem Fernsehsender ein James-Bond-Streifen. Das wär's!

Über den Dächern Istanbuls: Links: James Bond auf dem Motorrad. Rechts: Markus Hartmann und weitere Mitglieder des Clubs beim Originalschauplatz. Dank Spezialbewilligung fühlten sie sich fast wie im Film Skyfall. (Bild: Markus Hartmann)

Über den Dächern Istanbuls: Links: James Bond auf dem Motorrad. Rechts: Markus Hartmann und weitere Mitglieder des Clubs beim Originalschauplatz. Dank Spezialbewilligung fühlten sie sich fast wie im Film Skyfall. (Bild: Markus Hartmann)

«Ich kann sehr wohl unterscheiden zwischen Realität und Film», sagt Markus Hartmann, der natürlich mit beiden Füssen fest im Leben steht. (Bild: Doris Büchel)

«Ich kann sehr wohl unterscheiden zwischen Realität und Film», sagt Markus Hartmann, der natürlich mit beiden Füssen fest im Leben steht. (Bild: Doris Büchel)