Gerechtigkeitssinn treibt sie an

Elisabeth Bossart und das Frauenhaus St. Gallen haben eine lange gemeinsame Geschichte. Die Geschäftsleiterin hat die Öffentlichkeit gemieden – aus Sicherheitsgründen. Nun geht sie in Pension und lässt sich auch fotografieren.

Regula Weik
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Elisabeth Bossart: «Wir wurden als Familienzerstörerinnen und Ehe-Kaputtmacherinnen beschimpft.» (Bild: Benjamin Manser)

Elisabeth Bossart: «Wir wurden als Familienzerstörerinnen und Ehe-Kaputtmacherinnen beschimpft.» (Bild: Benjamin Manser)

ST. GALLEN. Ihr Arbeitsplatz ist «die anspruchsvollste Herberge der Welt», wie es im Signet des Frauenhauses St. Gallen heisst. Elisabeth Bossart ist seit 15 Jahren dessen Geschäftsleiterin. Und sie war eine der treibenden Kräfte bei dessen Gründung. Das war 1980. «Wir wurden beschimpft, wir würden Ehen zerstören, Familien kaputtmachen und Männern die Frauen wegnehmen. Es schlug uns ein grosses Misstrauen entgegen.» Elisabeth Bossart erinnert sich gut an die Anfangszeit. Sie war damals die erste Sozialarbeiterin im Frauenhaus St. Gallen. Es war erst das dritte in der Schweiz – nach Zürich und Genf; im selben Jahr wie in St. Gallen wurde in Bern ein Frauenhaus eröffnet.

Elisabeth Bossart hatte – nachdem sie mehrere Jahre in der Textilbranche gearbeitet hatte – die damalige Ostschweizerische Schule für Sozialarbeit absolviert und in ihrer Schlussarbeit das Bedürfnis nach einem Frauenhaus in der Stadt St. Gallen abgeklärt. Sie sei «eine Pionierin» in der Arbeit mit von Gewalt betroffenen Frauen, sagen Wegbegleiterinnen von ihr. Ende Monat geht sie in Pension.

Trägerin des Frauenhauses war anfangs der «Verein zum Schutz misshandelter Frauen»; heute ist es eine Stiftung. Die Gründerinnen – allesamt aus der Frauenbewegung – verstanden ihr Projekt denn auch als Kritik an den gesellschaftlichen Bedingungen für die Frauen. Denn: Gewalt an Frauen war ein Tabu. «Sie wurde verschwiegen oder bagatellisiert», sagt Elisabeth Bossart. Ihr Motor sei der Sinn für Gerechtigkeit gewesen. «Er treibt mich an – bis heute.»

Erst visionär, heute vernetzt

Heute ist die anfangs «suspekte Institution» eine anerkannte Einrichtung. Auch wenn die Gründerinnen ihr visionäres Ziel – sie wollten Frauenhäuser überflüssig machen – verfehlt hätten, hätten sie doch viel bewegt, sagt Elisabeth Bossart. Eine der wichtigsten Errungenschaften: die Enttabuisierung der häuslichen Gewalt. So ist das Frauenhaus heute eingebettet in ein weites Netzwerk – von Polizei, Staatsanwaltschaft, Opferhilfe und Beratungsstellen. Das Haus steht Frauen als Zufluchtsort offen – temporär. Ebenso klar ist: «Nicht jede Frau, die Gewalt erfährt, braucht das Frauenhaus», sagt Elisabeth Bossart.

Das Frauenhaus St. Gallen hat einige Pionierleistungen erbracht; es arbeitete schon früh nicht nur mit Frauen, sondern auch mit deren Kindern. Es bietet heute noch schweizweit die umfangreichste Begleitung und Betreuung von Kindern. Erst kürzlich habe sie eine Situation darin bestätigt, wie wichtig die Arbeit mit den Kindern ist: Ein Bub habe versucht, ein anderes Kind zu würgen und den Mitarbeiterinnen gedroht, sein Vater werde vorbeikommen und sie schlagen. «In was für einem von Gewalt durchdrungenen Umfeld muss ein solches Kind aufwachsen?» fragt Elisabeth Bossart. Nach einer Pause: «Solche Situationen berühren mich noch immer.»

Sie sei nicht mehr so unbeschwert wie früher, antwortet sie auf die Frage, ob ihre Arbeit sie verändert habe. «Ich bin heute hellhöriger und habe ein anderes Sensorium für schwierige Situationen.» Doch sie habe auch lernen müssen, «nicht für alle Familien, in denen gestritten wird, verantwortlich zu sein». Und ihre Arbeit habe sich auf die Erziehung ihrer beiden Töchter ausgewirkt; für sich selber schauen können, auch finanziell, sei immer ihr Credo gewesen. Das habe sie ihnen weitergegeben.

Immer erreichbar und geheim

Das Frauenhaus ist rund um die Uhr an sieben Tagen in der Woche erreichbar – telefonisch. Seine Adresse ist geheim. Und das soll auch so bleiben. «Aus Sicherheitsgründen», sagt Elisabeth Bossart. «Unsere oberste Aufgabe ist der Schutz der Frauen.» Und ohne Anonymität sei dieser nicht zu gewährleisten. Dass die Gefahr real ist, erlebte das Frauenhaus 1995. Damals drang ein Mann ins Haus ein und stach seine Frau nieder, sie überlebte nur knapp. Elisabeth Bossart war zu jener Zeit bei der evangelischen Frauenhilfe tätig. «Die Tat rüttelte die Gesellschaft auf», sagt sie. Und führte schliesslich zur Gründung der kantonalen Fachstelle für häusliche Gewalt.

Bedrohungssituationen richtig einzuschätzen, sei etwas vom Schwierigsten, sagt Elisabeth Bossart. Wenn die Frau geht, gerät der Täter in eine Notsituation: Er will die Frau zurückhaben, er ist überfordert und er gerät mehr oder weniger stark sozial unter Druck. Für Elisabeth Bossart ist unbestritten: «Auch der Täter muss gut betreut werden.» Sie ist überzeugt: «Die Täterarbeit sollte noch verstärkt werden.» Indiskutabel ist für sie: «Das Frauenhaus kann dies nicht leisten. Wir können nicht beide, Opfer und Täter, betreuen. Das bringt die Mitarbeiterinnen rasch in einen inneren Konflikt.»

Blog statt Buch

Die Zusammenarbeit von Frauenhaus und Kanton St. Gallen ist seit Anfang Jahr vertraglich neu geregelt. Mit Appenzell Innerrhoden konnte Elisabeth Bossart auf Mitte Jahr einen Leistungsvertrag unter Dach und Fach bringen; mit Appenzell Ausserrhoden besteht einer seit sechs Jahren. Der Thurgau orientiert sich nach Winterthur. Der Betrieb ist zu 95 Prozent durch öffentliche Gelder gedeckt; fünf Prozent muss das Frauenhaus selber erwirtschaften. Es bietet Platz für neun Frauen und elf Kinder. Die Belegung ist hoch, durchschnittlich 90 Prozent. Hinzu kommen über 320 telefonische Beratungen pro Jahr.

Beschimpfungen und Bedrohungen verlassener Männer gehören zu Elisabeth Bossarts Alltag. Das ist auch der Grund, weshalb die Mitarbeiterinnen selten mit vollem Namen auftreten und die Geschäftsleiterin sich all die Jahre nie fotografieren liess – erst mit ihrem Abschied macht sie eine Ausnahme. «Ich freue mich auf die neue, nicht mehr so stark verplante Zeit.» Wird sie das Buch über ihre Erfahrungen schreiben, zu dem sie Kolleginnen und Freundinnen aufgefordert haben? Sie schüttelt den Kopf. Sie werde Bloggerin. Mit offenem Startdatum.