GAMS: «Wir retten, aber wir richten nicht»

Während Andreas Webers Zeit als Rettungschef gab es bei der Rettungskolonne Sax keinen einzigen schweren Unfall, weder bei Einsätzen noch bei Übungen. Er blickt zurück auf eine interessante Zeit als Retter in den Bergen, aus der Luft und in Schluchten.

Heini Schwendener
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Die Rettung eines Gleitschirmpiloten, der im Seil einer Bahn hängen blieb.

Die Rettung eines Gleitschirmpiloten, der im Seil einer Bahn hängen blieb.

Andreas Weber beantwortet die Fragen des Journalisten weder schnell noch zögerlich, sondern mit Bedacht. Seine Worte wägt er ab, die Antworten sind nicht emotional, sondern analytisch. Wer in unwegsamem, abschüssigem Gelände Nothilfe braucht, hofft auf Retter, die «ticken» wie Andreas Weber. Es war wohl auch diese seine Art, die ihn im Alter von rund 30 Jahren zum Rettungschef der Rettungskolonne Sax prädestiniert hat.
Wenn er heute, nachdem er sein Amt abgegeben hat, auf die vergangenen rund 20 Jahre zurückblickt, offenbart sich noch einer seiner Charakterzüge: Stets spricht er vom Team, für dessen Bereitschaft und Einsätze er verantwortlich war, und stellt sich selber in den Hintergrund. Nur als Team mit all den individuellen Erfahrungen und Stärken sei man in der Bergrettung erfolgreich, betont er mehrfach.

«Wir haben wohl einfach ein Rettergen in uns»

Und so meistert Weber auch eine Suggestivfrage: Ob er denn nie gezweifelt habe oder gar verzweifelt sei, wenn sie Leute retten mussten, die sich fahrlässig in Gefahr begeben hatten und für deren Bergung er und seine Leute dann ihr Leben riskiert haben? Weder Ja noch Nein, lautet Andreas Webers Antwort: «Wir retten, aber wir richten nicht.» Bei solchen Einsätzen «wird zwar unser Verständnis strapaziert», Zweifel würden aber nie aufkommen, so Weber, «wir haben wohl einfach ein Rettergen in uns». Ausserdem sei eine Annahme in der Frage falsch: «Wir riskieren nämlich nie unser Leben für andere.» Oberstes Ziel der Rettungseinsätze sei es nämlich, wieder gesund nach Hause zurückzukehren.

Am Rettungschef liege es, abzubrechen, wenn es zu gefährlich werde, nicht dass am Schluss noch die Retter gerettet werden müssten. Dieser Grundsatz gebe nicht nur den Mitgliedern der Rettungskolonne Vertrauen und Sicherheit, sondern auch den Familienangehörigen der Retterinnen und Retter. Dass er als Bergretter so oft von der Familie weg war, sei für die Seinen letztlich belastender gewesen als die Ungewissheit oder gar die Angst, wenn er, meist in der Nacht und durchschnittlich etwa zweimal im Jahr zu Such- und Bergungseinsätzen ausrücken musste, glaubt der Gamser.

Unzählige Übungen, Kurse und Weiterbildungen hat Andreas Weber absolviert und sich dabei auch zum Canyoning-Retter ausgebildet. Muss er dabei nicht letztlich «Verrückte» aus gefährlichen Schluchten bergen? Wieder so eine Frage, wird er sich wohl denken. Ein flüchtiges Lächeln huscht über sein Gesicht, als Weber erklärt, dass er selber Canyoning betreibe. Ein Verrückter ist er definitiv nicht.

Ein Retter könne Verunfallten dann am besten helfen, wenn er deren Sportart und deren Gelände kenne, erklärt Weber. Gerade bei Suchaktionen, wo es beispielsweise kaum Anhaltspunkte über den Aufenthaltsort der verunfallten oder vermissten Person gebe, könnten solche Kenntnisse entscheidend sein. Weber und seine Kollegen verstehen nämlich die Freiheitssuche der Menschen, die es in die Berge zieht, «wir suchen und schätzen diese Freiheit selber ja auch».

Mehr als nur eine Zweckgemeinschaft

Das Problem ist nur, dass viele Leute ihr Handy und die Möglichkeiten der Helikopterrettung als Lebensversicherung betrachten und der Vorbereitung der Bergaktivitäten, der Wetterbeobachtung, dem richtigen Kartenmaterial und einer bergtauglichen Ausrüstung nicht genügend Beachtung schenken. Weil es die Freizeitgesellschaft immer stärker und mit unterschiedlichsten Aktivitäten in die Natur und die Berge drängt, gibt es unter den 28 Leuten der Rettungskolonne Sax etliche mit Spezialausbildungen, neben dem Canyoning-Retter auch einen Hundeführer und zwei RSA (Rettungsspezialisten Helikopter).

Aus den Schilderungen von Weber kann man schliessen, dass die Mitglieder Rettungskolonne Sax offenbar eine verschworene Gruppe bilden. Sie sind nicht nur eine Zweckgemeinschaft während ihrer Übungen und Einsätze, sondern untereinander teilweise richtig dicke Freunde, die in der Freizeit, die ihnen neben ihren Berufen und der Rettungskolonne noch bleibt, beispielsweise zusammen Ski- und Klettertouren unternehmen.
Das Gemeinschaftsleben der Rettungskolonne spielt sich vor allem in der Roslenalphütte ab, über die Andreas Weber etwas scherzhaft sagt: «Da bin ich sozusagen aufgewachsen.» Die Rettungskolonne ist die Pächterin dieser Hütte, die der Ortsgemeinde Sax gehört. Ausserdem hat die Rettungskolonne weiteres Material im alten Feuerwehrdepot in Sax eingelagert. Eine gute Infrastruktur also? «Eigentlich ja», sagt Weber, «aber ein eigenes Fahrzeug wäre noch toll.»

Bergretter ist bei der Alpinen Rettung Schweiz (ARS) eben kein Beruf, sondern höchstens eine Berufung (vgl. Titelseite). Einen grossen Teil der Ausrüstung haben die Leute der Rettungskolonne bei sich zu Hause, denn sie gehört auch ihnen. Weber sagt, dass dafür sehr schnell einmal 10 000 und mehr Franken investiert würden. Natürlich könne diese Ausrüstung auch privat gebraucht werden.

Weber stellt sachlich einen Vergleich mit der Feuerwehr an. Deren Ausrüstung wird mit öffentlichen Mitteln finanziert, entlöhnt werden der Pikettdienst, die Übungen und natürlich die Ernstfalleinsätze. Die ARS hingegen kann ihre Leute nur die Rettungseinsätze bezahlen.

Die Kameradschaft in der Rettungskolonne Sax macht aber vieles wett. Diese Kameradschaft ist es denn auch, die Weber über alles stellt. Und die schönen Momente, die sie erleben, wenn sie zusammen jemand aus einer Notlage retten können. Einmal waren es an einem Tag gleich acht Personen: eine fünfköpfige Familie, die im Alpstein wanderte und am Abend noch drei Bergsteiger, die sich in den Kreuzbergen verstiegen hatten.

Professionelles Care-Team noch nie beansprucht

Belastend sind hingegen jene Einsätze, bei denen am Schluss – teils nach mehrtägiger, körperlich wie psychisch anstrengender Suche – nur noch ein Leichnam geborgen werden kann. Eine erste Hilfe bei der Verarbeitung solcher Ereignisse bietet die Nachbesprechung im Team. Weber hilft auch die Geborgenheit der Familie, um solche Erlebnisse verarbeiten zu können. Und es gibt noch die Hilfe eines professionellen Care-Teams, die aber noch nie beansprucht wurde.

In Webers Amtszeit als Rettungschef gab es bei seinen Leuten nie einen schweren Unfall, weder bei einer Übung noch bei einem Einsatz. Diese Tatsache freut ihn sehr, bezeichnet sie aber nicht als sein Verdienst.
Stets sachlich und besonnen hat Andreas Weber über eine Stunde lang erzählt. Sein inneres Feuer für die Sache war trotzdem in all seinen Ausführungen zu spüren.