GAMS: Vom Schulzimmer in die Berge

Als Kind faszinierte ihn der Beruf des Pfarrers, und eigentlich wollte er Bauer werden. Dann entschied sich Michael Dürr, Lehrer zu werden. Das ist nun über 41 Jahre her. Bereut hat er es nie.

Alexandra Gächter
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Die Berge, der Wald, die Natur. Sie liegen Michael Dürr am Herzen. Nach seiner Pensionierung im Juli hat der Lehrer mehr Zeit, sich draussen aufzuhalten. (Bild: PD)

Die Berge, der Wald, die Natur. Sie liegen Michael Dürr am Herzen. Nach seiner Pensionierung im Juli hat der Lehrer mehr Zeit, sich draussen aufzuhalten. (Bild: PD)

Alexandra Gächter

alexandra.gaechter@wundo.ch

Es hätte auch regnen können am Tag des Interviews. Die Idylle seines Wohnortes und sein Haus inmitten der Natur – sie wären trotzdem zur Geltung gekommen. Michael Dürr wohnt etwas oberhalb des Weilers Gasenzen. Anfänglich sah er von zu Hause aus die Schule, in der er arbeitet. Nun steht eine Neubausiedlung dazwischen, der Schulweg ist gleich kurz geblieben. Zu Fuss könne er gehen oder mit dem Velo. «Mein Arbeitsweg ist Erholung», sagt Dürr. Es ist aber nicht so, dass er diese dringend nötig hätte. Das Schulgeben gefalle ihm. Seine jetzige Klasse, eine sechste, sei sensationell. Schon vor dem eigentlichen Schulstart seien alle da. Parat. Und wollen mit der Schule beginnen. «Gut möglich, dass ich sie später vermissen werde», sagt Dürr. Später, das ist im Juli. Dann wird er pensioniert.

Sein ganzes Leben hat Michael Dürr in der Schule verbracht. Zuerst als Gamser Schüler, dann als Student und schliesslich als Lehrer. Über 41 Jahre lang übt er diesen Beruf bereits aus. Zwei Jahre unterrichtete er in Wildhaus. Die Berge zogen ihn dahin. Der Kauf eines Eigenheims und die Liebe brachten ihn zurück nach Gams. Hier kennt er praktisch jeden, jeder kennt ihn. Ein Vorteil, wie er sagt. Bereits einige Eltern seiner Schüler unterrichtete er. Er selber ging bei seiner älteren Schwester in die Schule, seine jüngere Schwester wurde wiederum von ihm unterrichtet.

Bauernhof, Beiz, 12 Kinder

Als Dürr klein war, faszinierte ihn der Beruf des Pfarrers. Der Gesang in der Kirche, der Festakt, der Geruch des Weihrauches – alles Dinge, die ihm gefielen. Wäre es nach der Familientradition gegangen, so hätte Michael Dürr Bauer werden können. Die Eltern hatten einen Bauernhof. Zudem unterhielten sie eine Dorfbeiz. Und als wäre das der Arbeit nicht genug, gebar seine Mutter noch 12 Kinder. «Man muss die Menschen mögen», habe seine Mutter stets gesagt und vorgelebt. Sonst gehe es nicht. Als Lehrer muss man die Menschen auch mögen, sagt Michael Dürr. Die Schüler, die Arbeitskollegen und die Eltern. Mit denen muss man umgehen können. Daran habe sich in den 41 Jahren nichts ge­ändert.

An seinen ersten Tag als Lehrer erinnert er sich noch genau. Es war 1976. Das alte Sekundarschulhaus oberhalb der Kirche, das die Gamser Zwinguri nannten, war noch nicht abgebrannt. Er erhielt den Schlüssel, und der Schulratspräsident sagte: «Du machst das schon recht.» Das wars. Kein Einarbeiten, keine Regeln. «Ich war alleine im Schulhaus und hatte sehr viele Freiheiten. Es war ein Traumjob, wunderschön.» Später zog er in den Neubau «Höfli» und unterrichtete bis zu 32 Schüler. Heute sind es viel weniger. Vergleicht er die Schüler von damals und heute, so hätten diejenigen von damals schöner geschrieben. Kein Wunder, zwei Stunden pro Woche stand das Fach Schönschreiben auf dem Stundenplan. «Es war wie Therapie für die Schüler.» Man hatte Musse, einen gelungenen Aufsatz ins Reine zu schreiben. In Deutsch seien die früheren Schüler auch besser gewesen. Jeden Tag gab es eine Stunde Deutschunterricht. «Heute komme ich in Deutsch nicht mehr so weit, dafür können die Primarschüler Englisch und Französisch», sagt Dürr.

Motivierte Kinder über Monate

Nebst der Wandtafel war der Hellraumprojektor das einzige Hilfsgerät im Schulzimmer. Zu Beginn seiner Lehrerkarriere gab es nicht einmal ein Kopiergerät. Das hatte zur Folge, dass die Kinder viel von der Wandtafel abschreiben mussten – oder der Lehrer diktierte. Auch seien die Arbeitsblätter auf den Kern beschränkt und strukturiert ­gewesen. Papierverschwendung gab es damals noch nicht. Die Schüler von heute seien dafür ­offener als früher und fragen, wenn sie etwas nicht begreifen. Informationsschreiben, Bewilligungen, Begleitpersonen – all dies brauchte es früher nicht für Exkursionen. «Ich sagte einfach, dass wir uns am nächsten Tag zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort tref­-fen würden.» Es habe funktioniert.

Exkursionen, die habe er sehr gerne unternommen. «In der Natur kann man unheimlich viel lernen und erleben. Das Wasser, die Pflanzen, die Tiere, es gibt so viele Themen.» Nicht verwunderlich also, dass das Fach «Mensch und Umwelt» nebst Musik und Werken sein Lieblingsfach ist. Im Fach Musik habe er mit seinen Schülern oft für Auftritte in der Öffentlichkeit geübt. Seine Schüler sangen an der Schulhauseinweihung, an Versammlungen im Altersheim, an Firmungen und anderen Feierlichkeiten. «Applaus ist für die Kinder sehr wertvoll. Ich hatte dadurch über Monate motivierte Schüler», sagte Dürr. Das Musizieren mit den Kindern werde er vermissen, wenn er pensioniert ist. Exkursionen kann er nun alleine oder mit Freunden unternehmen. Noch immer zieht es ihn in die Berge oder in den Wald. Als Bauernsohn hängt er an der Natur. Ob er nicht doch lieber hätte Bauer werden wollen? «Nein. Ich habe es nie bereut, Lehrer zu sein.»

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