GAMS: Erfinder, der nicht im Armenhaus landete

Der erstaunliche Aufstieg des Armleutebuben, Stickers, Pröblers und Firmengründers Victor Kobler (1859–1936), der zwei Jahre vor seinem Tod sein Leben und seine Erfindungen in einer Selbstbiografie mit vielen Abbildungen festgehalten hat.

Fabian Brändle
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Die Eltern von Victor Kobler-Stauder, aufgenommen im Jahr 1898.

Die Eltern von Victor Kobler-Stauder, aufgenommen im Jahr 1898.

Fabian Brändle

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Gegen Ende seines Lebens, im Jahre 1931, ist Victor Kobler-Stauder im Steuerregister der Stadt Zürich als «Privatier» aufgeführt. Er versteuerte ein Einkommen von jährlich 7400 Franken und verfügte über ein beachtliches Vermögen von weit über 200 000 Franken. Sein ältester Sohn Viktor, ebenso wohnhaft an der Huttenstrasse 62, führte als Inhaber der Firma Kobler & Co. jene Firma weiter, die sein Vater einmal gegründet hatte.

Der soziale Aufstieg vom ungelernten Gamser Armleutebuben hinauf zum geachteten Konstrukteur und Erfinder verlief keinesfalls geradlinig, sondern war gesäumt von Prozessen und Stolpersteinen, die ihm von «Neidern, Nachahmern und Betrügern» in den Weg gelegt wurden. Diesen Lebensweg hat Victor Kobler im Jahr 1934 als eine Art Leistungsschau schriftlich festgehalten und im Selbst­verlag veröffentlicht.

Der drittjüngste Sohn einer kinderreichen Familie

Geboren wurde Victor Kobler im Jahre 1859 in Gams als drittjüngster Sohn eines Küfers. Die ungemein kinderreiche Familie umfasste zehn Kinder. Schon als Kind hatte Victor ein ausgeprägtes Erinnerungs- und Denkvermögen, was ihm später als Erfinder zupasskam. Die arme Familie wechselte oft ihren Wohnort, so von Gams nach Sennwald, anschliessend nach Ruggell im Fürstentum Liechtenstein, in die dortige Gemeindemühle, 1865 weiter nach Oberriet, nur drei Jahre später nach Eichenwies. Die Kost war überall recht einfach und bestand dreimal täglich aus Kafi mit Türggeriebel! Schon als Bube hatte sich Kobler für technische Neuerungen wie jene Strassen­lokomotive begeistert, die 1868 von Altstätten testhalber nach Oberriet fuhr.

Bald pröbelte der aufgeweckte Jugendliche mit Pulver und fertigte «Feuer­teufel» an, die krachend explodierten. Der Küfersbub war bald bekannt und berüchtigt für seine riskanten Experimente. Nach nur sechs Jahren Schulunterricht trat Kobler 1873 ins Erwerbsleben ein. Da der Vater als Küfer infolge der schlechten Obst- und Weinjahre 1870 bis 1873 wenig verdient hatte, konnte er den Sohn nicht weiter ausbilden lassen. So hütete dieser vorerst Ziegen und Kühe bei der Burgruine Wichenstein und ­bildete sich selbstständig im Rechnen weiter. Gerne wäre er Mechaniker geworden. In der Schule habe er ausser ­Bibellesen kaum etwas gelernt, schreibt Kobler.

In den 1870er-Jahren fasste die ex­trem konjunktur- und modeabhängige Stickereibranche allmählich Fuss im Rheintal. «Ich selber konnte nun den Hüterstab mit der Sticknadel vertauschen. Das Einfädeln der Sticknadeln, eine eintönige, mühsame und die Augen ver­derbende Beschäftigung, wurde meist von Kindern jeden Alters besorgt.» Den sauer verdienten Lohn gab Kobler selbstverständlich der Mutter als Haushaltsgeld ab. Ein Versuch, selbstständig an einer allzu schweren Stickmaschine zu arbeiten, scheiterte. Nach einem Ab­stecher nach Bruggen half Kobler dem Vater an dessen Stickmaschine. Eine Schicht dauerte zwölf Stunden. Nach nur vier Wochen verliess er diese «unbefriedigende Stelle», um bei der Firma Saurer in Arbon zu arbeiten. Dort war auch sein Bruder Jakob als Mechaniker angestellt. Nach einem weiteren Intermezzo in Oberriet geriet der Vater infolge Kündigung einer Bürgschaftsverpflichtung in Konkurs.

«Dieser Umstand riss unsere Familie für die folgenden zwei Jahre zum Teil auseinander.» Zusammen mit den Eltern zog Kobler erneut nach Arbon, wo er stickte und nebenbei in Heimarbeit Tausende coulis (Kleinteile aus Messingdraht) produzierte. «Das gab mir die Veranlassung, ein einfaches Apparätchen anzufertigen.» Ein erster Erfindererfolg, der sich auch finanziell auszahlte.

Victor Kobler konstruiert eine Fädelmaschine

Kobler beschäftigte sich in den folgenden Jahren mit dem (unlösbaren) Problem des Perpetuum mobile und stu­dierte als Autodidakt in Lehrbüchern Mechanik und Physik. Er reiste auch auf Vermittlung der Firma Saurer hin nach Gross-Siegharst in Niederösterreich, wo er als Vorarbeiter in einer Stickereifabrik wertvolle Auslandserfahrungen sammelte, aber unglücklich war, denn ohne Ausbildung glaubte er den Weg zum Konstrukteur oder zum Zeichner versperrt. Nach einem Aufenthalt bei der Firma Kündig in Wetzikon machte sich Kobler daran, eine Fädelmaschine zu konstruieren und zeigte die Idee Firmenchef Adolph Saurer, der ganz verblüfft war und dem Erfinder ein Honorar von 100 Franken bezahlte.

Als auch das Modell tadellos funktionierte, schloss Kobler mit Saurer einen Vertrag ab, sehr zum Kummer des Vaters, der glaubte, «alle Erfinder verlieren den Verstand oder kommen ins Armenhaus.» Der hoffnungsvolle junge Mann arbeitete nun bei Saurer als Monteur und stellte Maschinen auch im Ausland, so in Nottingham, auf.

In Schönengrund wurde Kobler gar als Stickerei-Meister angestellt: Es ging sichtbar aufwärts. Im Appenzellerland lernte er seine Frau Babetta kennen, eine Schwester und Nichte der beiden Prinzipale Gebrüder Stauder. «In der Freizeit pröbelte ich oft in alle Nacht hinein. Ich erwarb mir einige wenige Werkzeuge und eine kleine einfache Drehbank mit Fussbetrieb.» Kobler konstruierte eine verbesserte, vollautomatische Fädel­maschine und trat 1889 erneut bei Saurer als Monteur seiner eigenen Maschine ein. Zwei Jahre später wollte er auf eigene Rechnung erfinden und konstruieren. Er sah sich in der Traditionslinie bedeutender Ostschweizer Erfinder auf dem Gebiet der Hand- und Schifflistickmaschinen wie Ernst Leuthold, dem bei Saurer mehrere Innovationen gelangen.

Auch Kobler reüssierte mit mehreren bahnbrechenden Erfindungen wie Bobinen­maschinen oder mit einem Kreisel­revolver, die er natürlich patentieren liess. Wie andere Erfinder auch, musste er gegen diverse Plagiatoren und Betrüger gerichtlich vorgehen. 1894 zog er mit ­seiner Familie nach Rorschach um: «Ich wollte nicht mehr unter Menschen leben, denen verwerfliche Mittel für ihre Zwecke heilig waren.» Adolph Saurer stellte den Hochbegabten nun zu noch besseren Bedingungen als Konstrukteur an. Ein noch verlockenderes Angebot machte ihm später die Firma Salzmann-Däniker in Glattfelden, wo er gar als Geschäftsführer wirken konnte.

Bronzene Auszeichnung an der Pariser Weltausstellung

Wieder bei Saurer, erhielt er zu seiner Enttäuschung an der Pariser Weltausstellung nur die bronzene Auszeichnung. 1907 wurde Kobler Mitglied der Freimaurerloge Concordia St. Gallen. Da er sich damals gesundheitlich angegriffen fühlte, stellten ihm die Herren Saurer ­einen an sich tüchtigen Konstrukteur an seine Seite. Der Mann war aber nicht aufrichtig, so stellte es Kobler zumindest aus seiner Sicht dar. Er sprach ihm Leistungen an einer neuen Maschine rundweg ab. Zu einem Prozess kam es nicht, das Bezirksgericht erklärte den Streit 1916 für ausgeglichen.

Bereits ein Jahr vorher war Kobler nach Zürich gezogen, wo zwei seiner Söhne studierten. Für die beiden gründete er 1920 eine Firma, die sich mit der Fabrikation von Büroapparaten befasste. Mit der Kobler-Pfeife gelang ihm im ­hohen Alter gar noch seine Lieblings­erfindung. Gegen Ende seines langen Lebens zog Victor Kobler 1934 zufrieden Bilanz: «Wenn ich heute einen Additionsstrich unter meine Pröbeleien mache, dann sind es etwa 80 verschiedene Schweizer Patente, die auf meine Erfindungen gelöst worden sind. Ich war beim Verkauf derselben nicht immer ‹kaufmännisch› vorgegangen, aber Zahl und Wert führten schliesslich doch auch für mich zum Erfolg.»

Hinweis

Kobler-Stauder, Victor. Mein Leben und meine Erfindungen. Selbstbiographie eines Pröblers. 42 Abbildungen. Zürich: Selbstverlag des Verfassers 1934.