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GAMS: "100 Jahre gehen schnell vorbei"

Maria Schmid ist die älteste Einwohnerin. Heute feiert sie ihren 100. Geburtstag. Sie kann sich noch gut an den Zweiten Weltkrieg und das Leben von früher erinnern. Es bestand zum grössten Teil aus diesen zwei Wörtern: Arbeiten und Beten.
Alexandra Gächter
Maria Schmid in ihrem Zimmer im Alterswohnheim Möösli. Hier wohnt sie seit 2003. (Bild: Alexandra Gächter)

Maria Schmid in ihrem Zimmer im Alterswohnheim Möösli. Hier wohnt sie seit 2003. (Bild: Alexandra Gächter)

Alexandra Gächter

alexandra.gaechter@wundo.ch

In 100 Jahren verändert sich viel. Kaum einer weiss das besser als Maria Schmid aus Gams. Sie feiert heute im Kreise ihrer Familie ihren 100. Geburtstag. Maria Schmid strotz ihrem Alter körperlich und geistig fit und kann sich an viele Begebenheiten aus ihrem Leben erinnern.

Der Alltag ihrer Kindheit im bündnerischen Alvaschein bestand zum grössten Teil aus Arbeiten und Beten. "Immerhin hatten wir immer genügend zu essen. Das lag daran, dass unser Vater als Lehrer arbeitete und wir zudem eine eigene kleine Landwirtschaft mit zwei Kühen, vier Geissen, Schafen, Hühnern und Kaninchen besassen." Daneben hatte die Familie einen Gemüsegarten und mehrere Äcker mit Kartoffeln und Getreide. Die Kinder halfen im Haushalt, auf dem Feld und im Stall. "Auch die Mädchen mussten das Vieh füttern, melken, misten, heuen und ernten. Dafür war jeweils die Suppe so dick, dass der Löffel darin stehen konnte."

"Aller Gugger" an Krankheiten gehabt

Jeden Abend wurde nach der Arbeit gebetet, jeden Sonntag besuchte die Familie die Kirche. Schuhe trugen die Kinder nur im Winter. "Im Sommer waren wir immer barfuss unterwegs. Im Frühling taten uns die Füsse immer weh, bis wir uns daran gewöhnt hatten", so Schmid. Ein Schuhgeschäft gab es damals im Dorf, in dem sie aufwuchs, nicht. Ihr Vater mass die Füsse der Kinder und schickte die Masse einer Schuhfabrik. Die Stiefel, welche die Kinder daraufhin erhielten, mussten sie jeweils bis zu den Knien zubinden. "Unser Vater sagte, es gäbe sonst krumme ­Beine."

Die Familie sei von grösseren Krankheiten verschont geblieben. Dennoch hatte Maria Schmid, die damals noch Augustin mit Nachnamen hiess, "aller Gugger" an Krankheiten, wie sie sagt. Keuchhusten und Masern als Kind, ein Kropf als junge Erwachsene sowie andere Leiden, die für die damalige Zeit üblich waren. Höchst selten sei man zum Arzt. "Unser Vater kurierte uns mit Tee und Salben." Die Kräuter dazu sammelte die Familie, wenn sie sonntags nach der Kirche spazieren ging. Die neun Kinder besuchten jeweils von Oktober bis Mai die Dorfschule, an welcher ihr Vater unterrichtete. Im Sommer half sie wie alle anderen Kinder den ganzen Tag zu Hause mit. Die Sekundarschule durfte sie nicht besuchen, weil sie ein Mädchen war. "Mädchen müssen nicht so gescheit sein und sollen den Haushalt machen, pflegte man zu sagen." Mit 13 Jahren trat sie ihre erste Arbeitsstelle als Haushaltshilfe bei einer Familie im Nachbardorf an. Diese Stelle hatte sie während des Sommers inne. Zwei Winter lang durfte sie noch die Dorfschule besuchen, bis sie mit 15 Jahren ganzjährig auswärts als Haushaltshilfe arbeitete.

"Das Schlimmste, was eine Mutter erleben muss"

Den härtesten Schicksalsschlag erlebte die Familie, als 1938 Marias älterer Bruder mit 24 Jahren im Militär bei einer Übung auf dem Julierpass erschossen wurde. Besonders hart war, dass der Verstorbene der älteste der Knaben war und deshalb die Landwirtschaft übernehmen hätte sollen. Ausserdem arbeitete er nebenher bei einer auswärtigen Stelle und unterstützte damit die Familie finanziell. Von nun an mussten alle in der Familie noch mehr arbeiten, damit sie über die Runden kamen. "Die familieneigene Landwirtschaft mussten wir daraufhin aufgeben, das war schlimm für uns."

Das Schicksal habe sich hiermit wiederholt, denn auch ein Bruder ihrer Mutter, welche aus England stammte, ist jung verstorben. Er kam im Ersten Weltkrieg ums Leben. Schlimmer aber noch als der Tod des Bruders und des Onkels war für Maria Schmid der Tod eines ihrer eigenen Kinder. "Das ist das Schlimmste, was eine Mutter erleben muss."

Ehemann in Gams kennen gelernt

Im Sommer 1942, Maria war damals 24 Jahre jung, arbeitete sie mit ihrer Schwester zusammen als Servicehilfe im Kurhaus Eichlitten in Gams. Sie halfen überall mit, wo es Arbeit gab. "Sogar gemistet haben wir." Mit ihrer Schwester teilte sie sich ein Zimmer. In der kargen Freizeit unternahmen sie kleine Ausflüge oder eine Wanderung. Ansonsten war ihre Freizeit mit Stricken oder Flicken ausgefüllt.

Im "Eichlitten" lernte sie ihren zukünftigen Ehemann, den Gamser Anton Schmid kennen. Er war Maler und strich mit seinem Chef das Kurhaus neu. "Der Chef kam auf mich zu und sagte, dass sein Angestellter eine Frau suche. Ich erwiderte, dass er zuerst seine Lehre fertigmachen solle." Zu ihrer Verwunderung hatte er das aber bereits. Er sah nämlich jünger aus, als er war. Schnell habe sie sich in ihn verliebt. "Es war, als hätte es so sein müssen." Zwei Jahre später heirateten sie, ein Jahr später kam ihre erste Tochter zur Welt. Es folgten vier weitere Mädchen und ein Junge.

"Freilich hatten wir Angst während der Kriegszeit"

Auch erinnert sich Maria Schmid an den Zweiten Weltkrieg. "Wir mussten jeweils abends die Fenster verdunkeln, damit die Flieger nachts keine Lichter von den Häusern sahen. Auch hat man alle Strassenlampen abgeschaltet. "Es war stockdunkel, aber abends wollte sich zu jener Zeit sowieso niemand mehr draussen aufhalten." Als Schaffhausen aus Versehen bombardiert wurde, jagte ihr das "einen grossen Schrecken ein". Sie erinnere sich noch genau an die Bilder. "Als dann Flieger im nahen Ausland Bomben abwarfen, klirrten bei uns in Gams die Fenster und die Wände wackelten. Freilich hatten wir Angst."

Auch in Gams wurde während der Kriegszeit das Essen ­rationiert. Teigwaren, Mehl, Zucker und anderes konnte man nicht mehr so viel kaufen, wie man wollte. "Wer eine Landwirtschaft betrieb und selber Essen produzieren konnte, bekam entsprechend weniger Märkli." Da Maria Schmids Familie Hühner besass, bekamen sie keine Eier-Märkli. "Wir mussten einen Teil unserer Eier abgeben. Via Sammelstelle gelangten sie an die anderen Dorfbewohner."

Nie geklagt oder gejammert

Ihr Ehemann Anton Schmid hatte als Maler oft zu wenig Arbeit in Gams und musste deshalb auswärts Arbeit suchen. Wegen seiner langjährigen Tätigkeit als Maler wurde seine Lunge durch die Farbdämpfe geschädigt. Die Familie war froh, dass er später als Mesmer arbeiten durfte. Sonntags ging die Familie Schmid wie gewohnt zuerst in die Kirche, danach ging man spazieren, sang Lieder und abends betete man den Rosenkranz. Kaum waren die Kinder ausgezogen, kamen bereits die ersten Enkel auf die Welt. Im Jahre 1991 starb ihr Ehemann an den Folgen der Lungenkrankheit. Zwölf Jahre später zog Maria Schmid ins Altersheim. Sie sei überglücklich, dass sie es hier so schön habe. "Man muss selber etwas dazu beitragen, dass es einem gut geht." Ihre Tochter wie auch die Heimleiterin des Alterswohnheims Möösli sagen über Maria Schmid, dass sie nie ein Klagen, Jammern oder schlechtes Wort von ihr gehört haben, egal wie mühsam das Leben war. Rückblickend sagt Maria Schmid: "Die 100 Jahre sind schnell vorbeigegangen." Früher sei vieles im Leben ruhiger gewesen. "Dennoch bin ich glücklich heute und möchte nicht noch einmal jung sein."

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