FUSSBALL: Leitfaden erhalten – und genutzt

Die Arbeitswelt und das Konsumverhalten haben sich verändert, die Gesellschaft verlangt immer mehr. Aus solchen und anderen Gründen bekunden Sportvereine Mühe, Ämter zu vergeben. Doch wer offen für neue Wege ist, und Inputs zulässt, kann erfolgreich sein.

Robert Kucera
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Gemeinsamer Kampf gegen vakante Stellen im Verein: Claudio Hartmann (Präsident FC Haag) und der ­OFV-Verbandssekretär Bernhard Aggeler (von links). (Bild: Robert Kucera)

Gemeinsamer Kampf gegen vakante Stellen im Verein: Claudio Hartmann (Präsident FC Haag) und der ­OFV-Verbandssekretär Bernhard Aggeler (von links). (Bild: Robert Kucera)

Robert Kucera

robert.kucera@wundo.ch

Ehrenamtlich in einem Verein mitzuwirken, ist in der Schweiz eine Institution, jahrzehntelang sogar als Selbstverständlichkeit und Ehrensache in den Köpfen fest verankert. Doch die Erde steht nicht still. Der Wandel der Zeit stellt Vereinen diesbezüglich ein Bein. «Viele konnten früher beim Arbeiten Vereinstätigkeiten machen. Das ist heute immer weniger möglich», hält Claudio Hartmann, Präsident des Fussballclubs Haag, fest. Er weiss, dass es immer schwieriger wird, Freiwillige zu finden, die sich für einen Verein einsetzen. Mehr Druck in der Arbeitswelt, höhere Präsenz im Familienleben, aber auch der Drang nach individueller Selbstverwirklichung mit maximaler Freiheit und Spontaneität, dafür minimalster Einschränkung punkto verbindliche Zeiten – so die Fakten im 21. Jahrhundert. «Aber auch die Gesellschaft verlangt von Vereinen immer mehr», sagt Hartmann. «Der Verein soll nicht viel kosten, dafür umso mehr bieten können. Die Aufgaben werden immer grösser und vielseitiger.»

So rücken die Vorzüge, die Ehrenamtlichkeit in einem Sportverein mit sich bringen, rasch in den Hintergrund. «Man kann sich selber weiterentwickeln, indem man Verantwortung übernimmt, und man lernt allgemein was fürs Leben», rührt Haags FC-Präsident die Werbetrommel und nennt als Beispiel das Reden vor einer Menge, wie man es als Präsident an einer Hauptversammlung macht. «Oder ein Trainer ist verantwortlich für 15 Kinder, er kommuniziert mit Eltern und organisiert alles – das hilft auch im Privatleben.» Nicht vergessen darf man das Zusammengehörigkeitsgefühl in einer starken Gemeinschaft von Vereinsverantwortlichen und die Möglichkeit, neue Kontakte zu knüpfen und diese beruflich oder privat zu nutzen.

Hilfestellung und keine fertigen Lösungen

«Ohne Nehmen und Geben funktioniert das Vereinsleben nicht», so Hartmann. Der Ostschweizer Fussballverband, respektive der Schweizer Fussballverband, lässt seine Vereine diesbezüglich nicht im Regen stehen – und bietet den Workshop «Mehr Freiwillige im Fussball» an. In zwei Regionen (Bern und Zürich) hat man diesbezüglich gute Erfahrungen gemacht, in der Ostschweiz nahmen 18 Vereine an den ersten beiden Workshops teil, darunter der FC Grabs, der FC Haag und der FC Trübbach. «Im Zentrum steht der Verein und die Vereinshilfe», erklärt OFV-Verbandssekretär Bernhard Aggeler.

Ein Teilbereich seiner Tätigkeit ist die Vereinsentwicklung. «Wir können dem Verein keine fertigen Lösungen geben», schränkt er ein. Doch der Verband schafft Strukturen zur Selbsthilfe. Ausserdem ist der Austausch unter den Vereinen am Workshop wichtig und hilfreich. Und dem OFV ist die Basis wichtig: «Sinn und Zweck des Fussballverbands ist es, den Fussballbetrieb sicherzustellen. Und dieser kann nur sichergestellt werden, wenn es auch in den Vereinen funktioniert», betont Aggeler. Er ist überzeugt: «Stimmt’s im Vorstand, stimmt’s auch auf dem Feld. Erst wenn der Vorstand seine Arbeit gut und fundiert machen kann, kann Fussball erfolgreich sein.»

Um neue Ideen und Inspiration für Erfolge abseits des Spielfelds zu erringen, hat Claudio Hartmann den Workshop besucht und meint: «Ich würde es wieder machen. Wir haben den Workshop genutzt, um zu erfahren, wie wir unsere Soll-Aufnahme machen sollen, und was wir gerne hätten, welche Möglichkeiten der Werbekampagne es gibt und wie man Mitglieder kitzeln kann.» Er betont, dass es einfacher sei, auf neue Ideen zu kommen, wenn man aus der eigenen Zone ausbricht, neuen Leuten zuhört und sich mit anderen Vereinsvertretern mit ähnlichen Problemen unterhält. «Es war spannend und inspirierend. Im Workshop haben wir über alles geredet – nur nicht über Fussball.»

Gespräche sollen unverkrampft sein

Der Leitfaden, der dem Präsidenten am Workshop mitgegeben wurde, war für den FC Haag Gold wert. Noch sind nicht alle Ämter besetzt, dennoch darf Hartmann ein positives Fazit ziehen. Die Verjüngungskur im Vorstand, welche vor zwei Jahren bereits begann und notwendig war, konnte auch mit Hilfe des Workshops abgeschlossen werden. Für neue Funktionen, die es früher noch nicht gab, gewann man motivierte Helfer. «Ausserhalb des Vorstands wollten wir uns breiter aufstellen, da haperte es bei uns extrem», erläutert Hartmann. Die Last ist nun auf mehr Schultern verteilt, das sogenannte Klumpenrisiko ist deutlich reduziert. Für den Erfolg mitverantwortlich war die Werbekampagne mit speziellen Plakaten aber auch eine klare Strategie, die man verfolgt hat.

Klar aufgezeigt müssen aber auch die Methoden werden, mit welchen der Fussballverband seinen Vereinen unter die Arme greifen will. Ein Kochrezept, wie Bernhard Aggeler sagt, könne er aber nicht anbieten. Doch in einfachen Rollenspielen lernen die Teilnehmer, welche Personen man anspricht und wie man das am besten tut. Eine klare Stellenbeschreibung des zu vergebenden Amtes ist in diesem Gespräch ebenso von Vorteil wie das Aufzeigen von Karrieremöglichkeiten im Verein oder den Mehrwert, den man durch dieses Amt erhält. «Eine Massnahme des Vereins muss sein, dass man Freiwillige wertschätzt», hält der OFV-Verbandssekretär fest. Hier hat der Verein viele Möglichkeiten, ein Dankeschön auf spezielle Art und Weise auszusprechen. Weiter meint Aggeler, dass die Gespräche «unverkrampft sein und dann entstehen sollen, wenn es die Situation erlaubt», meint Aggeler. Am besten, so Aggeler, mache man mit dem potenziellen Helfer dann ab, wenn es ihm passt, und nicht dem Verein. Der Verein richtet sich nach den Bedürfnissen seiner Helfer und muss flexibel sein.

Es ist nicht falsch, dass man Neigungen des Kandidaten kennt und aus diesem Grund ihm dieses Amt anvertrauen möchte. Aber es geht auch anders, wie Bernhard Aggeler in einem Beispiel erklärt: «Du arbeitest den ganzen Tag im Büro und willst mal was anderes machen? Warum nicht zweimal in der Woche an der frischen Luft mit Junioren arbeiten?»

«Ich würde jedem anderen Verein, ob Fussball oder eine andere Sportart, diesen Workshop weiterempfehlen», ist Claudio Hartmann begeistert. Der Besuch dieses Workshops steht zwar nur Fussballvereinen zu. «Aus meiner Sicht ist dieser aber auf jeden Verband adaptierbar. Jede Sportart sollte einen Dachverband haben, der solche Hilfestellung für Vereine anbietet.»