Führt das Sparprogramm zu Menschenunwürdigkeit?

SARGANS. Das 15. Pizol-Care-Gesundheitsforum befasste sich mit dem komplexen, für Laien kaum verständlichen, Thema der Pflegefinanzierung. Knallharten Zahlen stehen emotionale Bedürfnisse gegenüber, die auch im Alter erfüllt werden möchten.

Heidy Beyeler
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SARGANS. Das 15. Pizol-Care-Gesundheitsforum befasste sich mit dem komplexen, für Laien kaum verständlichen, Thema der Pflegefinanzierung. Knallharten Zahlen stehen emotionale Bedürfnisse gegenüber, die auch im Alter erfüllt werden möchten.

Rege Beteiligung

Geschäftsführer Urs Keller moderierte die Podiumsdiskussion am Gesundheitsforum von Pizol Care. Er zeigte die Problematik auf, von der die unterschiedlich gelagerten Interessen betroffen sind. Als Podiumsteilnehmer diskutierten Fachleute und zwei Patientenvertreterinnen zum Thema Aufenthalt und Kosten in einem Pflegeheim oder ambulant (Spitex). Mit dabei waren Ruth Lichtensteiger, Geschäftsführerin, regionales Pflegeheim Mels, Selma Rothenberger, Leiterin Spitex Buchs, Peter Kalberer, Präsident Verein Spitex Sarganserland, Rudolf Lippuner, Präsident der Gemeindepräsidenten der Region Sarganserland/Werdenberg, Ruedi Stahlberger, Hausarzt in Bad Ragaz, und Thomas Warzinek, Kantonsrat.

Kosten im Mittelpunkt

Wenn Politiker über die Pflegefinanzierung sprechen (müssen), hört sich das äusserst technokratisch an. Machbarkeiten, Zuständigkeiten und Optimierungen werden ausgelotet. Dass dabei auch Menschen – also Subjekte – betroffen sind, spielt häufig eine sekundäre Rolle. Das wurde am Gesundheitsforum in Sargans spürbar.

Kosten haben sich verdoppelt

Klar, beim Thema Pflegefinanzierung geht es um blosse Zahlen, und die Zahlen sprechen für sich. Die Verteilung der Sozialkosten über alle Themen hinweg blieb in den vergangenen 20 Jahren prozentual gesehen mehr oder weniger konstant, insbesondere bezüglich der grössten Kategorie «Alter». Hier variiert der Anteil schweizweit zwischen 1990 und 2012 um 0,7 Prozent und lag 2012 bei 42,8 Prozent. Bei den effektiven Zahlen sieht es allerdings drastischer aus. Wurden 1990 noch 72,7 Milliarden Franken (zu Preisen von 2012) aufgewendet, waren es 2012 doppelt so viel, nämlich 147,4 Milliarden Franken.

Was läuft falsch?

Bei der ganzen Diskussion um die Pflegefinanzierung liegt es in der Natur der Sache, dass es um die Finanzen geht. In diesen Diskussionen bleiben aber die Bedürfnisse der zu Pflegenden komplett auf der Strecke. Der Druck von Rentabilität und mangelnder Zeit sind allgegenwärtig.

Dazu kommen die Vorschriften, die fein säuberlich rapportiert werden müssen. Dabei bleibt die menschliche Zuwendung auf der Strecke, wie die Ausführungen der Podiumsteilnehmenden erkennen liessen. Spitex-Mitarbeiterinnen fahren unentgeltlich zu den Pflegebedürftigen nach Hause, Ärzte müssen nach ihrer ordentlichen Arbeitszeit mehrseitige Formulare aus den Pflegeheimen kontrollieren, die der Festlegung des Pflegesatzes dienen. Diese Formulare werden vorgängig von Pflegeheim-Mitarbeitenden neben ihrer Tätigkeit als Pflegefachperson ständig ausgefüllt.

Zwölf Stufen für Augentropfen

Eine jämmerliche Situation für Betroffene, die pflegebedürftig in Heimen untergebracht sind, zeigte die Ausführung einer Patientenvertreterin: Mit jeder zusätzlichen Betreuung wird es teurer. Solange der Gast im Alters- und Pflegeheim keine pflegende Handreichung benötigt, muss die Gemeinde keine Beiträge leisten. Benötigt er Hilfe, zum Beispiel die regelmässige Verabreichung von Augentropfen, dann riskiert er, dass er bereits in die nächsthöhere Pflegestufe – von insgesamt zwölf Stufen – gelangt. Das wiederum bedeutet, dass pflegebedürftige Heimbewohner bei Verschlechterung ihres Gesundheitsstatus, eher auf zusätzliche Pflege, Therapie oder Medikamente verzichten, nur weil sie der Allgemeinheit nicht auf der Tasche liegen möchten.

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