Frust und Zwist wegen Frühenglisch

Der Vorstand der St. Galler Reallehrer-Konferenz fordert, dass in der Primarschule kein Englisch mehr unterrichtet wird. Für den Präsidenten des kantonalen Lehrerverbands kommt die Debatte zu früh. Die Regierung muss aber bald Farbe bekennen.

Andri Rostetter
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ST. GALLEN. Mitten in der Debatte um den Lehrplan 21 schaltet sich der Vorstand der St. Galler Reallehrer-Konferenz (KRK) mit einem neuen Vorschlag ein: In der Primarschule soll künftig nur noch eine Fremdsprache unterrichtet werden – und zwar Französisch. Das berichtete gestern die Ostschweiz am Sonntag.

Geht es nach dem KRK-Vorstand, sollen die drei Lektionen Englisch, die heute ab der dritten Klasse auf dem Lehrplan stehen, ersatzlos gestrichen werden. Begründung: Zwei Fremdsprachen bringe viele Kinder an ihre Leistungsgrenzen, was zu Frust und Unlust führe. Die Reaktionen auf den Vorschlag zeigen: Die KRK hat damit ein heisses Eisen angerührt. Offiziell will kaum jemand Stellung nehmen – im Amt für Volksschulen verweist man auf die hängigen Vorstösse im Bildungsdepartement, die zuständigen Vertreter der Pädagogischen Kommissionen wollen zuerst ihre Gremien konsultieren.

Überforderung «hausgemacht»

Hinter vorgehaltener Hand wird die Forderung des KRK-Vorstands jedoch harsch kritisiert. Die Lehrerschaft sei im Jahr 2008 mit grosser Mehrheit für die Einführung von Frühenglisch gewesen, sagen Mitglieder der Pädagogischen Kommissionen. Zudem sei ein enormer Aufwand betrieben worden, um das Fach zu etablieren. Die Überforderung sei «hausgemacht»: Viele Lehrerinnen und Lehrer würden die Messlatte im Frühenglisch deutlich höher ansetzen, als es der Lehrplan verlange. Das schaffe grosses Frustrationspotenzial.

Hansjörg Bauer, Präsident des kantonalen Lehrerverbands, will sich zwar nicht direkt zum Vorschlag des KRK-Vorstands äussern. Deutlich wird er aber, was den Zeitpunkt angeht. «Das Vorpreschen des KRK-Vorstands ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht sehr sinnvoll», sagt Bauer. Der Schweizer Lehrer-Dachverband LCH werde sich 2015 «eingehend» mit dem Fremdsprachenunterricht befassen. Im gleichen Jahr werde auch der Kantonale Lehrerverband eine Diskussion mit allen betroffenen Stufen führen. «Wir wollen eine gemeinsame Lösung für alle Deutschschweizer Kantone.»

Englisch statt Französisch

Im Kanton St. Gallen könnte die Fremdsprachen-Debatte indes noch vor den Sommerferien weiter an Fahrt gewinnen. Bis dann wird die Antwort der Regierung auf zwei Vorstösse erwartet: Ein Postulat fordert einen Bericht über die Erfahrungen mit der zweiten Fremdsprache in der Primarschule seit 2008. Der Bericht soll zudem aufzeigen, ob der Französischunterricht in der Primarklasse aufgehoben und auf die Oberstufe verlegt werden soll. 70 Kantonsräte haben das Postulat unterzeichnet. Der zweite Vorstoss, eine Interpellation der SVP-Fraktion, zielt in eine ähnliche Richtung. Im Interpellationstext heisst es: «Die in diesen beiden Primarschuljahren erworbenen Französischkenntnisse tragen kaum zum nationalen Zusammenhalt bei, es wäre deshalb wahrscheinlich sinnvoll, die zweite Landessprache auf die Oberstufe zu verschieben und dort die Französischlektionen aufzustocken.»

Ähnliche Bestrebungen sind auch in anderen Kantonen im Gang. Im Februar hatte der Schaffhauser Kantonsrat eine Motion an den Regierungsrat überwiesen. Darin wird gefordert, dass nur noch eine Fremdsprache in der Primarschule unterrichtet wird.

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