Freiwillige tragen medizinische Hilfe

Der Verein «Werdenberg hilft» unterstützt dieses Jahr mit seinen Aktivitäten im Rahmen der Wiga vier Hilfsorganisationen. Eine davon ist delta, gegründet von der Werdenbergerin Monika Müller, Ärztin am Berner Inselspital. Wie und wo die Spenden eingesetzt werden, erzählt sie im Gespräch mit dem W&O.

Hanspeter Thurnherr
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Blick auf eines der riesigen Flüchtlingscamps in der Südtürkei. Über 1,8 Millionen Syrer sind ins Nachbarland geflohen. (Bilder: delta)

Blick auf eines der riesigen Flüchtlingscamps in der Südtürkei. Über 1,8 Millionen Syrer sind ins Nachbarland geflohen. (Bilder: delta)

Frau Müller: delta heisst Ihre Hilfsorganisation, die sich in Indien und im afrikanischen Moçambique engagiert. Was heisst delta?

Monika Müller: delta heisst develop live through action (gestalte Leben durch Handeln). Wir unterstützen Menschen mit niedrigem sozio-ökonomischem Status. Wir leisten direkte Hilfe, um ihre Lebensumstände zu verbessern. Wir setzen uns aktiv für die Verbesserung der gesellschaftlichen Zustände ein, indem wir unsere privilegierte Situation mit ihnen teilen und unsere Ressourcen aktiv einbringen.

Neuerdings engagiert sich delta auch zugunsten von syrischen Flüchtlingen und Bewohnern der nordsyrischen Stadt Kobane.

Müller: Wir arbeiten in Diyrbakir in der Südtürkei mit Ärzten zusammen, die ihrerseits mit Berufskollegen in Nordsyrien zusammenarbeiten. So können wir unsere Hilfe über diese Kolleginnen und Kollegen abwickeln und die Unterstützung auf die Stadt und den Kanton Kobane in Nordsyrien konzentrieren. Aus zwei Gründen macht es keinen Sinn, selber in Syrien tätig zu sein. Erstens wegen der sprachlichen Barrieren und zweitens würden wir durch unsere Anwesenheit auch die einheimischen Partner gefährden, wenn der Islamische Staat (IS) merkt, dass dort Europäer vor Ort sind. Zudem ist eines unserer Grundprinzipien die Hilfe zur Selbsthilfe.

Sie reisten im Februar in die Flüchtlingslager von Suruc in die Südtürkei, um sich ein Bild von der Situation zu machen. Wie erlebten Sie die Lage?

Müller: Ich war überrascht, wie gut die Helfer vor Ort die Versorgung der Flüchtlinge organisiert haben, wenn man bedenkt, dass Ende 2014 innert drei Wochen 80 000 Flüchtlinge ankamen und mehrere Camps errichtet werden mussten. Die Camps verfügten über Strom, Wasser, Gesundheits- und Hygieneposten. Dreimal am Tag gibt es Mahlzeiten und auch mit Nahrungsmittelpaketen wurden die Flüchtlinge versorgt. Beeindruckt hat mich auch die medizinische Versorgung, die ausschliesslich von freiwilligem medizinischem Fachpersonal getragen wurde.

Welche Art von Hilfe ist angesichts der riesengrossen Zahl an Flüchtlingen am dringendsten?

Müller: Das kann ich so nicht beantworten. Nahrung ist genauso wichtig wie medizinische Versorgung oder die Sicherheit. Wir fokussieren uns auf die medizinische Versorgung, weil wir von der Projektleitung Ärzte sind und dies unsere Kernkompetenz ist. Das heisst, wir liefern Medikamente, sterile Instrumente und Verbandsmaterial – also kleine Sachen, dafür kontinuierlich.

Ganz schwierig scheint die Lage in und um die nordsyrische Stadt Kobane zu sein.

Müller: Unsere Projektleiterin Songül Altanay ist kurdische Schweizerin und Türkin. Sie unterhält sich jeweils über Telefon mit den Kollegen in Diyrbakir und Kobane. Die Stadt ist zu 70 bis 80 Prozent zerstört. Vor dem Krieg gab es in der Stadt Kobane vier Spitäler für die 50 000 Einwohner und im Kanton Kobane rund 70 Ärzte. Im Krieg wurden die Spitäler stark beschädigt beziehungsweise vollständig zerstört. Jetzt sind die Ärzte – bis auf sieben – abgewandert. Neben der Versorgung der Bevölkerung kommt diejenige der Kriegsverletzten hinzu. Es ist eine riesige humanitäre Katastrophe. Die Hilfe vor Ort wird nur von kleinen Organisationen und Freiwilligen abgedeckt.

Wie wollen Sie dort ihren Berufskollegen helfen?

Müller: Neben der regelmässigen Versorgung mit Medikamenten stellen wir uns langfristig eine Ärztepartnerschaft vor, bei der wir die Kollegen direkt finanziell unterstützen. Oder zum Beispiel Rückkehrer beim Aufbau ihrer Praxis. So möchten wir die Abwanderung verhindern und mithelfen, ein Netzwerk aufzubauen. Damit können wir über unsere Berufskollegen Hunderte vom Krieg betroffene Menschen erreichen.

Die Aktion «Werdenberg hilft» sammelt für Ihr Hilfswerk. Wozu werden diese Spenden eingesetzt?

Müller: Wir haben uns 18 000 Franken zum Ziel gesetzt, die wir im ersten Jahr als monatlichen Beitrag in Form von Medikamenten und kleinen chirurgischen Geräten einsetzen möchten. Neuigkeiten zum Einsatz der Spenden werden regelmässig auf Facebook (develop.life.through. action) und auf unserer Webseite (www.delta-ngo.ch) gepostet. Am Stand von «Werdenberg hilft» an der Wiga werden wir vor Ort sein.

Sie sind gebürtige Werdenbergerin. Welche Beziehung haben Sie heute noch zu ihrer ehemaligen Heimat?

Müller: Ich bin in Sax in einer privilegierten Situation aufgewachsen, habe im Werdenberg und im Sarganserland die Schulbildung genossen, welche mir ermöglichte, Ärztin zu werden. Das Werdenberg war also für mich auch identitätsstiftend. Ein Grossteil meiner Familie wohnt im Werdenberg und unterstützt den Verein. So wird unter anderem mein Bruder Andreas, Wirt im Hotel Buchserhof, für jedes «Werdenberg hilft»-Menü einen Franken spenden. Es freut mich, dass uns Tino Kesseli von «Werdenberg hilft» für die Wiga-Aktion angefragt hat. Er ist seit der Gründung mit unserem Verein verbunden. Seine Schwester Severine ist bei uns im Vorstand.

Flüchtlingskinder spielen in einem der unzähligen Zeltdurchgänge des Flüchtlingscamps in der Südtürkei.

Flüchtlingskinder spielen in einem der unzähligen Zeltdurchgänge des Flüchtlingscamps in der Südtürkei.

Dr. med. Monika Müller Ärztin und Präsidentin des Hilfswerks «delta» (Bild: pd)

Dr. med. Monika Müller Ärztin und Präsidentin des Hilfswerks «delta» (Bild: pd)