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Freiwerden im Freigeben

Zum Sonntag
Pfarrer Martin Frey, Grabs-Gams

«Vergebt einander. Die Bibel» kann man zurzeit auf einem grossen Plakat am Dorfeingang zu Grabs lesen. Als ich es sah, kam mir ein Mann wieder in den Sinn, den ich vor vielen Jahren im Spital besucht hatte. Er war damals irgendwo zwischen 70 und 80 Jahre alt und wegen seinem zweiten oder auch dritten Herzinfarkt da. Ich bin lange an seinem Bett gesessen und er hat mir aus seinem Leben erzählt. Er hatte keine schöne Kindheit. Er war Verdingbub und hatte es nicht so gut erwischt. Der Vater der Familie, in die er kam, schlug ihn regelmässig. Er bekam immer wieder zu spüren, dass da ein grosser Unterschied bestand zwischen den Kindern des Hauses und ihm. Beim Essen, bei der Kleidung, bei den anstehenden Arbeiten galt er klar weniger. Auch in der Schule war er beim Lehrer nicht auf der gleichen Stufe wie die anderen. Von all diesen Verletzungen erzählte er und man hatte das Gefühl, das sei erst gestern oder vorgestern geschehen. Alle Details waren noch lebendig und man konnte spüren wie ihm die Ungerechtigkeiten von damals immer noch wehtaten und ihn aufregten. Als alter Mann war er einmal in dieses Dorf zurückgekommen, in dem er aufgewachsen war. Der Mann bei dem er Verdingbub gewesen war, war schon lange tot, der Lehrer auch und der Sohn, mit dem er aufgewachsen war und der den Hof übernommen hatte, erkannte ihn nicht mehr.

Der Mann ist mir nach dieser Begegnung noch eine Weile nicht aus dem Kopf gegangen und ich habe mich gefragt: Was hatte er eigentlich noch davon, dass er all diese Erinnerungen so lebendig hielt? Zuletzt waren alle tot, von denen er irgendeine Form der Wiedergutmachung hätte erwarten können. Niemand konnte ihm mehr etwas geben. Im Gegenteil, ich hatte das Gefühl er war ständig noch am Verlieren. Er verlor Zeit und Kraft in dem er an der Vergangenheit hing, er durchlitt immer wieder die Schmerzen und die Aufregung der Vergangenheit und ich wurde den Eindruck nicht los, dass all das auch zu seinem Herzinfarkt beigetragen hatte.

Es war das erste Mal, dass mir der Gedanke kam, dass wenn Gott uns einlädt und auffordert, anderen zu vergeben, dabei nicht nur dem anderen, dem wir vergeben, etwas Gutes geschieht, sondern zu einem grossen Teil auch uns selbst. Wenn wir den anderen nicht mehr in seiner Schuld festhalten wollen, sondern ihn freigeben, werden wir selbst frei von Lasten der Vergangenheit. Vergeben heisst dabei nicht, das für richtig erklären, was der andere uns angetan hat, falsches bleibt falsch. Es heisst, ihn nicht mehr darauf behaften und damit auch das ganze Leid in uns nicht länger lebendig zu halten. Vielleicht wäre so das «Vergebt einander» wieder einmal dran, für einmal weniger dem anderen zuliebe als mehr uns selbst zuliebe.

Pfarrer Martin Frey, Grabs-Gams

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