Freispruch und Umbau nach Unfall

Das hiesige Kreisgericht spricht einen Autolenker frei, der mit seinem Fahrzeug auf den Schienen stand, als ein Zug herannahte. Trotz des 100 000-Franken-Crashs trifft ihn keine Schuld. Ausnahmsweise. Denn der Unfall sei unvermeidbar gewesen. Schuld ist die bauliche Situation.

Reinhold Meier
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UNTERTERZEN. Das Urteil überrascht auf den ersten Blick, denn Störungen des Bahnverkehrs werden für gewöhnlich streng geahndet, je nach Schwere mit Geld- oder Freiheitsstrafen. Wenn hier eine Abweichung vorliegt, so letztlich deshalb, weil dem Lenker im konkreten Fall keinerlei Fehlverhalten vorgeworfen werden kann. Denn trotz des veritablen Schadens, hätte er den Unfall nicht verhindern können. Vielmehr ist letztlich die untragbare bauliche Situation schuld. Ab heute Donnerstag wird sie denn auch verändert.

Geschehen ist der folgenschwere Unfall im Frühling vor zwei Jahren in Unterterzen an der Intercity-Strecke von Sargans nach Zürich. Dort wollte ein damals 40jähriger Bündner von der Einwässerungsrampe über die Gleise in die Kantonsstrasse Richtung Walenstadt einbiegen. Weil ein Auto vor ihm an der Einmündung warten musste, kam er mit seinem Fahrzeug samt Anhänger auf den Gleisen zu stehen. Das Unglück nahm seinen Lauf, als dessen Lenker das zwischenzeitlich einsetzende rote Blinklicht nicht mehr sehen konnte. Bald darauf senkten sich die Schranken. Der Mann war samt Gefährt eingeschlossen.

Dramatische Sekunden

Ein Blick nach rechts zeigte ihm: Dort naht schon der Zug, nur noch 350 Meter entfernt. Geistesgegenwärtig verliess er sein Auto und winkte dem Lokführer. Jener hatte das Hindernis bereits bemerkt und eine Notbremsung eingeleitet. Danach flüchtete er gemäss Vorschrift in den Maschinenraum. Doch die mit über hundert Stundenkilometern heranrasende Eisenbahn kommt systembedingt nicht mehr vor dem Hindernis zum Stillstand.

Unfall unvermeidbar

Es kracht, das Auto wird 30 Meter weggeschleudert. Der Zug kommt weitere 70 Meter später, just am Perron zur Ruhe, so dass die Fahrgäste problemlos aussteigen können. Wie durch ein Wunder war niemand verletzt worden. Der Sachschaden aber schlug mit rund 100 000 Franken zu Buche. Denn die Lok und die Schranke waren beschädigt, das ausgeliehene Auto samt Anhänger futsch und zudem musste die Strecke zweieinhalb Stunden gesperrt werden mit ziemlichem Mehraufwand in der Betriebsführung.

Die Anklage hatte dem Autofahrer darum vorgeworfen, Menschen und Bahnverkehr gefährdet zu haben. Dafür sei er mit 20 Tagessätzen, bedingt auf zwei Jahre zu bestrafen. Dies, weil er damit rechnen musste, dass er wegen des regen Autoverkehrs auf der Kantonsstrasse, für längere Zeit auf dem Bahnübergang habe warten müssen. Der Unfall hätte sich vermeiden lassen, wenn er stattdessen vor der Schranke gewartet hätte, bis der Weg frei gewesen sei.

Dem widersprach das Gericht, nachdem es eigens einen Augenschein vor Ort genommen hatte. Dieser belegte, dass ein korrektes Passieren des Übergangs praktisch unmöglich ist, weil der Platz auf der anderen Seite höchstens für Kleinstwagen ausreicht. Das heisst, selbst wenn der Beschuldigte freie Fahrt gehabt und nach der Schranke vorschriftsmässig an der Einmündung gewartet hätte, so hätte doch noch immer das Heck seines Autos samt dem Hänger weit in die Gleise geragt. Vor diesem Hintergrund könne ihm kein Fehlverhalten vorgeworfen werden. Er sei folglich freizusprechen.

Sonderfall beachten

Das bedeutet nichts anderes, als dass der Übergang an dieser Stelle eine Fehlkonstruktion ist und Unfälle geradezu provoziert. Im Klartext: Dass hier nicht schon viel öfter etwas passiert ist, ist ziemliches Glück. Als Folge dieser gerichtlichen Einschätzung sollen darum künftig eine Ampel und ein Kreisel für mehr Sicherheit sorgen. Bereits ab heute Donnerstag darf aber schon nicht mehr nach links abgebogen werden. Ausserdem stoppt ab sofort eine Ampel den Verkehr auf der Walenseestrasse, bevor die Schranke schliesst, damit Autos von Gosten sicher das Gleis verlassen können. Ohne diese Massnahmen hätte der Übergang geschlossen werden müssen. Unbenommen von dieser örtlichen Besonderheit bleibt aber, dass die Rechtsprechung sonst einheitlich davon ausgeht, dass ein Bahnübergang nur, und nur dann, befahren werden darf, wenn er zügig und vollständig überquert werden kann. Autofahrer können sich also nicht auf das jüngste Urteil berufen, wenn sie Fahrgäste und Züge gefährden, indem sie ihr Fahrzeug aufs Gleis stellen. Sie müssen vielmehr immer vor der offenen Schranke warten, bis auf der Gegenseite genügend Platz für ihr Auto frei wird.