«Es wird für mich schwierig, den Sitz zu halten»

Im Kanton St. Gallen treten elf Bisherige zu den Nationalratswahlen 2015 an. In einer Interview-Serie blicken wir mit den Kandidatinnen und Kandidaten auf die vergangene Legislatur zurück und beurteilen ihre Leistungen im Parlament aus nationaler Perspektive. Heute: Yvonne Gilli (Grüne).

Andri Rostetter
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«Eine grenzwertige Belastung»: Nationalrätin Yvonne Gilli. (Bild: ky/Peter Klaunzer)

«Eine grenzwertige Belastung»: Nationalrätin Yvonne Gilli. (Bild: ky/Peter Klaunzer)

Frau Gilli, was haben Sie in den vergangenen vier Jahren in Bern erreicht?

Yvonne Gilli: Einiges, insbesondere in der Gesundheitspolitik. Drei Beispiele: Jeder 20. Einwohner der Schweiz leidet unter elektromagnetischer Strahlung. Ich habe das zum Thema gemacht, jetzt gibt es eine wissenschaftliche Untersuchung dazu. Das zweite ist die Initiative zur Komplementärmedizin. Wir haben erreicht, dass natürliche Heilmittel auf dem Markt bleiben und die Leistungen durch die Grundversicherung gedeckt sind. Daran war ich wesentlich beteiligt. Auch für die hausärztlichen Anliegen und Patientenrechte habe ich vieles erreicht.

Warum wollen Sie nochmals für vier Jahre nach Bern?

Gilli: Politische Arbeit braucht Kontinuität. Bis Gesetze umgesetzt sind, dauert es bis zu 15 Jahre. Das braucht Erfahrung. In der nächsten Legislatur kommt die grosse AHV- und Pensionskassenreform. Ich war bereits bei der letzten Reform dabei, zudem bin ich Mitglied der Sozialkommission. Ich bringe da also viel Erfahrung mit. Ich habe aber auch eine persönliche Motivation: Ich verstehe mich als Brückenbauerin zwischen den Parteien. In einer Zeit der Polarisierung braucht es auch die vermittelnde Stimme.

Was tun Sie für den Kanton St. Gallen in Bern?

Gilli: Die Vertretung von kantonalen Interessen wird nur durch überparteiliche Allianzen über den Kanton hinaus wirksam. Dennoch: Im Bereich Strassenbau habe ich aus lokalpolitischen Gründen das Rheintal unterstützt. Ich habe mich für die verkehrspolitischen Infrastrukturprojekte in St. Gallen eingesetzt. Und ich war eine der ersten Politikerinnen, die den Fluglärm im Kanton einzuschränken versucht.

Sie sind Nationalrätin, Ärztin und dreifache Mutter. Wie geht das?

Gilli: Das ist ein permanenter Spagat. In meiner Hausarztpraxis arbeite ich noch 40 Prozent. Das ist eine grenzwertige Belastung neben der Politik. Die Kinder sind zum Glück zum Gröbsten raus. Der Jüngste ist 16 und an der Kanti, die beiden älteren Söhne studieren an der ETH. Trotzdem: Ohne eine Haushalthilfe wäre es nicht machbar.

In einer Studie wurden Sie gerade als effizienteste Politikerin in Bern bezeichnet. Niemand ist mit seinen Vorstössen so erfolgreich wie Sie.

Gilli: Das hat mit meiner Arbeitsweise zu tun. Als Vertreterin einer kleinen Partei kann ich meine Anliegen nie im Alleingang durchbringen. Zusammenarbeit heisst für mich: Andere respektieren und ihnen auch Vorteile gönnen.

Sie haben das Bundeshaus mal als «Haifischbecken» bezeichnet. Gehören Sie mittlerweile selber zu den Haifischen?

Gilli: Das entspricht nicht meiner Haltung. Bern ist tatsächlich ein Haifischbecken. Ich suche jedoch die faire Zusammenarbeit.

Die Prognosen für die Grünen sind ungünstig. Kandidieren Sie deshalb für den Ständerat – um noch ein paar Wähler zusätzlich zu mobilisieren?

Gilli: Das würde nicht genügen. Die Grünen sind die grösste und älteste Partei mit einem klaren ökologischen Kernanliegen. Unsere beiden Vertreter im Kanton St. Gallen vertreten beide dieses Kernanliegen nicht. Deshalb ist es für die Grünen wichtig, im Ständeratswahlkampf präsent zu sein.

Die Ökologie steht für die meisten aber nicht mehr im Vordergrund, sie haben andere Sorgen.

Gilli: Das spüren wir tatsächlich. Im Wählerbarometer stehen wir momentan bei einem Verlust von einem halben Wählerprozent. Der starke Franken, die Wirtschaftslage, die Flüchtlinge – all das verunsichert die Menschen. Damit wird es für mich als Grüne schwierig, den Sitz in Bern zu halten. Die Konsequenzen aus der Vernachlässigung von ökologischen Themen werden unterschätzt. Wie versorgen wir uns mit Energie? Wie viel Energie verbrauchen wir? Das sind wichtige gesellschafts- und wirtschaftspolitische Fragen. Dafür müssen wir die Leute wachhalten.

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