Es geht immer der Nase nach

Yvonn Scherrer, DRS-1-Moderatorin, erlebt die Welt durch Riechen, Hören und Tasten. Am Sonntag las die blinde Autorin im fabriggli aus ihrem Erstlingswerk «Nasbüechli».

Heidy Beyeler
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Yvonn Scherrer konzentriert sich kurz vor ihrem Auftritt auf ihre Lesung, ihr Hund Saphir kennt dieses Ritual und liegt ruhig daneben. (Bild: Heidy Beyeler)

Yvonn Scherrer konzentriert sich kurz vor ihrem Auftritt auf ihre Lesung, ihr Hund Saphir kennt dieses Ritual und liegt ruhig daneben. (Bild: Heidy Beyeler)

BUCHS. Es ist leise im fabriggli-Saal. Yvonn Scherrer wartet sitzend auf einem Stuhl auf der Bühne, daneben am Boden liegend ihr ständiger Begleiter, Blindenführhund Saphir. Yvonn Scherrer liest aus ihrem Buch «Nasbüechli – eine Duftreise».

Ja, die blinde Autorin liest Erzählungen aus ihrem Buch in Berndeutsch, mit ihren Fingerspitzen. Dazu benützt sie einen speziellen Computer in Brailleschrift. Mit den Fingern streicht sie geschickt über erhöhte Punktmuster (Blindenschrift) und ertastet so die Worte, die sie mit ihrem flinken Mundwerk wiedergibt.

Kurzweilige Geschichten

Das Publikum geht mit Yvonn Scherrer auf eine Weltreise, bei der die Wahrnehmungen vornehmlich von ihrer Nase aufgenommen und wiedergegeben werden. Sie schildert Düfte, Gerüche und Gestank. Seit der frühen Kindheit wurden Geruchsinn und Gehör trainiert. Ihr Augenlicht verlor sie im Alter von sieben Monaten durch Netzhautkrebs. Seither konzentriert sie sich auf andere Wahrnehmungssinne. Ihr Geruchsinn hat sich besonders stark entwickelt, und darüber hat sie erheiternde Kurzgeschichten geschrieben, die dem Sehenden eine neue Sichtweise der Welt näherbringt.

Yvonn Scherrer erzählt aus ihrem Tagebuch in einem wunderschönen, wortreichen Berndeutsch von ihren Riecherlebnissen aus anderen Ländern. Blumig und anschaulich, als ob sie ein Augenmensch sei. Das ist verblüffend. Bulgarien ist für Yvonn besonders reizvoll. «Dort riecht es so gut.» Sie schildert farbenreiche Landschaften in allen Facetten. Für Sehende klingt das verblüffend. Wie will sie wissen was blau, rot, grün, schwarz oder weiss ist? In einem Interview sagte sie einmal: «Ich spüre, wenn es um mich herum grau ist. Oder farbig. Ich rieche grau.» Und auf die Frage aus dem Zuschauerraum im fabriggli, wie sie sich Farben vorstelle, meinte die Autorin: «Ich lasse mir genau beschreiben, wie was aussieht, und entwickle so meine Vorstellung von Farben.»

Auf dem Land riecht's besser

In Zürich ist die Luft von einer Fülle von Düften und Gerüchen geschwängert, wie Yvonn Scherrer berichtet. Nach ihren Erzählungen kann man sich gut vorstellen, dass das Leben in der Stadt für Yvonn Scherrer und ihren Hund sehr anstrengend sein muss, ob all der verschiedenen Eindrücke, die verarbeitet werden müssen. «Ihr habt es hier auf dem Land besser, hier riecht es gut», stellte die Autorin fest.

Als schrecklich empfindet Yvonn Scherrer, wenn die Wäsche auch nach drei Tagen immer noch nach dem parfümierten Waschpulver riecht, wie sie betonte. Mit ihrer Lesung aus dem «Nasbüechli» hat sie das Publikum zum Nachdenken verführt. Zum Nachdenken, wie sich wohl der Alltag ohne sehende Augen, aber mit dem Ursinn des Riechens abspielen könnte. Sicher ist, dass viele Eindrücke durch das Riechen besser in Erinnerung bleiben. Bekannte Düfte, die im Zusammenhang mit erfreulichen oder widerlichen Ereignissen stehen, bilden oft eine Brücke zu den Erinnerungen, wie es eben damals gerochen hat. «Riechen ist ein Ursinn. Düfte gehen – ohne Umwege – direkt ins Gehirn, dorthin, wo die Emotionen sitzen», sagte die berufene Mundart-Erzählerin im schönsten Berndeutsch.