Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

ELLHORNSCHWELLE: Jedes Mal ein kleiner Bergsturz

Weil dem Fluss über Jahrzehnte zu viel Kies entnommen wurde, hat sich der Rhein immer tiefer in die Sohle eingegraben. Eine Schwelle verhindert, dass Hochwasserdämme und Brückenfundamente unterspült werden.
Silvan Lüchinger
Der Ablenkdamm stellt sicher, dass auf der 100 Meter breiten und 70 Meter langen Baustelle im Fluss gefahrlos gearbeitet werden kann. (Bilder: Benjamin Manser)

Der Ablenkdamm stellt sicher, dass auf der 100 Meter breiten und 70 Meter langen Baustelle im Fluss gefahrlos gearbeitet werden kann. (Bilder: Benjamin Manser)

Silvan Lüchinger

silvan.luechinger

@tagblatt.ch

Der Rhein führt wenig Wasser an diesem nasskalten Januartag. 25 Kubikmeter pro Sekunde waren es am frühen Morgen, 100 sind es gegen Mittag. Ein Rinnsal im Vergleich mit jenen grauen Fluten, die er bei Hochwasser durchs Tal treibt. Aber im Bündnerland hat es weit herabgeschneit statt geregnet. Das erwartete Hochwasser ist vertagt, kommt vielleicht erst im Frühling.

Für Titus Wildhaber sind die Arbeitsbedingungen nahezu ideal. Mit der mächtigen Greifzange seines Hydraulikbaggers packt er Felsblock um Felsblock und setzt damit ein steinernes Puzzle zusammen. Nivelliergeräte am Flussufer, mit denen die Lage des Steinteppichs festgelegt und kontrolliert wird, braucht er nicht. Der Bagger arbeitet mit Signalen vom Himmel her. Dank GPS sind alle nötigen Angaben auf dem Bildschirm in der Fahrerkabine sichtbar. Ist es gefordert, kann Wildhaber die unförmigen Brocken fast zentimetergenau setzen. Eigentlich wäre er pensioniert. «Wir sind froh um ihn», sagt Kurt Köppel, Leiter des st. gallischen Rheinunternehmens. «So versierte Wasserbauer wie Pius Wildhaber gibt es nicht viele.» Aber auch er muss die Arbeit einstellen, wenn die Abflussmenge auf 300 Kubikmeter pro Sekunde steigt. Ab dann kann es für ihn und die teuren Maschinen heikel werden.

10000 Tonnen neue Steine

Ellhornschwelle heisst die Baustelle in jener Rheinkurve, wo der Kanton St. Gallen diesseits, Graubünden und das Fürstentum Liechtenstein jenseits des Flusses zusammenstossen. Jetzt, in der Schlussphase, wird auf der Bündner Seite gearbeitet, auf Gemeindegebiet von Fläsch. Die Zufahrt ist nur von Norden, über Liechtensteiner Boden möglich. Eine Baupiste von Süden her hätte Naturschutzgebiete beeinträchtigt. Mächtige Lastwagen, die Räder fast mannshoch, rumpeln im Fünfminutentakt daher. Beladen mit Felsblöcken, jeder zweieinhalb bis vier Tonnen schwer. Wenn sie aus der Ladewanne rutschen, ist das jedes Mal ein kleiner Bergsturz. Sogar Funken blitzen auf.

Die Ellhornschwelle ist keine natürliche Felsbarriere, sondern Menschenwerk. 1972 wurden hier erstmals Blocksteine im Fluss platziert. Sie sollten verhindern, dass sich der Rhein immer tiefer in die Flusssohle hineinfrisst und letztlich die Hochwasserdämme ins Rutschen bringt. Seither gab es mehrere Teilsanierungen, die letzte 2002. Das Hochwasser 2016 gab dem angeschlagenen Bollwerk den Rest. Mit der Totalsanierung werden 10000 Tonnen neue Steine in den Fluss gesetzt. Dazu kommen 4000 Tonnen Schroppen – kleinere Steine, die als Filter wirken.

Die Baustelle ist eine Attraktion

Die mächtigen Brocken aus Malmkalk kommen aus Steinbrüchen im Schollberg, bei Walenstadt und bei Balzers. An allen drei Orten wird unterirdisch abgebaut. Bei den Sprengungen fällt eine enorme Menge Material an, das für die Schwellensanierung nicht zu gebrauchen ist. «Um die 10000 Tonnen Blocksteine zu gewinnen, muss eine Million Tonnen Gestein gesprengt werden», sagt Ernst Dietsche, Geschäftsführer der Baustoffe Schollberg AG. In den unterirdischen Steinbrüchen sind Zuschauer nicht zugelassen. Zu den Arbeiten im Rhein hingegen schon. Die Baustelle ist eine Attraktion. «Es gab Tage, da standen 100 Leute auf dem Rheindamm und schauten zu», erinnert sich Kurt Köppel. Auch in der letzten Phase der Sanierung darf nahe heran, wer das will. Der Wanderweg auf der Liechtensteiner Rheinseite ist zwar mit Bändern eingeengt, aber durchgehend offen.

Gesamtkosten 1,2 Millionen Franken

Mit der Schwelle beim Ellhorn und jener bei Buchs reparierte der Mensch eigene Sünden. Zwischen 1950 und den frühen 70er-Jahren waren dem Fluss so grosse Mengen Kies entnommen worden, dass sich seine Sohle um mehrere Meter absenkte. Gleichzeitig sank aber auch der Grundwasserspiegel. Die sogenannten Giessen, Grundwasseraufstösse in den Rheinauen, versiegten. Heute führen sie mindestens teilweise wieder Wasser. Von der Schwellensanierung profitieren auch die Fische. Im 100 Meter breiten und 70 Meter langen Steinteppich verläuft eine Niedrigwasserrinne. Sie ermöglicht, dass aufsteigende Fische wie etwa Seeforellen in ihre Laichgewässer gelangen.

Mitte Monat sollen die Arbeiten abgeschlossen sein. Als letzte Aufgabe fällt der Rückbau des Ablenkdammes an, der die Baustelle zuerst auf der West-, dann auf der Ostseite trockenlegte. Die Kosten für das Gesamtprojekt sind auf 1,2 Millionen Franken veranschlagt. Die Kantone St. Gallen und Graubünden tragen je die Hälfte. Weil der Rhein im St. Gallischen als kantonales Gewässer gilt, entstehen den Anstössergemeinden Sargans und Mels keine Kosten. Fläsch hingegen muss 45 Prozent des Bündner Anteils übernehmen. Entlastet wird die Rechnung durch den erwarteten Bundesbeitrag von gut einem Drittel an die Gesamtkosten.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.