Eintauchen in die Stickereizeit

Die Historisch-Heimatkundliche Vereinigung Werdenberg und der Verkehrsverein Grabs luden zur Besichtigung des Sticklokals in Grabs ein. Die Gesprächsrunde danach mit Zeitzeugen der Stickerei war ein riesiger Publikumserfolg.

Melanie Steiger
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Zeitzeugen der Stickereizeit in der Region erzählten aus ihrem Leben (von links): Stickereizeichner Hans Schlegel aus Fontnas, Stickerin Monika Bollhalder aus Unterwasser, «Stickergoof» Käti Bär-Vetsch aus Altdorf, früher Grabs, sowie Sticker Alfred Heeb aus Werdenberg. (Bild: Melanie Steiger)

Zeitzeugen der Stickereizeit in der Region erzählten aus ihrem Leben (von links): Stickereizeichner Hans Schlegel aus Fontnas, Stickerin Monika Bollhalder aus Unterwasser, «Stickergoof» Käti Bär-Vetsch aus Altdorf, früher Grabs, sowie Sticker Alfred Heeb aus Werdenberg. (Bild: Melanie Steiger)

GRABS. Um das Jahr 1910, auf dem Höhepunkt der Stickereiindustrie im Werdenberg, gab es im Bezirk etwa 1660 Stickmaschinen. In Grabs arbeitete jede und jeder Dritte im erwerbsfähigen Alter direkt oder indirekt in der Stickerei. Heute noch zeugen an älteren Häusern die hohen Fenster im Erdgeschoss oder an seitlichen Anbauten davon, dass dies früher ein Sticklokal war.

Vor dem Aufstieg der Maschinenstickerei ab der Mitte des 19. Jahrhunderts lebten die Menschen im Werdenberg in bitterer Armut, hauptsächlich von der Landwirtschaft. Viele wanderten nach Übersee aus. Erst die Stickerei brachte der Region einen wirtschaftlichen Aufschwung. Deren Anziehungskraft wurde mit jener der Goldfelder Kaliforniens verglichen.

Die Stickereiprodukte waren ein Luxusgut. Sogar das Hochzeitskleid der Königin Wilhelmina von Belgien wurde in Grabs gestickt. Die Aufträge der Exporthäuser in St. Gallen gelangten über Fergger an die Heimsticker im Werdenberg. Fehler in der Stickerei wurden dem Sticker vom Lohn abgezogen und durch Nachsticken in Handarbeit korrigiert.

Steiler Aufstieg, jäher Absturz

Nach dem steilen Aufstieg folgte der jähe Absturz. Die Wende kam mit dem Ersten Weltkrieg. Die Stickereiindustrie brach ein. Die Mode wandte sich von der Stickerei ab. Davon erholte sich die Stickereiindustrie nicht mehr ganz. Viele Maschinen wurden zuerst stillgelegt und später verschrottet.

Wie eine Stickmaschine funktioniert, zeigte an diesem Abend Monika Bollhalder im Sticklokal Grabs. Sie wuchs in einer Bauernfamilie auf und entdeckte das Sticken, als ihr Vater ein Stickerhaus kaufte, um es zu verpachten. Als das Haus in Unterwasser leer stand, begann sie selber zu sticken. Monika Bollhalder hatte eine riesige Freude daran und bekam in den 1980er-Jahren viele Aufträge aus St. Gallen. Das Geld reichte jedoch nur für sie selber. Damit eine Familie zu ernähren, wäre unmöglich gewesen. Heute stickt sie nur noch als Hobby.

Die Maschine im Sticklokal wurde 1807 erbaut und ist die letzte ihrer Art in Grabs. Bis 2007 war sie in Betrieb, heute dient die Handstickmaschine nur noch als Vorführmodell.

Heini Schwendener, W&O-Redaktor und Historiker, führte im Restaurant Schäfli durch die Gesprächsrunde mit Zeitzeugen. Käti Bär-Vetsch berichtete von ihren Erlebnissen als Tochter eines Stickers, Monika Bollhalder und Alfred Heeb erzählten vom Stickerdasein und Hans Schlegel erinnerte sich an seine Zeit als technischer Stickereizeichner.

Ruhige Hand war notwendig

Der Stickereizeichner bekam den Entwurf für eine Stickerei und vergrösserte diese sechsfach, etwa auf Plakatgrösse. Diese Zeichnung war für den Sticker die Vorlage, nach der er die Stickerei anfertigte. Auf der Zeichnung wurden die Anzahl Stiche und die benötigen Garnfarben notiert. Das einzige Hilfsmittel für den Zeichner war ein Zirkel. Dabei entstanden Muster mit 10 000 Stichen und mehr. Wichtig für diesen Beruf war eine ruhige Hand, um genaue Muster anzufertigen. Heute wird dies alles maschinell und mit Computer produziert.

Das Sticken war hauptsächlich ein Männerberuf. Eine wichtige Aufgabe der Frauen bestand darin, die Garne einzufädeln und gerissene Fäden zu ersetzen. Als die Fädelmaschine erfunden wurde, war das eine grosse Erleichterung für die Frauen. Käti Bär-Vetsch und Alfred Heeb berichteten, wie die Kinder in Stickerfamilien nach der Schule dem Vater beim Sticken mit verschiedenen Hilfsarbeiten zur Hand gingen. Die Mutter besorgte neben der Arbeit im Sticklokal auch den Haushalt und war für die Kinder zuständig. Sogar die Kleinsten wuchsen im Sticklokal auf. Denn hätten sie in der Wohnung Hilfe benötigt, hätten sie die Eltern im Sticklokal wegen des Lärms ohnehin nicht gehört.

Authentische Schilderungen

Die vier Teilnehmer der Gesprächsrunde erzählten viele schöne Episoden aus der Stickereizeit, wo häufig die ganze Familie auf engstem Raum zusammenarbeitete. Das Publikum verfolgte interessiert die authentischen Schilderungen.