Einen modernen Klassiker spazieren fahren

Seit 1914 werden auf dem ausgetrockneten Salzsee von Bonneville im US-Bundesstaat Utah mit motorisierten Fahrzeugen Geschwindigkeitsrekorde aufgestellt. So auch vor 60 Jahren vom Triumph-Testfahrer Johnny Allen.

Daniel Huber
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Ein Triumph-Klassiker immer wieder neu aufgelegt. (Bild: Daniel Huber)

Ein Triumph-Klassiker immer wieder neu aufgelegt. (Bild: Daniel Huber)

Seit 1914 werden auf dem ausgetrockneten Salzsee von Bonneville im US-Bundesstaat Utah mit motorisierten Fahrzeugen Geschwindigkeitsrekorde aufgestellt. So auch vor 60 Jahren vom Triumph-Testfahrer Johnny Allen. Mit einer 650er-Twinzylinder schraubt er den Rekord für Motorräder auf den beachtlichen Wert von 214,5 mph hoch (circa 345 km/h).

Bei der Maschine handelte es sich um einen Ur-Prototypen der späteren Triumph Bonneville, die 1959 auf den Markt kam. Das Modell war überaus beliebt und wurde über die Jahre stetig weiterentwickelt, bis Triumph 1983 wegen Zahlungsunfähigkeit schliesslich die Werkstore schliessen musste. Noch im selben Jahr kaufte Bauunternehmer John Bloor für 150 000 Pfund die Markenrechte sowie das alte Werksgelände. Doch erst sieben Jahre später präsentierte Bloor an der Motorradaustellung in Köln stolz die neuen Dreizylinder-Modelle Trident 900 und Trophy 900 von Triumph, die fortan in einem neuen, auf die grüne Wiese gestellten Werk gefertigt wurden.

Erfolgreiche Dreizylinder

Es folgten weitere eigenwillige, aber überaus erfolgreiche Dreizylinder-Modelle, wie die Rocket III und die Speed Triple. Diese ebneten den Weg für eine weitere Herzensangelegenheit von Bloor: der Wiederbelebung der Bonneville. 1990 präsentierte er an der Intermot in München unter dem Label «Modern Classics» im alten Look die moderne T100 Bonneville. Diese verfügte zuerst über einen 790-ccm-, ab 2005 einen 865-ccm- und jetzt neu über einen 1200-ccm-Parallel-Twin-Motor.

Um den stetig verschärften Abgasnormen zu entsprechen, musste zuerst 2007 der Vergaser einer elektronisch gesteuerten Benzineinspritzung weichen und nun folgt vorne am neuen 1200er-Motor ein kleiner Wasserkühler. Doch weil bei der Bonneville Design König ist, klafft hinter den Zylindern, wo einst der Vergaser war, nicht etwa ein schnödes Loch, sondern eine Benzineinspritzung mit Drosselklappen im Vergaser-Look. Und die wuchtigen Zylinder werden immer noch zusätzlich durch schmucke Kühlrippen gekühlt. Nur beim genauen Hinsehen erkennt man zudem das Fehlen des Gaskabels. Bei der neuen Bonneville wird zeitgemäss elektronisch via Drive-by-Wire Gas gegeben. Unübersehbar, aber dezent in der Umsetzung sind LED-Tagfahr- und Rücklicht. Auch ermöglichen digitale Displays in den klassischen Rundinstrumenten zusätzliche Infos wie zum Beispiel die Wahl des Fahrmodus «Rain» oder «Road». Überfällig war der Einbau eines ABS-Bremssystems, das nun standardmässig dabei ist.

Viel mehr Drehmoment

Rein äusserlich hat der Einzug der Moderne auch bei der vierten Neuauflage des «Modern Classic» Bonneville wenig Spuren hinterlassen. Einmal in Fahrt fallen bei der neuen Motorisierung weniger die zusätzlichen 12 PS (neu 80 PS) auf, sondern vielmehr das um rund 50 Prozent angewachsene Drehmoment von maximal 105 Nm. Auch die behäbige Bonneville will nicht am Limit gefahren werden. Vielleicht ist es wegen der aufrechten Haltung oder auch wegen des im unteren Drehzahlbereich so angenehmen Blubbern des Twin-Motors, auf diesem Motorrad rücken Dinge wie Topbeschleunigung in weite Ferne. Stilvoll und entspannt von A nach B kommen, heisst die Devise.