«Eine Welle ging durchs Volk»

Paul Rechsteiner ist die Sachpolitik näher als die Show, die Debatte lieber als der Klamauk. Der Sozialdemokrat freut sich über die «Volksbewegung», die er in den vergangenen Wochen erlebt habe. Das sei ihm Verpflichtung für die nächsten Jahre in Bern.

Regula Weik
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Ständerat Paul Rechsteiner wendet sich in der St. Galler Innenstadt an Freunde, Parteikollegen und Wahlhelfer. (Bild: Hanspeter Schiess)

Ständerat Paul Rechsteiner wendet sich in der St. Galler Innenstadt an Freunde, Parteikollegen und Wahlhelfer. (Bild: Hanspeter Schiess)

ST. GALLEN. 20 000 – um so viele Stimmen hat Paul Rechsteiner gestern seinen Herausforderer Thomas Müller abgehängt. Der Gewerkschaftspräsident ist kein Mann der überschwenglichen Emotionen. Er trägt das Herz nicht zuvorderst auf der Zunge. Doch an diesem Sonntag ist seine Erleichterung spürbar. Und seine Freude.

«Mein Resultat ist das Ergebnis der Arbeit ganz vieler», sagt er. Und: «Es gab eine unglaubliche Mobilisierung in der Bevölkerung, eine eigentliche Volksbewegung.» Er sei im Zug angesprochen worden; Verkäuferinnen seien vor den Laden getreten; Arbeiter hätten ihm aus der Baugrube zugewinkt. Darüber hinaus hat ein überparteiliches Komitee mit bekannten Köpfen aus den Reihen von CVP und FDP den Sozialdemokraten unterstützt. Ein Frauenkomitee. Und Kulturschaffende – «ein Geschenk des Himmels», sagt Rechsteiner.

Bürgerliche Stimmen geholt

14,2 Prozent hat der Stimmenanteil der SP in den nationalen Wahlen Mitte Oktober betragen, 35,8 Prozent jener der SVP; sie ist damit mit Abstand wählerstärkste Partei im Kanton. Parteipolitisch stand Rechsteiner auf verlorenem Posten. Sein gestriger Sieg macht deutlich: Er hat im zweiten Wahlgang – wie schon vor vier Jahren – bis weit ins bürgerliche Lager hinein Stimmen geholt. Die SVP ist einmal mehr in den St. Galler Ständeratswahlen gescheitert.

Die Ausgangslage sei nach der «Kapitulation der CVP» schwieriger gewesen als vor vier Jahren, sagt Rechsteiner. Herausforderer Müller wurde neben seiner eigenen Partei, der SVP, und zahlreichen Wirtschaftsverbänden auch von der FDP unterstützt. Die CVP hatte Stimmfreigabe beschlossen.

Müller in Rorschach geschlagen

Rechsteiner ist Sieger in allen Wahlkreisen. In der Stadt St. Gallen holte er über 10 000 Stimmen mehr als Müller. Doch auch in Rorschach heisst der Wahlsieger Rechsteiner; Stadtpräsident Müller verbuchte nicht einmal halb so viele Stimmen wie der Sozialdemokrat. Müller kann sich damit trösten, in zwei Dutzend Gemeinden obenaus geschwungen zu haben.

Gewiss: Der Bisherigen-Bonus hat Rechsteiner geholfen. Aber dies allein erklärt seinen gestrigen Sieg in dieser Deutlichkeit nicht. Rechsteiner leiste seit Jahren gute Arbeit in Bern, sagt Monika Simmler, Präsidentin der St. Galler SP. Er politisiere gradlinig und glaubwürdig. Und: «Er bot keine Angriffsfläche.»

Zum Wahlsieg beigetragen habe auch, dass Karin Keller-Sutter und Paul Rechsteiner – trotz klarer Unterschiede in ihren politischen Haltungen – bisher eine «harmonierende Vertretung» des Kantons in Bern abgaben, wie es ein Politbeobachter formuliert. Etwa, als sie sich gemeinsam für den Ausbau des Bahnverkehrs einsetzten. Rechsteiner will nicht locker lassen und sich auch in den nächsten vier Jahren «für die Ostschweiz, für soziale Anliegen und für die Verteidigung der Menschenrechte» einsetzen.

Über Pension hinaus

Rechsteiner ist 63. Auf die Frage eines Journalisten, ob er mit dem Pensionsalter in Bern auf die Bremse treten werde, sagt er: «Ich bin gewählt. Wer mich kennt, der weiss: Ich werde weiter arbeiten.» Bereits wird gemunkelt, Rechsteiner werde bis 90 im Stöckli sitzen bleiben – im Interesse der Schwachen und Armen, und vor allem seiner Partei zuliebe. Die St. Galler SP war 36 Jahre nicht im Ständerat vertreten; 2011 hatte ihr Warten ein Ende, Rechsteiner erlöste sie.

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