Ein wesentlicher Standortfaktor

Der Rektor der Universität St. Gallen (HSG), Thomas Bieger, spricht an der Wirtschaftstagung Werdenberg über den Wettbewerb der Wirtschafts- und Bildungsstandorte. Und hier über die Bedeutung der HSG für die Ostschweiz.

Thomas Schwizer
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Thomas Bieger Rektor der Universität St. Gallen, Prof. für Betriebswirtschaftslehre (Bild: pd)

Thomas Bieger Rektor der Universität St. Gallen, Prof. für Betriebswirtschaftslehre (Bild: pd)

Die Wirtschaftstagung Werdenberg vom 9. September steht unter dem Motto «Business 2015: Chancen und Risiken für den Wirtschaftsstandort». Für HSG-Rektor Thomas Bieger sind die Universität St. Gallen und ihr Reservoir an hochqualifizierten Fachkräften in der Region sowohl für bestehende Unternehmen ein Standortfaktor als auch bei der Ansiedlung von neuen Unternehmen, wie er im Interview ausführt.

Innerhalb der Schweiz zählt die Universität St. Gallen (HSG) zu den kleinsten Universitäten. Die beherbergt aber die grösste wirtschaftswissenschaftliche Fakultät im deutschsprachigen Raum. Ist diese Tatsache für den Wirtschaftsstandort Ostschweiz im Wettbewerb um hochqualifizierte Fachkräfte ein Standortvorteil?

Thomas Bieger: Die HSG ist die Universität des Kantons St. Gallen und als einzige östlich von Zürich die Universität der Ostschweiz. Mit ihrer Ausrichtung auf Wirtschafts-, Rechts- und Sozialwissenschaften sowie Internationale Beziehung bildet sie künftige Betriebswirtschafter – vom Marketingfachmann bis zur Wirtschaftsprüferin – künftige KV- und Mittelschullehrerinnen und -lehrer in Wirtschaft und Recht, Anwälte, Verwaltungsfachleute sowie generell Fach- und Führungskräfte aus. Ein besonderes Gewicht hat auch die Förderung des Unternehmertums – viele Jungunternehmer haben ihre Wurzeln an der HSG und ihrer Gründergarage. Die HSG bietet auch den Studierenden aus der Ostschweiz eine international renommierte Ausbildungsstätte in nächster Nähe und der Ostschweizer Wirtschaft Talente für zukunftsträchtige Branchen. Damit wirkt sie auch dem «Brain-Drain», der Abwanderung qualifizierter Kräfte in die grossen Wirtschaftszentren, entgegen. Von besonderer Bedeutung sind die vielfältigen Kooperationen in Forschung und Entwicklung zwischen den über dreissig Instituten – vom Institut für Wirtschaft und Technologie (ITEM-HSG) über das Schweizerische Institut für Klein- und Mittelunternehmen (KMU-HSG) bis hin zum Institut für Wirtschaft und Ökologie (IWÖ-HSG) – und der regionalen Praxis, Wirtschaft und Verwaltung.

Für die Ansiedlung internationaler Unternehmen ist, so wie wir immer wieder hören, der Umstand, eine internationale Universität in der Nähe zu haben, von grosser Bedeutung.

Bieger: Die Universität St. Gallen und ihr Reservoir an hochqualifizierten Fachkräften sind in der Region sowohl für bestehende Unternehmen ein Standortfaktor als auch bei der Ansiedlung von neuen Unternehmen. Die Beispiele der Hilti-Gruppe und der Firma Sigma-Aldrich aus den USA zeigen dies. Das Life-Science- und High-Tech-Unternehmen Sigma-Aldrich mit einem Umsatz von rund 2,3 Milliarden Franken und 7700 Mitarbeitenden hat 2012 seinen Hauptsitz für Europa, den Mittleren Osten und Afrika nach St. Gallen verlegt. Sigma-Aldrich hat die Entscheidung für St. Gallen explizit auch mit der Nähe zur HSG begründet. Gemeinsam mit der Hilti-Gruppe hat die Universität St. Gallen im Februar 2013 das Controlling-Labor «Hilti Lab for Integrated Performance Management» gegründet. Die Einrichtung soll das Zusammenspiel von Führungsverhalten und Steuerungssystemen verbessern und neue Management-Modelle entwickeln und erproben. Im Sinne der praxisbezogenen Forschung und des Wissenstransfers betreibt die HSG neben dem Hilti Lab weitere strategische Forschungskooperationen mit SAP, SBB, Bosch und BMW.

Dank ihrer wirtschaftswissenschaftlichen Spitzenstellung treten Professoren der Universität St. Gallen im deutschsprachigen Raum immer wieder medial in Erscheinung. Wie wichtig sind solche Plattformen für die Universität St. Gallen und für die Aussenwahrnehmung der Ostschweiz als Bildungsstandort?

Bieger: Diese Präsenz in den Medien ist nicht nur für den Bildungsstandort, sondern auch für den Forschungs- und Lebensstandort Ostschweiz zentral. Wenn ein Professor für Kultur und Gesellschaft Russlands zu aktuellen politischen Entwicklungen in der Ukraine Stellung nimmt, dann dokumentiert das nicht nur die internationale Kompetenz der Region, sondern ist auch Ausdruck einer breiten Kultur sowie unseres Anspruches, ein Denkplatz für aktuelle Probleme von Wirtschaft und Gesellschaft zu sein. 2014 erschienen mehr als 9500 Beiträge in regionalen und nationalen sowie über 1200 in internationalen Medien. Die erschienenen Beiträge entsprechen einem errechneten Werbewert (AEV) von über 55 Mio. Franken. Pro Tag ist die Universität – und damit auch die Ostschweiz – 29mal in den Medien vertreten. Davon dreimal in international führenden Medien.

Ist die Tatsache, dass der Schwergewichts-Weltmeister im Boxen, Wladimir Klitschko, in einem Weiterbildungsstudiengang an der Universität St. Gallen im Studiengang «CAS in Change und Innovation Management» doziert, Teil des Wettbewerbs um die Wahrnehmung der Universität St. Gallen im ganzen deutschsprachigen Raum?

Das Engagement von Herrn Klitschko in einem Weiterbildungsstudiengang eines unserer über dreissig Institute ist Ausdruck des Unternehmertums und der Internationalität derselben. Es zeigt die Fähigkeit unserer Institute, sich in neuen Geschäftsfeldern zu positionieren, und ist auch eine Bestätigung für das internationale Renommee unserer Weiterbildungsangebote.

Wie wichtig ist es aus wirtschaftspolitischer Sicht, dass – wie von den beiden St. Galler Ständeräten postuliert – eine Metropolitanregion Ostschweiz entsteht? Was würde diese Metropolitanregion der Ostschweiz bringen?

Bieger: Innovation kommt heute – und oft über längere Perioden in der Geschichte – aus Metropolitanräumen. In diesen vernetzen sich auf engem Raum Kompetenzen, Ideen und Kreativität. Eine Metropolitanregion Ostschweiz wäre wichtig für die Bewusstseinsbildung und die Wahrnehmung der heute schon bestehenden vielfältigen unternehmerischen Aktivitäten in der Ostschweiz. Für alle Wirtschaftsräume sind Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur heute zentral, auch hier dürfte das Denken in Metropolitanräumen helfen. Die Ostschweiz hat die grosse Chance, in der Perspektive eines trinationalen Wirtschaftsraums Bodensee zu denken. Die Ostschweiz, das Vorarlberg, aber auch Baden Württemberg, Bayern und Liechtenstein gehören zu den produktivsten Regionen Europas. Diese noch besser zu vernetzen, ist zentral. Und dazu braucht es vor allem auch Verbesserungen der grenzüberschreitenden Verkehrsverbindungen.

Die International School Rheintal hat die Mehrheit der International School St. Gallen übernommen. Wie wichtig sind solche englischsprachigen Schulen für die Wirtschaftsregion Ostschweiz und St. Gallen?

Englisch ist heute die «Lingua Franca», die von der neuen Generation Studierender sehr gut beherrscht wird. Entsprechend bieten auch die kantonalen Gymnasien eine zweisprachige Matura mit Deutsch und Englisch und die HSG einen englischsprachigen Studiengang ab dem ersten Semester an. International Schools sind wichtige Angebote insbesondere für Zuzüger aus dem Ausland, auf die die Ostschweiz als qualifizierte Arbeitskräfte angewiesen ist.

Die St. Galler Regierung initiierte im Juni einen eigenen Studiengang Humanmedizin, mit dem Kantonsspital St. Gallen als Lehrspital und der Universität St. Gallen als Studienstätte. Was würde ein Studiengang Humanmedizin an Ihrer Universität der Ostschweiz bringen?

Bieger: Das ist im Moment Gegenstand des Prüfauftrages der Regierung. Der Zeitpunkt für den Aufbau eines möglichen Studienganges ist aufgrund des Willens des Bundesrates, zusätzliche Studienplätze in Humanmedizin zu schaffen und dafür Finanzen bereitzustellen, jetzt sehr günstig. Wenn man ein Medizinstudium im Kanton will, dann muss dies jetzt seriös geprüft werden. Die Universität St. Gallen arbeitet an dieser Prüfung im Hinblick auf die Chancen einer Stärkung des Standortes St. Gallen gerne mit.

Wie beurteilen Sie generell die Wettbewerbsstellung des Bildungs- und Wirtschaftsstandorts Ostschweiz in der Schweiz?

Bieger: Die Ostschweiz hat viele national, ja sogar global ausstrahlende und agierende Unternehmen und Institutionen, oft eigentliche «hidden stars» in ihrer Branche. Zu ihnen gehört auch die HSG als Universität des Kantons St. Gallen.

Die HSG (Bild) biete der Ostschweizer Wirtschaft Talente für zukunftsträchtige Branchen und wirke auch der Abwanderung qualifizierter Kräfte entgegen, sagt Rektor Thomas Bieger. (Bilder: pd)

Die HSG (Bild) biete der Ostschweizer Wirtschaft Talente für zukunftsträchtige Branchen und wirke auch der Abwanderung qualifizierter Kräfte entgegen, sagt Rektor Thomas Bieger. (Bilder: pd)