Ein tauchendes und giftiges Raubtier

Pro Natura hat die Wasserspitzmaus zum Tier des Jahres gekürt. Die Maus, die eigentlich gar keine ist, gibt es auch im Toggenburg. Biologe und Fotograf René Güttinger aus Nesslau hat sie bereits mehrere Male gesichtet.

Martina Signer
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Auf Tauchgang: Das sehr dichte Fell schützt vor dem Wasser. (Bild: pd)

Auf Tauchgang: Das sehr dichte Fell schützt vor dem Wasser. (Bild: pd)

TOGGENBURG. Eine Maus, die im Wasser nach Beute taucht? Ja, die gibt es – auch im Toggenburg. Obwohl der Name täuscht, denn die Wasserspitzmaus gehört eigentlich der Ordnung der Insektenfresser an. Diese halten nichts von Rohkost, sie verfügen über ein richtiges Beutegreifergebiss. Mäuse nennen dürften sie sich deshalb eigentlich nicht, denn Mäuse sind Nagetiere. Das Mäusegebiss mit den Schneidezähnen ist auf pflanzliche Nahrung ausgerichtet. «Die Wasserspitzmaus und andere Spitzmausarten sind mit den echten Mäusen also gar nicht näher verwandt – jedenfalls nicht mehr als etwa ein Fuchs mit einem Hirsch», ist in der Pro-Natura-Spezialausgabe zu dem gefrässigen Tier des Jahres nachzulesen.

Tauchen, ohne nass zu werden

Auch Biologe René Güttinger hat mit dem faszinierenden Geschöpf schon Bekanntschaft gemacht. Er kennt einige Eigenarten der tauchenden Spitzmaus. So gehört sie zum Beispiel zu den Rotzahnspitzmäusen. Denn ihre Zahnspitzen sind mit Eisen versetzt, was deren Widerstandsfähigkeit erhöht. Und beim Tauchen werden die Tierchen nicht etwa nass. «Sie haben ein derart dichtes Fell, dass das Wasser nicht auf die Haut gelangt.» Zurück an Land schütteln sie sich kräftig und schon sind sie wieder trocken. Ein nasses Fell würde für diese kleinen Säugetiere den Tod bedeuten. «Die Tiere verlieren viel Wärme über die Körperoberfläche. Deshalb fressen sie auch so viel. Damit die Energie da ist, um nebst der regen Körperaktivität diesen Wärmeverlust auszugleichen.»

Seitenruder und Paddel

Mit ihrer langen Schnauze erschnuppern die Wasserspitzmäuse auch an Land ihr Futter. René Güttinger weiss aber, dass sie bis zu zwei Drittel ihrer Nahrung unter Wasser fangen. «In kleinen Bächen mit Kiessohle ist der Tisch immer reich gedeckt.» So graben die Wasserspitzmäuse unter dem Kies und grösseren Steinen nach Larven von Köcher-, Stein- und Eintagsfliegen nach. Ein Sekret, das von Giftdrüsen unter der Zunge produziert wird, wirkt bei Beutetieren bis Mausgrösse tödlich. Die Fortbewegung unter Wasser erleichtern – als Steuerruder und Paddel – dichte, aus steifen Haaren gebildete Borstensäume am Schwanz und an den Füssen. Der ideale Lebensraum besteht aus kleinen Bächen und Weihern mit sauberem Wasser. Das Ufer sollte ausreichend Deckung bieten, denn das Raubtierchen wird zum Gejagten, wenn es von Greifvögeln entdeckt wird. Als gefährdete Art steht die Wasserspitzmaus in der Schweiz und benachbarten Ländern auf der Roten Liste. Bachöffnungen könnten dazu beitragen, dass sie sich wieder mehr verbreitet.

René Güttinger Biologe und Naturfotograf aus Nesslau (Bild: Martina Signer)

René Güttinger Biologe und Naturfotograf aus Nesslau (Bild: Martina Signer)