«Ein Rückschritt ins Mittelalter»

Die SBB wollen auf der Strecke Zürich–Sargans–Chur das Rollmaterial wechseln – zum Ärger der nationalen Behindertenorganisation Procap. Menschen mit einer Behinderung blieben dabei auf der Strecke.

Regula Weik
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Ein Rollstuhlfahrer wird mit dem Lift aus dem Zug gehievt. (Bild: ky/Yoshiko Kusano)

Ein Rollstuhlfahrer wird mit dem Lift aus dem Zug gehievt. (Bild: ky/Yoshiko Kusano)

ST. GALLEN. «Die Haltung der SBB ist ungeheuerlich. Der Sitzkomfort in der 1. Klasse geht Behindertenanliegen vor», ärgert sich Hans Frei. Der Diepoldsauer ist Zentralpräsident von Procap Schweiz, der grössten Selbsthilfeorganisation von und für Menschen mit einer Behinderung. «Das Verhalten der SBB ist eine Marginalisierung der Anliegen der Behinderten und eine Missachtung der Bestimmungen im Behindertengleichstellungsgesetz», macht Frei seinem Ärger in einem offenen Brief an die Konzernleitung der SBB Luft. «Das kann und darf nicht sein.»

Auf Hilfe und Lift angewiesen

Auslöser für Freis Verärgerung ist die Ankündigung der SBB, das heutige Rollmaterial auf der Linie Zürich–Chur ersetzen zu wollen – zum Nachteil von Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind. Heute verkehren auf der Strecke neue Regio-Doppelstockzüge (Regio-Dosto); diese sind dank Niederflurtechnik behindertengerecht. Rollstuhlfahrer können den Zug selbständig «besteigen», und der Zug verfügt über ein WC, das auch Reisende im Rollstuhl benutzen können.

Damit soll bald Schluss sein. Die SBB prüfen, auf der Linie wieder das frühere Rollmaterial einzusetzen – mit Hocheinstieg. «Ein Rückschritt ins Mittelalter», sagt Frei. Doch wie kommen die SBB dazu, das moderne Rollmaterial durch 30jähriges zu ersetzen? Auslöser ist die 1. Klasse in den neuen Zügen. Ihr Komfort entspreche nicht dem üblichen Standard im Fernverkehr, kritisieren Zugreisende. Die Sitze seien weniger komfortabel. Und es gebe weniger Platz, da mehr Sitze pro Abteil angebracht sind. Es mache sich unter den Reisenden Unmut breit, hält Pro Bahn Schweiz, die Interessenvertretung der Kundinnen und Kunden des öffentlichen Verkehrs, fest – «weil derselbe Zuschlag von 70 Prozent gegenüber der 2. Klasse bezahlt werden muss». Hans Frei schüttelt darüber den Kopf: «Damit die 1.-Klass-Passagiere wieder standesgemäss Zug fahren können, sollen die Behinderten doch bitte schön hinten anstehen.» Als Rollstuhlfahrer müsste er sich wieder wie früher mindestens eine Stunde vor Abfahrt des Zuges melden, damit ihn jemand von den SBB mit dem Lift in den Zug hieven und am Zielort auch wieder ausladen könne – sofern am Bahnhof ein Lift vorhanden sei. Dies sei längst nicht überall der Fall.

Auswirkungen auf Halt

Regierungsrat Beni Würth – er ist für den öffentlichen Verkehr im Kanton verantwortlich – teilt die Bedenken der Behinderten. Ein Wechsel zurück auf das 30jährige Rollmaterial wäre für ihn noch aus einem weiteren Grund ein Rückschritt: Die Regio-Dosto-Züge, die heute auf der Strecke verkehren, fahren rascher an und beschleunigen schneller als die alten – «dadurch gewinnen wir Zeit», sagt Würth. Diesen Zeitgewinn würde er gerne für einen Halt in Bad Ragaz einsetzen; dieser wurde beim Fahrplanwechsel im vergangenen Dezember gestrichen. «Ziel des Kantons ist, dass Bad Ragaz möglichst bald wieder bedient wird», sagt Würth. Die Chance dafür sei mit dem neuen, modernen Rollmaterial «realistischer». Er hofft, bis zu den Sommerferien von den SBB Klarheit über «den Halt Bad Ragaz und das künftig eingesetzte Rollmaterial» zu haben.

Sind Reklamationen über den mangelnden Komfort der neuen Züge bis zu ihm gedrungen? Er verneint. Die Regio-Dosto-Züge hätten sich aus seiner Sicht bewährt. Die Rückmeldungen in den Kundenumfragen auf der Linie Wil-St. Gallen-Chur – sie wird ebenfalls mit Regio-Dosto-Zügen bedient – seien sehr gut und positiv.

Neue Varianten prüfen

Die SBB wollen in den nächsten Wochen verschiedene neue «Design-Varianten» für die 1. Klasse der Regio-Dosto-Züge prüfen. Ein Testzug hat diese Woche das Werk von Stadler Rail in Altenrhein verlassen. Über allfällige Anpassungen werde im Herbst entschieden, teilten die SBB diese Woche mit. Ebenfalls diese Woche haben sie sich bei Hans Frei gemeldet. Sie wollen mit dem Präsidenten von Procap Schweiz das Gespräch suchen.

Hans Frei Zentralpräsident Procap Schweiz (Bild: pd)

Hans Frei Zentralpräsident Procap Schweiz (Bild: pd)

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