Ein Papierstapel, 500 Meter hoch

Die Bezirksämter sind im Kanton St. Gallen längst abgeschafft. Doch mit ihrem Erbe hatte das Staatsarchiv noch jahrelang zu kämpfen. Erst seit kurzem sind die Aktenberge aus den Bezirken fertig abgetragen und erschlossen.

Adrian Vögele
Drucken
Teilen
Patente für Hausierer wurden früher von der Gemeinde ausgestellt und vom Bezirksammann bewilligt. (Bild: Staatsarchiv St. Gallen, StASG KA R.110-1b)

Patente für Hausierer wurden früher von der Gemeinde ausgestellt und vom Bezirksammann bewilligt. (Bild: Staatsarchiv St. Gallen, StASG KA R.110-1b)

KANTON ST. GALLEN. Viel Papier – das sind die Mitarbeiter des St. Galler Staatsarchivs gewohnt. Doch das Projekt, das sie soeben abgeschlossen haben, sprengt die üblichen Dimensionen bei weitem. Der Auslöser liegt 15 Jahre zurück und ist in der Öffentlichkeit schon halb vergessen: Im Jahr 2000 wurden im Kanton St. Gallen die 14 Bezirksämter abgeschafft. Ihre papierene Hinterlassenschaft landete beim Staatsarchiv. Die Amtsnotariate, welche viele Aufgaben der ehemaligen Bezirksämter fortführten, konnten die Akten aus Platzgründen nicht übernehmen. «Innert weniger Wochen wurden bei uns fast 500 Laufmeter Akten angeliefert», sagt Martin Jäger, der im Staatsarchiv das Behörden- und Verwaltungsarchiv leitet. 500 Laufmeter – das bedeutet: Würde man all die Dokumente auf einen einzigen Stapel schichten, ergäbe das einen Papierturm von einem halben Kilometer Höhe.

Zehnjährige Knochenarbeit

Das Staatsarchiv konnte die Schachteln voller Akten, die lastwagenweise in St. Gallen eintrafen, nicht in seinen Räumen unterbringen und musste eigens ein Aussenlager anmieten. Doch die eigentliche Arbeit begann erst danach: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mussten die Aktenberge durcharbeiten und bei jedem Dokument entscheiden, ob sich die Archivierung lohnt oder nicht. Die archivwürdigen Akten mussten mit einer Signatur versehen und für die Aufbewahrung im Staatsarchiv in säurefreie Schachteln umgepackt werden. Diese aufwendige Erschliessung der Akten begann 2005 und dauerte fast zehn Jahre.

Grundlagen für Eigentum

Das Erschliessen war allerdings nicht die einzige Schwierigkeit. Denn viele dieser Akten werden bis heute aus rechtlichen Gründen gebraucht. So sind zum Beispiel Erbverträge und Testamente darunter. Wenn die Amtsnotariate den Beleg für eine frühere erbrechtliche Amtshandlung brauchen oder einen gesetzlichen Erben ermitteln müssen, benötigen sie nicht selten Akten der ehemaligen Bezirksämter. Es kam beispielsweise vor, dass Grundstücke innerhalb einer Familie von der älteren zur jüngeren Generation weitergegeben wurden, ohne dass die Übertragung im Grundbuch festgehalten wurde. In solchen Fällen können Akten aus den Bezirksämtern als wertvolle Nachweise dienen.

«Fast jede Woche erhalten wir eine Anfrage zu einem Dokument aus diesen Beständen», sagt Jäger. In den vergangenen Jahren stellte das die Archivmitarbeiter oft vor Probleme. War die Akte noch nicht erschlossen, sondern lag noch in einer der Zügelkisten im Aussenlager, war sie bisweilen nur schwer aufzufinden. Die Bearbeitung solcher Anfragen war darum oft zeitraubend. «Diese Phase haben wir nun hinter uns», freut sich Jäger.

Adoptionen und Hausierpatente

Von den 500 Laufmetern Akten hat das Staatsarchiv etwa 300 Meter behalten, also als archivwürdig beurteilt – wegen ihrer rechtlichen Bedeutung. «Das ist ein ungewöhnlich hoher Anteil», sagt Jäger. Normalerweise würden nur etwa fünf bis zehn Prozent einer Aktenlieferung am Ende tatsächlich im Staatsarchiv verwahrt.

Die meisten Akten aus den Bezirksämtern stammen aus den Jahren nach 1950. Doch die Bestände reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück – und es finden sich auch Kuriositäten und historisch interessante Aufzeichnungen darunter. Der Fundus erinnert daran, dass die Bezirksämter ein sehr breites Aufgabenspektrum hatten. Die Bezirksammänner übten zivil- und strafrechtliche Funktionen aus; sie amteten als Untersuchungsrichter und entschieden beispielsweise über Adoptionen und amtliche Teilungsverfahren. Zudem stellten sie eine Vielzahl amtlicher Papiere aus, von denen manche auch Einblick in die St. Galler Wirtschaftsgeschichte geben: So brauchten Hausierer eine Bewilligung des Bezirksamts. Die Dokumente zeigen, wie rege die St. Galler Bezirke früher von diesen reisenden Händlern besucht wurden.

Akten zur «Zwangsversorgung»

Für die Forschung besonders wertvoll sind die Akten der Bezirksämter zur administrativen Versorgung im Kanton: Derzeit läuft im Staatsarchiv ein Lotteriefondsprojekt, das sich mit den Schicksalen von Erwachsenen befasst, die zur Umerziehung in Straf- und Zwangsarbeitsanstalten eingewiesen wurden. Die Ergebnisse sollen noch in diesem Jahr präsentiert werden.

In solchen Archivschachteln werden die Akten der Bezirke nun im Staatsarchiv aufbewahrt. (Bild: Urs Jaudas)

In solchen Archivschachteln werden die Akten der Bezirke nun im Staatsarchiv aufbewahrt. (Bild: Urs Jaudas)