«Ein Paar wählt sich für immer»

Kemal Eriten aus Grabs züchtet Hochzeits- und Brieftauben – ein Volkshobby mit Tradition, das ihm von seinen Onkeln aus Istanbul mitgegeben wurde. Über seine Leidenschaft sagt der Taubenzüchter: «Es ist wie ein Virus. Ist es drin, wird man es nicht so schnell wieder los.»

Mirja Keller
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Der Grabser Kemal Eriten ist ein begeisterter Hochzeits- und Brieftaubenzüchter. Das Züchten liegt in der Familie. (Bilder: Mirja Keller)

Der Grabser Kemal Eriten ist ein begeisterter Hochzeits- und Brieftaubenzüchter. Das Züchten liegt in der Familie. (Bilder: Mirja Keller)

GRABS. Es gibt Tauben und Tauben. Es gibt nervige Stadttauben, die gerne in unangemessenem Abstand an den Köpfen von Passanten vorbei jagen und deren Notdurft den Pflegern von öffentlichen Plätzen ein Graus ist. Und dann gibt es die eleganten und wendigen Tauben. Friedenssymbol und unterschätzte Flugkünstler – so wie die Hochzeits- und Brieftauben von Kemal Eriten, passionierter Hobbyzüchter aus Grabs.

Vererbtes Hobby

Nichts an den gepflegten Tieren erinnert einen an die risikofreudigen Tiefflieger oder notorischen Platzverschmutzer aus den Städten, und Eritens Geschichten über sie noch weniger. Von klein an ist Kemal Eriten den Umgang mit Tauben gewohnt: «Das Hobby wurde mir von meinen Onkeln aus Istanbul quasi vererbt. Es ist wie ein Virus. Ist es einmal drin, wird man es nicht so schnell wieder los.»

Seit 20 Jahren betreibt der gebürtige Trübbacher nun selbst eine Taubenzucht, denn losgeworden ist er den Virus bis zum heutigen Tag tatsächlich nicht. Seine weissen Tauben lässt Kemal Eriten im Sommer regelmässig an Hochzeiten fliegen. Weil Tauben monogam leben, sind sie seit Jahrhunderten ein Symbol der Treue und deshalb gern gesehene Gäste auf Hochzeitsfeiern. Frisch vermählte Brautpaare lassen die blendend weissen Tauben in den Himmel steigen, um den eigenen Treueschwur zu besiegeln. Einmal freigelassen, fliegen die Vögel zurück zu ihrem angestammten Futterplatz: Eritens Taubenschlag in Grabs.

Heimfliegen sollten auch die grau gefiederten Brieftauben, und zwar am besten so schnell wie möglich: Der passionierte Züchter nimmt mit den versierten Fliegern nämlich regelmässig an Wettkämpfen teil.

Begeisterung stirbt aus

Die Begeisterung für Tauben ist heute lange nicht mehr so verbreitet, wie sie es einmal war: «Früher gab es in der Region noch ungefähr 30 Züchter. Aber das Hobby stirbt aus», so Eriten bedauernd. Nicht so im Osten von Europa. Was in der Schweiz immer mehr an Beliebtheit verliert, gilt im Balkan und der Türkei fast schon als «Volkshobby». «Jeder zweite züchtet dort Brieftauben», erklärt Kemal Eriten. In Deutschland gibt es sogar eine Taubenklinik, denn Wettfliegen ist dort ein viel betriebener Sport.

In der Region gilt Kemal Eriten als Taubenexperte, auch in Gesundheitsfragen: «Ich bekomme immer wieder verletzte oder kranke Tauben zur Pflege, auch von Tierärzten.» Denn die gebirgige Topographie des Rheintals ist auch die Heimat diverser Greifvögel wie Habichte oder Falken: «Es gibt beinahe nach jedem Flug verletzte Tauben», so der Grabser Züchter. Das Wettfliegen ist für die geschickten und ausdauernden Flieger deshalb nicht ohne Risiko.

«Tauben sind Schwarmvögel, als Masse können sie sich vor Greifvögeln schützen», erklärt Eriten das Flugverhalten seiner Tiere.

Wenn die Liebe zu Hause wartet

Damit seine Schützlinge nach einem Wettflug möglichst schnell und unbeschadet zurück in ihren Taubenschlag finden, hat der geübte Züchter mittlerweile seine Tricks. Ein Taubenpaar wählt sich für immer. Und: Einmal gewählt, vergessen sich die Partner auch nicht – ein Fakt, den Kemal Eriten als Brieftaubensportler auszunützen weiss: «Vor jedem Wettflug lasse ich die Liebespaare noch eine Weile turteln. Der Partner, der dann fliegt, kommt schneller zurück, wenn er weiss, dass zu Hause jemand auf ihn wartet», erläutert der Züchter seine Locktaktik.

Damit sie jedoch einwandfrei funktioniert, müssen aber auch ja die richtigen Partner zusammengetan werden: «Ich weiss auswendig, wer mit wem zusammen ist», schmunzelt er.

Nach vier Tagen zurückgekehrt

Und der Trick zieht wirklich: So gut, dass eine der Brieftauben, die Eriten nach einem Wettflug ennet der Grenze vermisst hatte, vier Tage später doch noch eintrudelte: «Die Taube hatte sich wohl verirrt, aber nicht aufgegeben, bis sie wieder zu Hause war», erinnert er sich. Heimgekehrte Vögel dürfen auch gleich wieder zu ihren Liebsten, ein erfolgreicher Wettflug will schliesslich belohnt sein. Denn die Flugsaison ist intensiv: Im Sommer ist der Tauben-Fan beinahe jedes Wochenende an einem Rennen. Für die Tauben sind die kurzen Stelldicheins deshalb eine wahre Freude, denn Männchen und Weibchen leben sonst getrennt.

Gurr! Gurr!

Als Züchter bevorzugt Kemal Eriten gewisse Bindungen und greift deshalb gezielt in das Geschehen der Natur ein – in Liebesfragen haben aber die Tauben das letzte Wort: «Natürlich versuche ich die Partnerschaften zu lenken, aber wenn die Chemie zwischen den Vögeln nicht stimmt, kann ich nichts machen», bemerkt Kemal Eriten. Ab Herbst ist die Flugsaison der Tauben vorbei, dann mausern sie sich, wechseln also ihr Gefieder. Im Januar/Februar beginnt die Arbeit des Züchters, denn dann ist Paarungszeit. Ein Fest für die Turteltauben, die solange voneinander getrennt waren!

Hochzeitstauben sind Symbole der Treue und des Friedens.

Hochzeitstauben sind Symbole der Treue und des Friedens.