Ein bewegtes Künstlerleben

Der in Buchs aufgewachsene, vielseitig begabte Kunstmaler Ernst Tinner lebt ganz in der Gegenwart. Seinen 80. Geburtstag feierte er kürzlich mit einem Casinobesuch und Champagner.

Esther Wyss
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Ernst Tinner in seinem Atelier in St. Gallen-St. Georgen. Der aus Buchs stammende Künstler wurde am 2. Mai 80 Jahre alt. (Bild: Benjamin Manser)

Ernst Tinner in seinem Atelier in St. Gallen-St. Georgen. Der aus Buchs stammende Künstler wurde am 2. Mai 80 Jahre alt. (Bild: Benjamin Manser)

ST. GEORGEN/BUCHS. In einem alten Schopf oberhalb St. Gallen steht Kunstmaler Ernst Tinner mitten in seinem Atelier und entschuldigt sich für die vermeintliche Unordnung. Einige Bilder stehen herum, an den Wänden weisse Gestelle, in denen fein säuberlich Werkzeuge und Farbtöpfe untergebracht sind, Büchsen mit Pinseln, Pigmente, ein Rollkorpus und eine Radierpresse stehen im Raum und auf dem Fussboden verteilt Geranien in Töpfen, die er wegen des kalten Wetters hereinholen musste.

Im Moos in Buchs aufgewachsen

Ernst Tinner, am 2.Mai 1936 in Buchs geboren und im Moos aufgewachsen, feierte Anfang Mai seinen 80. Geburtstag. Seine Erinnerungen an die Schulzeit sind nicht sehr positiv. Am besten habe er zeichnen und malen können, aber das habe in der Schule nicht gezählt. Schon als 15-Jähriger wusste er jedoch, dass er Künstler werden wollte. Nach der obligatorischen Schulzeit begann er in Buchs eine Malerlehre, die er nach kurzer Zeit abbrach. Mit fünf Franken lief er von zu Hause weg und wollte zu Fuss nach Italien. In Innsbruck wurde der jugendliche Ausreisser aufgegriffen und einige Tage ins Gefängnis gesteckt. «Alles liegt so weit zurück», sagt er, «ich erinnere mich nicht mehr so genau. Vielleicht liegt es daran, dass ich ganz in der Gegenwart lebe.» Dann präzisiert er: «Das heisst aber nicht, dass ich einfach in den Tag hinein lebe. Morgens beim Aufstehen nehme ich mir jeweils etwas vor.»

Erste Ausstellung in Buchs

Tinner liest viel. Neben Büchern gehört die Tageszeitung zu seiner täglichen Lektüre. Oft hört er klassische Musik, liebt die Beatles, alte Schlager und ganz besonders New Orleans Jazz. Von April bis im Herbst ist er meist zweimal wöchentlich mit dem E-Bike im Rheindelta unterwegs und beobachtet, wie sich die Landschaft und Farben während der Monate verändern. Weil ihn Farben faszinieren, arbeitete der gelernte Möbelschreiner als Farbmischer. Damals begann er mit der Aquarellmalerei.

Während er später als Antiquitätenschreiner arbeitete und Intarsien reparierte, lernte er Kirchenmaler Karl Haaga aus Rorschach und dessen Frau kennen. Auf ihre Anregung hin stellte er seine Bilder erstmals in der Buchhandlung Wolf in Buchs aus. Bei Haaga lernte er Kirchenmalerei und mit den verschiedenen Farben und Materialien umzugehen.

Künstler und Hausmann

Mitte dreissig, als er seine zweite Frau Gerda Jais kennenlernte, machte er sich als Künstler selbständig. Da sie mehr verdiente als er, blieb er als Hausmann zu Hause, widmete sich der Kunst und hütete die gemeinsame Tochter Katharina und zwei seiner fünf Kinder aus erster Ehe. Lachend erzählt er, wie er Katharina überall hin mitgenommen habe – einmal sogar an eine Inspektion, was anfangs nicht gut angekommen sei. Aber dann hätten sich alle rührend um das kleine Mädchen gekümmert und sie mit Schokolade verwöhnt.

Kunst passiert

Über seinen Ideenreichtum und Inspiration sagt Tinner: «Mich motiviert die Freude am Tun. Kunst passiert. Ich spiele gerne und experimentiere.» Er, der nie eine Kunstakademie besucht hat, hat sich als Autodidakt vieles selber beigebracht. Neben der Malerei hat er Möbelobjekte und Eisenskulpturen geschaffen und sich mit Drucktechniken und Radierungen auseinandergesetzt. Reisen führten ihn nach Griechenland, Ägypten, Indien und Amerika. Einmal fuhr er mit seinem schweren Töff bis nach Sizilien. Ungefähr sechs Wochen der viermonatigen Italienreise verbrachte er auf Stromboli und malte kleinformatige Bilder.

Ein Legat für die Stadt Buchs

Im Sommer 2015 schenkten Hans und Hanni Lippuner, Grabs, der Gemeinde Buchs das Gemälde «Der Ring des Polykrates» von Ernst Tinner. Es ist eines seiner früheren Werke. Der Künstler besuchte anlässlich der Schenkung Buchs und war bei der Übergabe des Bildes, das nun im alten Rathaus hängt, anwesend. Zufällig las er in der Zeitung, dass das Casino St. Gallen, genau an seinem 80. Geburtstag, erstmals morgens um 9 öffnet. Deshalb hat er an seinem Geburtstag seinen alten, massgeschneiderten schwarzen Anzug angezogen und mit 50 Franken im Portemonnaie seinen Geburtstag im Casino mit einem Glas Champagner gefeiert.