Dramatische Messe für den Frieden

Am Freitagabend feierte das Konzert des Cantichors Sargans – «The Armed Man» von Karl Jenkins – eine eindrückliche und auch aufrüttelnde Premiere in der grossen Felsenkaverne im Hagerbach-Untertag-Labyrinth.

Hans Hidber
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Eindrückliches Plenum: Unter der souveränen Stabführung von Harri Bläsi singen und musizieren nicht weniger als 160 Mitwirkende. (Bilder: Hans Hidber)

Eindrückliches Plenum: Unter der souveränen Stabführung von Harri Bläsi singen und musizieren nicht weniger als 160 Mitwirkende. (Bilder: Hans Hidber)

FLUMS/REGION. «Nie wieder Krieg!» – Wie viel Mal hallte dieser Ruf schon nach geschlagenen Schlachten durch die Welt. Doch immer wieder erwiesen sich die mehr oder weniger kurzfristigen Friedensperioden nur als Zwischenkriegszeiten, bis wieder genug aufgerüstet war für weitere Waffengänge. Das Oratorium ist ein leidenschaftlicher Aufruf, sich dem Frieden statt dem Krieg zuzuwenden; eine Botschaft an alle Menschen, ungeachtet ihres Glaubens und ihrer Konfession.

Man konnte auf die Umsetzung dieses epochalen Werks in der Untertag-Atmosphäre des Hagerbachs gespannt sein. Es war so eindrücklich und berührend zugleich, dass man diesem Erlebnis nur mit Worten kaum gerecht werden kann. Chor, Solisten und Orchester unter Leitung von Harri Bläsi, die unvergleichliche Akustik in der gossen Kaverne, die ganze Inszenierung mit den Lichteffekten boten ein Zusammenspiel, wie man es sich in einer Kirche oder einem «gewöhnlichen» Konzertsaal kaum vorstellen könnte.

Zwischen Religion und Krieg

Dass in der Geschichte viele Kriege religiös motiviert waren – und zum Teil noch heute sind – ist nicht das «Privileg» einer einzigen Glaubensausrichtung. Die drei grossen Religionen Judentum, Christentum und Islam sind im Stück mit Text, Musik und Gesang unüberhörbar vertreten. Sie kommen nach dem einleitenden französischen Chanson (um 1450) «L'homme armé» («Der bewaffnete Mann») zum Zuge: Das Judentum mit den Psalmen 56 (Getrostes Vertrauen in schwerer Not) und 59 (Gebet mitten unter den Feinden), das Christentum mit den Messgesängen «Kyrie», «Sanctus», «Benedictus» und «Agnus Dei», der Islam mit dem Adhan-Gebetsruf eines Muezzins.

Es ist ein ständiger Dialog zwischen Lobpreisungen Gottes – den die Kriegsparteien ohnehin auf ihrer Seite wähnten – und dem kriegerischen Unterton. Dieser zieht sich mit gedämpftem Trommelklang und zum Teil mit den Füssen der Mitwirkenden, verstärkten Marschschritten, wie ein roter Faden durch das ganze Oratorium.

«Leichentuch des Atompilzes»

Seit dem Einsatz der Atombombe über Hiroshima sind zwar 70 Jahre verstrichen, doch der Kreis jener, die über diese Vernichtungswaffe verfügen, ist gewachsen. Toge Sankichi, der den Abwurf der Bombe 1945 miterlebte und an den Folgen der radioaktiven Strahlung starb, verfasste den Text «Zornige Flammen» und spricht vom «Leichentuch des Atompilzes» und den miterlebten apokalyptischen Schreckensszenen. Der in Musik und Gesang dramatisch dargestellte Horror des Krieges soll dazu aufrütteln, sich mit allen Kräften für die Friedensarbeit einzusetzen. Im Schlussgesang heisst es versöhnlich: «Läutet aus die tausend Kriege der Vergangenheit, läutet ein tausend Jahre Frieden – Gott wird abwischen alle Tränen, und der Tod wird nicht mehr sein.»

Einen derart kompakten Chorklang mit 120 Sängerinnen und Sängern zu schaffen, setzt eine enorme Probenarbeit voraus; auch das Zusammenspiel mit dem 40köpfigen Orchester war absolut perfekt.

Eine grossartige Leistung

Harri Bläsi hat als Gesamtleiter zusammen mit allen Mitwirkenden eine grossartige Leistung vollbracht. Judith Dürr, Sopran, und Jan Börner, Countertenor, glänzten mit mehreren Gesangssoli. Eindrücklich und wohl für viele ungewohnt war der Adhan-Gebetsruf, wie ihn der Muezzin vom Minarett herunter singt. Mit kräftiger und sicherer Stimme trug Almedin Jashari (Klasse 2Wb) die reich verzierte und unter die Haut gehende Melodie vor. Der Kantischüler erhält Sologesangsunterricht von Harri Bläsi.

Nach dem ebenso eindrücklichen wie berührenden Konzerterlebnis wollte der Schlussapplaus mit Standing Ovations für die voll geglückte Premiere kaum mehr enden.

Weitere Aufführungen: Samstag, 9. Mai, 19.30 Uhr, und Sonntag, 10. Mai, 17 Uhr. Vorverkauf: Online-Tickets www.ticketino.com, St. Galler Kantonalbank Sargans und Poststellen mit Ticketverkauf.

Frohgemut in die Schlacht: Trommelschlag und Dudelsackklänge als Ouverture zum Kriegsbeginn.

Frohgemut in die Schlacht: Trommelschlag und Dudelsackklänge als Ouverture zum Kriegsbeginn.

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