Doppelstockzüge gut akzeptiert

Seit gut einem Jahr fahren im Rheintal die neuen SBB-Doppelstockzüge. Die befürchteten Probleme wegen des Verzichts auf Zugbegleiter blieben aus. An fehlende Abfallbehälter und Steckdosen haben sich die Passagiere gewöhnt.

René Hornung
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Doppelstockzug in Heerbrugg: Nach anfänglichen Reklamationen hat sich der Betrieb der neuen Zugskompositionen gut eingespielt. (Archivbild: Der Rheintaler)

Doppelstockzug in Heerbrugg: Nach anfänglichen Reklamationen hat sich der Betrieb der neuen Zugskompositionen gut eingespielt. (Archivbild: Der Rheintaler)

Als vor etwas mehr als einem Jahr die ersten «Dosto»-Fahrzeuge auf der Bahnstrecke zwischen St. Gallen und Chur eingesetzt wurden, gab es zahlreiche unwirsche Reaktionen. Die Züge sind enger als die früheren, teils vierzig Jahre alten Wagen. In der ganzen Komposition gibt es nur zwei Toiletten, unter den Tischen in den Abteilen keine Abfallbehälter und in der zweiten Klasse keine Steckdosen an den Plätzen. Am meisten Befürchtungen aber löste der Betrieb ohne Kondukteure aus. Das Rheintal gilt als Region mit rauhen Sitten, bei den Zugbegleitern war die Strecke zuvor berüchtigt.

Lückenlose Videoüberwachung

Der Abzug des Personals sei nicht ohne Proteste der Zugbegleiter geschehen, räumt SBB-Sprecherin Lea Meyer im Rückblick ein. Doch inzwischen habe sich gezeigt, dass das Rheintal keine «Problemzone» sei. Monatlich treffen sich Billettkontrolleure, Lokführer und Transportpolizei und werten alle Vorfälle aus. Eine Zunahme sei nicht zu verzeichnen. Die SBB schreiben dies vor allem zwei Faktoren zu: der lückenlosen Videoüberwachung und den unangekündigt auftauchenden Sicherheitsleuten. Die Videoaufzeichnungen darf die Bahn allerdings nur mit Erlaubnis der Staatsanwaltschaft anschauen, nach 48 Stunden werden sie wieder gelöscht. Zudem zeigt sich das generelle Phänomen, dass mit neuen und sauberen Zügen sorgsamer umgegangen wird als mit alten, abgenutzten Wagen. Zur Sicherheit tragen auch die an den Türen angebrachten Alarmtasten bei. Sie stellen die Verbindung zur Transportpolizei in Olten her, von wo aus die Polizei zum nächsten Bahnhof aufgeboten wird.

WC-Tanks werden öfter geleert

Anfänglich gab es vor allem Reklamationen wegen nichtfunktionierender respektive abgeschlossener Toiletten. «Die Situation war im vergangenen Sommer tatsächlich nicht zufriedenstellend», sagt Lea Meyer. Geschlossen waren die WCs meist, weil die Tanks defekt waren. Inzwischen sei der Zyklus der Tankentleerung massiv verkürzt worden. Es könne aber immer noch vorkommen, dass Passagiere vor einem vorübergehend geschlossenen WC stünden. Die neuen Systeme trennen Feststoffe und Wasser. Das Wasser wird bei vollem Tank hygienisiert – auf über 60 Grad erhitzt – und dann unterwegs abgelassen. Dieser Prozess dauert ein paar Minuten, während derer das WC jeweils blockiert ist.

Mehr Platz in der ersten Klasse

Reklamationen gab es anfangs auch wegen des liegengelassenen Abfalls. Vor allem nach den Stosszeiten, in denen im REX sehr viele Schüler unterwegs seien, sehe es in den Zügen schlimm aus, meldeten Passagiere. Die Reklamationen hätten inzwischen «auf praktisch null» abgenommen, stellt Lea Meyer fest. Die grösseren Abfallbehälter bei den Türen hätten sich bewährt. Die Kompositionen werden unterwegs mehrmals pro Tag gereinigt und kommen einmal pro Woche ins Unterhaltszentrum. Insgesamt verteidigen die SBB den Einsatz der Kompositionen, die «nur» den Komfort einer S-Bahn aufweisen. Relativ wenige Passagiere seien in diesen Zügen länger unterwegs. Die durchschnittliche Aufenthaltszeit im Zug betrage nur rund 20 Minuten. Der grosse Vorteil – die deutlich verkürzte Fahrzeit – werde als grosses Plus offensichtlich geschätzt. Zwei Probleme harren noch der Lösung: Die Erstklasspassagiere haben sich über die zu enge Bestuhlung beklagt, deshalb testen die SBB – allerdings nicht in der Ostschweiz – wieder eine klassische 2-plus-1-Einteilung. Und die rutschigen Ablageflächen unter den Fenstern sollen mit einer Folie überzogen werden, damit Getränkeflaschen und Dosen nicht bei jedem rasanten Start und bei jeder Bremsung davonrutschen.

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