Die Unfall-Gaffer werden gebüsst

Im Sommer fahren viele Menschen mit dem Auto in den Urlaub. Damit verbunden ist ein Anstieg der Verkehrsunfälle. Besonders unvorsichtig: Schaulustige, die den Verkehr verlangsamen und schlimmstenfalls Nachfolgeunfälle verursachen. Diese werden jetzt aber vermehrt gebüsst.

Joël Grandchamp
Merken
Drucken
Teilen
Mit dieser Bildunterschrift veröffentlichte die Feuerwehr Wiesbaden auf ihrer Facebook-Seite das obige Foto: «Schlechte Karten für Gaffer heute auf der A60. Polizei und Presse filmten und fotografierten Gaffer, die deutlich zu langsam und während der Fahrt mit dem Handy in der Hand vorbeifuhren und filmten. Alle dokumentierten Fälle erhalten in Kürze Post von der Polizei.» (Bild: Facebook/Wiesbaden112)

Mit dieser Bildunterschrift veröffentlichte die Feuerwehr Wiesbaden auf ihrer Facebook-Seite das obige Foto: «Schlechte Karten für Gaffer heute auf der A60. Polizei und Presse filmten und fotografierten Gaffer, die deutlich zu langsam und während der Fahrt mit dem Handy in der Hand vorbeifuhren und filmten. Alle dokumentierten Fälle erhalten in Kürze Post von der Polizei.» (Bild: Facebook/Wiesbaden112)

VADUZ/ST. GALLEN/CHUR. Der eher mässige Start in den Sommer hat einigen die Entscheidung wahrscheinlich abgenommen: Kurzerhand die Badesachen in den Kofferraum des Autos gepackt und los ging die Fahrt nach Italien, Frankreich oder wo auch immer gerade Badewetter angesagt war. Immer mit dabei: Mobiltelefone und Digitalkameras, um den Urlaub für die Ewigkeit festzuhalten. Was ebenfalls festgehalten werden muss, sind die Unfälle, an denen man vorbeifährt – selbst wenn der Unfall auf der Gegenfahrbahn stattgefunden hat. Damit bringen die Schaulustigen sich selbst und auch andere Verkehrsteilnehmer in Gefahr. In Deutschland werden nun Gesetze und Massnahmen eingeführt, die eine Bestrafung Schaulustiger einfacher machen. Bereits vergangene Woche wurde an einer Unfallstelle in der Nähe von Wiesbaden eine Kamera eingesetzt und der Spiess umgedreht: Die Polizei filmte zurück – und verteilte im Anschluss entsprechende Bussen.

Regelmässige «Gaffer-Staus»

Die Kantonspolizei St. Gallen kennt das Problem der Schaulustigen ebenfalls. «Es kommt immer wieder zu sogenannten <Gaffer-Staus>», sagt Florian Schneider, Mediensprecher der Kantonspolizei St. Gallen. Ob die Polizisten etwas gegen Schaulustige bei Unfällen auf der Autobahn unternehme, hänge von der Personalsituation vor Ort ab: «Bei extremen Fällen wird die betreffende Person angehalten und verzeigt, ansonsten setzen wir auf eine aktive Verkehrsregelung mit der Aufforderung, zügig weiterzufahren», sagt Schneider. Das funktioniere in der Regel ziemlich gut. Zum Teil wird von Schaulustigen, die während der Fahrt Videos oder Fotos erstellen, das Kennzeichen notiert und im Anschluss das Gespräch gesucht. Zudem komme es zu einer Verzeigung. «Uns geht es dabei um die Verkehrssicherheit. Wenn der Autofahrer im Stau abgelenkt wird, kann es sehr schnell zu Unfällen kommen», sagt Schneider. Um so etwas von Beginn an zu verhindern, arbeite die Polizei bei schweren Unfällen häufig mit einem Sichtschutz; so könne man maximal ein Zelt filmen.

Autofahrer werden jedoch nicht mit der Hilfe von Videokameras – analog der Situation in Deutschland – kontrolliert. «So etwas ist mit einem immensen Aufwand verbunden. Bei uns ist es aber noch nicht so extrem wie in Deutschland, dass ein Unfall auch von der Gegenfahrbahn aus gefilmt wird», sagt Schneider. Man habe aber gute Erfahrungen gemacht, dass Leute, die einen Unfall beobachten, diesen auch melden. «Wichtig ist es, anzuhalten, die Rettungskräfte zu verständigen und dann sein Möglichstes zu tun. Die Form der Hilfe ist dabei immer eine Frage der Zumutbarkeit, was man einer Person ohne entsprechende Ausbildung zutrauen kann. Wir haben meistens das Glück, dass es Leute gibt, die sehr beherzt mithelfen», so der Mediensprecher.

Auch in Liechtenstein möglich

Zwar gibt es in Liechtenstein keine Autobahn, auf welcher Schaulustige Unfälle filmen könnten, dennoch ist das Problem nicht unbekannt, wie Uwe Langenbahn, Pikettchef der Landespolizei, bestätigt: «Praktisch bei jedem Unfall, der sich in der Öffentlichkeit abspielt, gibt es Menschen, die zusehen wollen.» Zwar sei es nicht prinzipiell verboten, den Rettungsarbeiten zuzusehen, doch komme es immer wieder vor, dass die Landespolizei Schaulustige von Unfallstellen oder Tatorten wegschicken müsse. «Wenn dieser Wegweisung nicht Folge geleistet wird, darf die Landespolizei diese Aufforderung unter Zwang durchsetzen – wobei selbstverständlich die Verhältnismässigkeit bewahrt wird», so Langenbahn. In der Regel werde den Anweisungen der Landespolizei jedoch Folge geleistet.

Filmaufnahmen aus dem Auto

Bei Verkehrsunfällen komme es ebenfalls vor, dass hin und wieder aus dem Auto gefilmt wird. «Sobald ein Schaulustiger eine Verkehrsbehinderung darstellt, gibt es die Möglichkeit, eine Verkehrsbusse auszusprechen. Das Gleiche gilt, wenn während der Fahrt mit dem Mobiltelefon gefilmt wird. Wir sehen das nicht immer, da in diesem Moment die Rettungsarbeiten Vorrang haben», sagt Langenbahn. Die Landespolizei achte zudem darauf, dass die Persönlichkeitsrechte von Opfern gewahrt werden – weist also auch Passanten, welche die Rettungsarbeiten filmen, von der Unfallstelle weg. «Die Leute sind sich häufig nicht bewusst, dass sie sich nicht grundlos in der Nähe von Unfallstellen aufhalten sollten und dadurch sogar die Rettungskräfte behindern können», sagt Langenbahn. Man tue gut daran, sich in Erinnerung zu rufen, dass man selbst in so einer Situation auch froh wäre, wenn die Rettungsorganisationen ungestört ihre Arbeit verrichten können.

Zuerst retten, dann Gaffer büssen

Auch bei der Kantonspolizei Graubünden steht die Rettung der Verletzten im Vordergrund, wie Anita Senti, Leiterin Kommunikation, bestätigt: «Zuerst nimmt die Polizei ihre Rettungs- und Sicherungsaufgabe wahr, anschliessend folgt die Abwehr weiterer möglicher Gefahren und dann die Aufnahme des Sachverhalts. Wenn genug Zeit bleibt, kann es durchaus sein, dass Gaffer gebüsst werden.» Insbesondere dann, wenn durch die Schaulustigen Verkehrsregeln verletzt werden oder diese die Rettungskräfte bei ihrer Arbeit behindern. Dabei gilt auch die Regel, dass während der Fahrt mit dem Mobiltelefon keine Fotos oder Videos erstellt werden dürfen. «<Während der Fahrt> ist erfüllt, sobald ein Fahrzeug in den Verkehr eingefügt ist. Es wurden auch schon Lenker zur Anzeige gebracht, weil sie aus dem Stau vor der Unfallstelle auf der Autostrasse gewendet oder eine Sperrfläche oder Sicherheitslinie überfahren haben», sagt Senti. Auf der Autobahn seien das freiwillige Halten wie auch das Betreten der Fahrbahn verboten und die Person, die die Fahrbahn betritt, kann wegen Widerhandlungen gegen das Strassenverkehrsgesetz zur Anzeige gebracht oder mit einer Ordnungsbusse bestraft werden.

Das Aufkommen von Schaulustigen hänge davon ab, wo der Unfall passiere und wie spektakulär er sei. «Dicht besiedelte Gebiete ziehen tendenziell mehr Zuschauer an als Autobahnen. Auf den Schnellstrassen sind dafür mehr Vorbeifahrende, welche die Möglichkeit für Film- und Fotoaufnahmen nutzen», sagt Senti. Vorbeifahrende behindern die Arbeit weniger als herumstehende Unbeteiligte, da diese ein Gefahrenpotenzial für nachrückende Einsatzkräfte – grössere Einsatzfahrzeuge oder Helikopter – bilden.