Die Lehrstellen sind Mangelware

Der Kanton St. Gallen muss 5,4 Prozent aller unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge aufnehmen, die in die Schweiz kommen. Die Leiterin des kantonalen Jugendprogramms sieht nach wie vor Lücken im Hilfsangebot.

Margrith Widmer
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Minderjähriger Flüchtling im Thurhof bei Oberbüren. (Bild: Urs Bucher)

Minderjähriger Flüchtling im Thurhof bei Oberbüren. (Bild: Urs Bucher)

ST. GALLEN. Sie haben alles verloren: Familie, Freunde, Kultur, Sprache, Alltag. Sie sahen Menschen sterben, sind traumatisiert – sie leben im leeren Raum. Am Freitagabend informierte der Verein Solidaritätshaus im Rahmen einer Veranstaltung zum Thema Flüchtlinge und Arbeit über die Situation der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge und ihre Zukunft. Fazit: Gesucht werden Lehrstellen – und: Die Gemeinden sollten sich stärker engagieren.

60 Millionen auf der Flucht

Im laufenden Jahr sind schon dreimal mehr unbegleitete minderjährige Flüchtlingen in die Schweiz gekommen als noch 2013. 80 Prozent sind junge Männer, so die Leiterin des Solidaritätshauses, Miriam Furger. Laut dem UNHCR waren Ende 2014 weltweit 60 Millionen Menschen auf der Flucht vor Krieg, Konflikten und Verfolgung – die höchste Zahl, die je registriert wurde – und sie wächst rasant, wie Manuela Rasmussen, die Leiterin des Jugendprogramms im Thurhof bei Oberbüren, sagte. 2007 kamen 219 unbegleitete Minderjährige in die Schweiz, 2014 waren es 795; in diesem Jahr sind es bereits 1545 – so viele wie noch nie. 115 leben im Kanton; der Kanton muss 5,4 Prozent der unbegleiteten Minderjährigen, die in die Schweiz flüchten, aufnehmen. 14 davon sind Mädchen, 101 Knaben. 65 stammen aus Eritrea, 33 aus Afghanistan, 7 aus Somalia, 6 aus Syrien, je einer aus Äthiopien, Sri Lanka, Mali und Tibet.

Krieg, Sklaverei und Folter

Fluchtgründe sind Krieg, Zwangsrekrutierungen, lebenslanger Militärdienst, ethnische Verfolgung, Kinderarbeit, Sklaverei und Zwangsprostitution. Unter den Flüchtlingen sind auch ehemalige Kindersoldaten oder Strassenkinder. Oft würden Kinder verhaftet und gefoltert, um die Eltern dazu zu zwingen, zu tun, was ein Regime verlange, so Manuela Rasmussen. «Kinder flüchten nie freiwillig ohne Eltern», sagte sie. Viele minderjährige Flüchtlinge leiden unter posttraumatischen Belastungsstörungen, Depressionen, Angstzuständen; sie werden von Schleppern erpresst, stehen unter hohem Druck – und müssen sich an völlig unbekannte Normen anpassen. Im Thurhof finden sie Sicherheit, Schutz und medizinische Versorgung; sie werden intern und extern beschult. «Sie lernen sehr schnell», sagt Rasmussen. Es sind Lehren als Velomechaniker, in der Gastronomie, der Schneiderei und Hauswirtschaft möglich. Die Jugendlichen besuchen die Gewerbeschule St. Gallen. Gearbeitet wird im Bezugspersonen-System: Jeder Jugendliche hat eine Ansprechperson.

«Sie wollen ein gutes Leben»

Untergebracht sind die Teenager in Mehrbettzimmern mit Bett und Schrank. Mit Putzen oder Gartenarbeit können sie sich etwas Geld dazuverdienen. In der Freizeit spielen sie sehr gern Fussball. 80 Prozent werden laut Rasmussen in der Schweiz bleiben, als Flüchtlinge oder vorläufig Aufgenommene. Manche weisen nur eine rudimentäre Schulbildung auf, andere gingen zehn Jahre zur Schule und lernen sehr schnell. «Sie sind unglaublich motiviert. Sie wollen ein gutes Leben und Familie.»

In einer ersten Phase sollen die Jugendlichen zur Ruhe kommen, Stabilität und Sicherheit erleben, die Schule besuchen. In einer zweiten Phase absolvieren sie in Ausbildungsgruppen Lehren; in der dritten Phase erfolgen berufliche Integration und Vorbereitungskurse auf die Gemeindeplazierung. Nach dem 18. Altersjahr steht den Jugendlichen keine Ansprechperson mehr zur Verfügung. Im Kanton St. Gallen sollen zwei Stellen von Berufsbeiständen für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge geschaffen werden. Geplant sind Plazierungen in speziellen Wohngruppen mit Betreuung.