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Die lange Suche des Skispringers Steiner

Der ehemalige Toggenburger Skispringer Walter Steiner erhielt schon viele Stempel aufgedrückt: Vogelmensch, Pionier, Querkopf, grüner Fundi, Ernährungsasket. Eine Ausstellung nähert sich der komplexen Figur des Olympiazweiten von 1972.
Walter Steiner zurück im Toggenburg - vor dem Ausstellungsort Bahnhof Lichtensteig. (Bild: Benjamin Manser)

Walter Steiner zurück im Toggenburg - vor dem Ausstellungsort Bahnhof Lichtensteig. (Bild: Benjamin Manser)

Ralf Streule

Nils Holgersson ist ein Held aus Walter Steiners Kindheit. Und auch wenn es der Wildhauser nie richtig mit dem Lesen hatte: Die Geschichte des kleinen Däumlings, der in Schweden auf dem Rücken einer Wildgans übers Land fliegt, liebte er. Sie war wie ein Vorgeschmack auf Steiners Leben, das ihn auf Skisprungschanzen führte und in die schwedische Natur. Nun liegt das Buch, das Steiner damals als Kind las, im Wartsaal des Bahnhofs Lichtensteig. Es ist Bestandteil der Ausstellung «ein Stück weit Pionier» über Steiner selbst. Neben dem Buch stehen die zweieinhalb Meter langen, blauen Elan-Ski, mit denen Steiner 1974 den Skiflug-Weltrekord von 169 Metern aufstellte. Und Skulpturen, die er in jungen Jahren als Holzbildhauer schuf. Steiner kommt ins Erzählen. Und schnell wird einem bewusst, wie sehr er selbst Held ist. Nicht nur wegen der weiten Flüge. Auch wegen seiner Ecken und Kanten, seiner Gradlinigkeit, seiner schrulligen Liebenswürdigkeit und seiner Ansichten. Eine andere schwedische Figur kommt einem in den Sinn: Pippi Langstrumpf, die sich nicht um andere Meinungen schert, wegen ihrer Eigenart etwas einsam bleibt – und dennoch fröhlich singt: «Wer will’s von mir lernen?»

Die Arbeit als Restaurator hat er mit 67 Jahren niedergelegt

Vor einem Jahr hat der 67-jährige Steiner seine Arbeit als Restaurator bei der Landeskirche in der mittelschwedischen Kleinstadt Falun niedergelegt. Das gibt dem Toggenburger mehr Zeit für seine Hobbies: Langlaufen, Pilze und Beeren sammeln, sich über Ernährung und Naturthemen schlau machen. Oder eben: In der Schweiz eine Ausstellung über sich selbst mitgestalten. Steiner hat nicht auf Anhieb genickt, als die Anfrage vom St. Galler Amt für Kultur kam. Schliesslich sagte er zu. Weil er mit dem Neinsagen Mühe habe. «Und weil ich weiss, dass Spontanes oft gut wird.»
Nach drei Stunden sind etliche Seiten im Notizheft des Journalisten voll, kreuz und quer stehen die Zitate, Episoden, Randbemerkungen. Sie handeln von chilenischer Lachszucht, die das Ökosystem im Pazifik bedroht. Von autogenem Training oder Grundsätzen der Evolution, von der sich der Mensch fälschlicherweise immer weiter entferne. Es sind wilde Erklärungen, die Steiner vorlegt, immer mit einem Schuss Metaphysik, mit einer Prise Philosophie, und doch stimmig. Die Musiker Christoph und Lollo, die in ihren Skispringerliedern die Nebengleise des Lebens besingen und heute Abend in Lichtensteig Halt machen, werden ihre Freude an ihm haben. Oder auch Künstler Roman Signer, der morgen mit Steiner diskutiert. Die «Schnittstelle zwischen Sport und Geisteswelten» will die Ausstellung denn auch zeigen, wie die Initiantin Ursula Badrutt-Schoch sagt, die Leiterin Kulturförderung des Kantons St. Gallen. «Walter Steiner verkörpert ein kulturelles Erbe.»

Manchmal «gejoggelt», aber seinen Weg gradlinig gegangen

Zum gefeierten Idol wurde Steiner 1972, als er Olympiasilber in Sapporo gewann und danach in Planica erster Skiflugweltmeister wurde. Danach war es vor allem der Dokumentarfilm «Die grosse Ekstase des Bildschnitzers Steiner» von Werner Herzog, der das Bild des Wildhausers prägte. «Der Film hielt meinen Namen bis heute wach», sagt Steiner. Das Bild des jungen, langen, drahtigen Mannes mit offenem Mund, in Zeitlupe unterwegs, brannte sich ein. Der Film wird morgen in der Ausstellung gezeigt. Herzog habe darin etwas Wichtiges aufgezeigt: «Die kreative Arbeit hat einen mental positiven Effekt.» Steiner ist sich sicher: «Die perfekten Sprünge machte ich in Gedanken am Hobelbank.» Dank dem im Beruf gelernten Vorstellungsvermögen sei das Gefühl für den runden, wohlgetimten Sprung entstanden. Als Erklärung seiner komplexen Person versucht es Steiner mit dem Bild einer seiner Holzarbeiten: Übereinandergeschichtete Würfel, die oben ällmählich zu einem vierkantigen Stamm zusammenlaufen. «Das sind wir, zunächst von Eltern, der Schule und der Gesellschaft in eckige Formen gedrängt. Dann lösen wir uns von den Normen, aber ein gänzlich rundes Leben resultiert nicht mehr.»

Die Suche nach einem möglichst runden Leben sei sein Ziel. Mit zwei älteren Schwestern wuchs Steiner in Wildhaus auf, wo er hin und wieder in der Schule «gejoggelt worden» sei wegen seiner Sprachschwäche, aber eben auch von einem Lehrer auserkoren, wenn es um logischen Menschenverstand ging. Sein Leben ist, so sagt Steiner selbst, von wenig diplomatischem Geschick geprägt. Den ersten grossen Kampf gegen eine Mehrheit führt er während seiner Skisprungkarriere in den 1970er-Jahren. Immer wieder fliegt Steiner förmlich vom Hang weg und landet fast in der Fläche, was lebensgefährlich ist. Er verkürzt den Anlauf, gewinnt weiterhin und plädiert beim Schanzenbaukomitee für andere Hangkonstruktionen. Doch viele neue Schanzen sind schon im Bau begriffen. «Meinen Vorschlägen zu folgen hätte geheissen, viel Geld in den Sand zu setzen. Und zugeben zu müssen, dass sie falsch liegen.»

Hier habe sich ihm eines gezeigt: «Nicht das logische Denken, sondern der Profit beeinflusst das menschliche Tun.» Dies sei den meisten Menschen bewusst, sie sähen aber darüber hinweg. «Sie hören erst zu, wenn ich aufhöre zu fliegen», sagte Steiner schon im Film von Herzog. Er wird recht behalten: 1978 gibt Steiner wegen eines Kreuzbandrisses das Springen auf. In den 1980er-Jahren beginnt man, seine Inputs aufzunehmen, 1993 werden sie in den FIS-Normen verankert. «Ohne dass erwähnt wurde, dass ein Skispringer dies vor 20 Jahren schon gefordert hatte.» Eine Stelle als Funktionär bei der FIS oder in nationalen Verbänden bleibt Steiner verwehrt. Und die Trainerkarriere bleibt kurz, in der Schweiz ist er Co-Trainer, in den USA betreut er ein Clubteam in Colorado.

Ein anderes Anliegen hat Steiner in seiner Heimat. Als Mitglied des Vereins «Lebenswertes oberstes Toggenburg» wehrt er sich in den 1980er-Jahren gegen spekulativen Zweitwohnungsbau. Einige Toggenburger Freundschaften seien in jener Zeit zu Bruch gegangen, sagt er. Auch damals habe er, wie so oft in seinem Leben, gehört: «Du hast ja recht, Walter, aber...» Letztlich seien es kurzsichtige Profitüberlegungen gewesen, die entschieden. Und ihm den Stempel des grünen Fundis eingebracht hätten. 1990, nach vier Jahren in den USA, zieht er nach Falun. «Nicht, dass dort alles besser wäre. Aber in der Heimat tut es doppelt weh, wenn die Natur leidet.» In Falun arbeitet Steiner als Koch und Therapeut, als Schanzenexperte für die WM 1993, als Werklehrer und Restaurator.

Dass er nicht immer «in» sein müsse, hat ihm sein Vater mitgegeben. Dieser war Inhaber eines Sportgeschäfts in Wildhaus und ebenso Skispringer. «Und auch kein Angepasster», wie Sohn Walter sagt. Im Winter 1972, während der starken Saison des Sohnes, starb Vater Steiner an Krebs. Ein prägendes Erlebnis für den 21-Jähirgen Walter und später wohl mit ein Grund für ihn, seine Essgewohnheiten zu überdenken: Keine verarbeiteten Milchprodukte, kaum Zucker, vollwertiges Getreide, Wurzelgemüse, Salat, wenig gekochtes Fleisch. «Erst mit der Kochkunst entstanden Zivilisationskrankheiten und Übernährung», sagt er. Seine Überzeugung in dieser Sache ist gross. Er versuche, sein Wissen von unabhängigen Forschern zu erlangen. Hager ist er geblieben, Gelenkprobleme habe er unter Kontrolle halten können. Der sportliche Erfolg gibt ihm recht: Als Langläufer ist er Senioren-Weltmeister 2013 und 2018, mehrfacher Schwedischer Meister und aktueller Schweizer Meister in seiner Alterskategorie.

Eine Rückkehr ins Toggenburg ist vorerst nicht vorgesehen

Steiner missioniert nicht auf Biegen und Brechen, nach seinen Einstellungen gefragt, wird er aber deutlich. Die Evolution habe Dinge wie Kuhmilch oder gekochtes Fleisch für den Menschen nicht vorgesehen. Langfristig werde die Entfremdung des Menschen von der Natur fatale Folgen haben. Steiner erlebt oft, wie sich Leute abwenden, wenn er seine Meinung kund tut. Er kann damit gut leben. Seine konsequente Art hat ihm dafür stabile Freundschaften beschert: Im Obertoggenburg, wo er Mutter, Geschwister und Freunde stets zum Jahresende besucht. Aber auch in Falun. Und wann steht die Rückkehr ins Toggenburg an? «Meine Rente reicht nicht für ein Leben in der Schweiz», sagt Steiner. Und ohnehin: Das Holgersson-Land scheint ihm ganz gut zu behagen.

Hinweis
Ausstellung «Ein Stück weit Pionier»,
Bahnhof Lichtensteig. Bis 13. Mai.

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