Die Gefahr macht den Reiz aus

Acht Lawinentote, davon ein Todesopfer in Wildhaus: Seit dem Wochenende ist das Lawinenrisiko in der Region erheblich. Trotz der Gefahr begeben sich Wintersportler neben die Pisten und damit in Lebensgefahr. Weshalb?

Mirja Keller
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Wer eine Piste trotz Absperrung befährt und eine Lawine auslöst, muss die Kosten nach einem Rettungseinsatz selbst tragen. (Bild: Schweizerische Rettungsflugwacht REGA)

Wer eine Piste trotz Absperrung befährt und eine Lawine auslöst, muss die Kosten nach einem Rettungseinsatz selbst tragen. (Bild: Schweizerische Rettungsflugwacht REGA)

REGION/WILDHAUS. Die durchschnittliche Zahl der Lawinentoten in der Schweiz ist in den letzten Jahrzehnten gesunken: Kamen in den 80er-Jahren im Schnitt 28 Menschen jährlich ums Leben, sind es heute noch 22. Fundierteres Wissen und bessere Ausrüstung der Tourengänger wie die Lawinenverschüttetensuchgeräte (LVS), aber auch spezialisierte Rettungsteams haben massgeblich zu dieser positiven Entwicklung beigetragen. Dennoch müssen immer wieder Wintersportler ihr Leben in den tödlichen Schneemassen lassen. Einige von ihnen begeben sich in Lebensgefahr, obwohl sie das Risiko der verschneiten Hänge kennen.

Zu viel Sicherheit spornt an

Dabei mangelt es den Wintersportlern nicht unbedingt an Erfahrung, wie Romana Feldmann, Sportpsychologin und Mitglied der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie, erklärt: «Vor allem Extremsportler rechnen in anderen Massstäben. Sie versuchen, das Risiko zwar möglichst klein zu halten, nehmen aber ein gewisses Mass an Gefahr für das besondere Erlebnis in Kauf.» Es sei vor allem der Drang «sich lebendig zu fühlen» und der «Adrenalinkick», was gewisse Tourengänger und Variantenskifahrer antreibe.

«Evolutionsgeschichtlich gesehen musste sich der Mensch viel mehr Gefahren aussetzen, um seine Existenz zu sichern. Die heutige Überflussgesellschaft bietet manchen von ihnen zu viel Sicherheit», führt die Sportpsychologin weiter aus.

Nach Rettung zur Kasse gebeten

Selbst erfahrene und ortskundige Bergsportler sind nicht davor gefeit, in ein Schneebrett zu geraten oder gar selbst eines auszulösen. Ein Restrisiko bleibt und kann je nach Fall einige Konsequenzen nach sich ziehen. Einen solchen Fall kennt Rettungs- und Pistenchef Jakob Dürr von den Bergbahnen Wildhaus. Ein Skifahrer, der die Verbotstafel für eine Piste missachtete und eine Lawine auslöste, wurde verschüttet. In der Folge musste der Rettungsdienst der Bergbahnen aufgeboten werden, um den Mann zu bergen. «Der Skifahrer hat die Absperrungen missachtet und damit fahrlässig gehandelt. Die Kosten für den Einsatz des Rettungsdienstes musste er deshalb selbst tragen», erinnert sich Dürr.

Warnungen in Wind geschlagen

Glauben die Bahnmitarbeiter der Bergbahnen Wildhaus einen Extremsportler unter den Skigästen zu identifizieren, mahnen sie diesen nicht selten zur Vorsicht – dies vor allem bei schlechter Witterung oder akuter Lawinengefahr: «Bei Sportlern mit Lawinenrucksäcken oder Tourenausrüstung ist zu erwarten, dass sie sich abseits der Piste aufhalten. Da haben wir auch schon nachgefragt, ob sie das Lawinenbulletin gesehen haben oder die Gefahrenstufe kennen», berichtet der Rettungs- und Pistenchef. Viele wähnten sich aber aufgrund der guten Ausrüstung oder der vorhandenen Versicherung in falscher Sicherheit.

Tonnen über Tonnen Schnee

So trügen zwar viele Berggänger Lawinenverschüttetensuchgeräte (LVS) bei sich. Wird man von den heranrollenden Schneemengen mitgerissen, kann aber auch das Equipement nicht mehr viel ausrichten: «Das sind Tonnen über Tonnen Schnee. Wird man verletzt darunter begraben, bleibt nicht viel Zeit», verdeutlicht Dürr.

So nehmen die Überlebenschancen einer verschütteten Person innert 15 Minuten rapide ab. Deshalb sei in erster Linie die Hilfe vor Ort wertvoll, wie Peter Diener, Rettungschef des SAC Toggenburg, betont. Sein Team kommt überwiegend bei Unfällen abseits der Skipisten zum Einsatz. Aus den zahlreichen Jahren seiner Tätigkeit bei der SAC-Rettungskolonne ist ihm die Bedenkenlosigkeit einiger Bergsportler bekannt: «Vor allem Schneeschuhläufer sind schlecht ausgebildet und tragen keine Sicherheitsausrüstung auf sich. Sie haben oftmals kein Gespür für Gefahrenzonen», weiss Diener.

Wenn die Polizei kommt

Kam bei einer Lawine eine Person zu Schaden, arbeitet der Bergungsdienst des SAC auch Hand in Hand mit dem Alpinkader der Polizei. Diese kümmert sich um die Tatbestandaufnahme und klärt allfällige Schäden an unbeteiligten Drittpersonen. Liegt ein strafrechtlicher Tatbestand vor, kann ein fahrlässiger Wintersportler wegen Körperverletzung zur Rechenschaft gezogen werden.

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