Die ersten Zellen für die Solarwand sind da

Im Steinbruch zwischen Betlis und Quinten am Walensee soll eine gigantische Solarstromanlage entstehen. Erste Solarpanels sind bereits montiert. Sie gehören zu einer Testanlage, die zeigen soll, ob das Projekt eine Zukunft hat.

Adrian Vögele
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Noch steckt das Solarprojekt am Walensee in den Kinderschuhen: Die Testanlage wirkt vor der Felswand verschwindend klein. (Bild: ky/Gian Ehrenzeller)

Noch steckt das Solarprojekt am Walensee in den Kinderschuhen: Die Testanlage wirkt vor der Felswand verschwindend klein. (Bild: ky/Gian Ehrenzeller)

AMDEN. Die Wand ist gigantisch. 230 Meter Fels türmen sich über dem Nordufer des Walensees zwischen Betlis und Quinten. Hier wurden ab 1951 Unmengen an Stein abgebaut. Seit 2011 ist der Steinbruch stillgelegt. Die Elektrizitätswerke des Kantons Zürich (EKZ) und die St. Gallisch-Appenzellische Kraftwerke AG (SAK) wollen hier die grösste Solarstromanlage der Schweiz installieren. Elf Fussballfelder gross könnte sie werden und Strom für 3000 Haushalte liefern. Der Eindruck an diesem strahlenden Junitag: Sonne gibt es hier genug, Platz sowieso.

Auch im Winter ergiebig?

Doch ganz so einfach ist es mit der Solaranlage nicht, wie die erste Begehung für Medien im Steinbruch zeigt. Als die Ortsgemeinde Quinten als Besitzerin des Steinbruchs erstmals mit dieser Idee angeklopft habe, sei er skeptisch gewesen, sagt Projektleiter Werner Frei von den EKZ. Für den Bau einer senkrechten Photovoltaikanlage dieser Dimension fehlt es an Erfahrung. Auf den zweiten Blick zog der Quintener Steinbruch Werner Frei dann doch in den Bann: Er ist nach Süden ausgerichtet und es gibt hier Sonnenlicht aus zwei Richtungen: Die direkten Sonnenstrahlen und jene, die auf der Seeoberfläche reflektiert werden. Die Senkrechte erlaube es zudem, auch die Strahlen der tiefstehenden Wintersonne optimal zu nutzen. «Mir wurde klar: Wir müssen diese Idee weiterverfolgen», sagt Frei.

Doch zuerst müssen Daten her. Seit Januar läuft im Steinbruch eine Testanlage mit diversen Messgeräten sowie 43 Solarpanels. Sie produziert mindestens ein Jahr lang versuchsweise Strom und sammelt Informationen über Wetter, Sonneneinstrahlung, Reflexionswirkung des Sees und weitere Faktoren. Die Solarpanels sind ein Flickwerk aus sieben Bautypen – bei den Tests soll sich zeigen, welcher Typ sich am besten eignet. «Eine Auswertung liegt noch nicht vor», sagt Frei. «Doch was wir bisher beobachtet haben, liegt im Rahmen des Erwarteten.» Die Daten sollen den Experten helfen, abzuschätzen, ob die geplante Anlage wirtschaftlich betrieben werden kann.

Ebenso entscheidend wie die Sonneneinstrahlung ist der politische Prozess. Die Eidgenössische Natur- und Heimatschutzkommission wird mit einem Gutachten die Bewilligungsfähigkeit der Solaranlage beurteilen – eine Interessenabwägung zwischen Landschaftsschutz und Stromproduktion aus erneuerbaren Energien. Denn der Steinbruch gehört zum Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung. Gibt die Kommission grünes Licht, können Bund, Kanton und die Gemeinde Amden über das Projekt befinden. EKZ und SAK rechnen im besten Fall Mitte 2018 mit der Baubewilligung.

Kritik wegen Blendwirkung

Der Amdener Gemeinderat hat Unterstützung für das gigantische Solarprojekt signalisiert. Doch Naturschützer üben Kritik. Pro Natura beispielsweise fordert, dass Solarstromanlagen an Orten realisiert werden, die bereits überbaut sind.

Auch in den Gemeinden am Walensee gibt es Skeptiker. Es wird befürchtet, die Anlage werde wie eine Glaswand wirken und die Bewohner am südlichen Seeufer blenden. Projektleiter Frei beruhigt: «Die heutigen Solarpanels sind so konzipiert, dass sie nur sehr wenig Licht reflektieren.» Schliesslich wolle man das Licht nutzen und nicht spiegeln. Zudem, so Frei, gelte der Grundsatz aus dem Mathematikunterricht auch hier im Steinbruch: «Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel. Da die Solarpanels senkrecht montiert werden, wird die Sonne in der Regel nicht ans andere Ufer reflektiert, sondern ins Wasser.» Bei der Gestaltung der Anlage und der Auswahl der Panels würden aber optische Gesichtspunkte auf jeden Fall berücksichtigt.

Schutz vor Steinschlag

Die Panels direkt an den Fels zu schrauben, ist ausgeschlossen – wegen des Steinschlags. «Die Arbeit im Fels ist viel zu gefährlich, und auch die Anlage selber wäre gefährdet», sagt Frei. EKZ und SAK haben eine andere Lösung im Auge: Die Panels sollen an Seilen befestigt werden, die am oberen Ende der Wand verankert und hinunter auf den Schotterwall unten am See gespannt werden. So wäre die Anlage vor Steinschlag sicher. «Allerdings muss sie auch dem Wind standhalten, der hier oft recht stark bläst», sagt Frei.