Deutliche Worte des Bischofs

«Es gibt teilweise massive Diskrepanzen zwischen der Lehre der katholischen Kirche und den gesellschaftlichen Realitäten», sagte Markus Büchel, Bischof von St. Gallen, bei einem Auftritt in Vaduz.

Stephan Agnolazza
Merken
Drucken
Teilen
Bischof Markus Büchel referierte pointiert in Balzers. (Bild: Tatjana Schnalzger)

Bischof Markus Büchel referierte pointiert in Balzers. (Bild: Tatjana Schnalzger)

BALZERS. Die Weltbischofssynode der katholischen Kirche, welche diesen Herbst in Rom stattfinden wird, kümmert sich um das Thema Ehe und Familie. Ein heisses Thema, das sich Papst Franziskus ausgesucht hat, klaffen hier doch in der allgemeinen Wahrnehmung Theorie von der Praxis am meisten auseinander. Gerade in den hiesigen Breitengraden stossen sich viele Gläubige am Umgang der Kirche rund um die Fragen Familie, Ehe und Sexualität.

«Man traut der Kirche in diesen Themen keine Kompetenz mehr zu», meinte Markus Büchel, Bischof von St. Gallen und Vorsitzender der Schweizer Bischofskonferenz. Beim Gesprächsabend mit Markus Büchel im Haus Gutenberg in Balzers zeigte sich, dass die Kirche bereit ist, auch diese unangenehmen Themen anzugehen. Zu viel Hoffnung dürfen sich die «liberalen» Katholiken aber nicht machen. Denn die Welt – und damit die Kirche – besteht nicht nur aus Zentraleuropa.

Bereits viel diskutiert

Wenn sich die Bischöfe zur ordentlichen Synode im Oktober treffen, wird bereits viel an Vorarbeit stattgefunden haben. Als Vorbereitung auf dieses Treffen hatte Papst Franziskus die Bischöfe aufgerufen, mittels Dialog auch die Basis der Kirche einzubeziehen. In der Schweiz wurde deshalb von der Bischofskonferenz eine Umfrage gestartet, bei welcher über 25 000 Antworten zusammenkamen. Nebenbei wurden Pfarrer und Seelsorger aufgerufen, mit den Gläubigen ins Gespräch zu treten, wie Bischof Büchel ausführte: «Die Zusammenfassung der Umfrage und der Bericht aus allen Diözesen wurden dann nach Rom geschickt», beschrieb Bischof Büchel den Prozess. In Liechtenstein ging man derweil einen anderen Weg: Das Erzbistum Vaduz hatte die Umfrage im Sinne der Gläubigen ausgefüllt und zurückgeschickt, ohne Aufruf zur Mitarbeit der katholischen Basis.

Sünder oder nicht?

Das Ziel der Synode sei nicht einfach, ein Papier zu verfassen, sondern sei Teil des Weges, welchen die Kirche gehen müsse. Dabei sei der Weg unter Papst Franziskus fundamental-synodal, was sich auch am Aufruf erkennen liess, dass sich alle, also inklusive Basis, dazu äussern sollten. «Der Dialog ist zwingend notwendig», zitierte Bischof Büchel Papst Franziskus. «Man kann nicht einfach etwas bestimmen und die Gläubigen führen es dann aus.»

Weiter erzählte Bischof Büchel aus der Eröffnungsrede des Papstes bei der Vorsynode: «Er hat uns aufgerufen, frei und offen zu sprechen. Wir müssen unseren Gedanken Ausdruck verleihen, auch wenn sie in eine vermeintlich andere Richtung als die des Papstes gehen.»

Die Teilnehmer des Gesprächs wollten vom Bischof Antworten, zum Beispiel auf die Frage, ob Wiederverheiratete unglücklicher Ehen wieder – ohne sich als Sünder sehen zu müssen – die Kommunion empfangen dürfen (in die gleiche Kategorie fallen auch Homosexuelle oder Menschen, die Verhütungsmittel benutzen). Darauf meinte Bischof Büchel: «Wer bin ich, dass ich jemandem die Kommunion verbieten kann?» Es gehe doch immer darum, ob jemand an Jesus Christus und seine Lehre glaubt. Ob er oder sie dann zur Kommunion kommt, sei eine persönliche Entscheidung und nicht die des Pfarrers oder Bischofs.

«Erkenne die Zeichen der Zeit»

In den drei Stunden wurde bald klar, dass es ein Ding der Unmöglichkeit werden würde, über alles zu diskutieren. Eine Problematik, welche auch die Bischofssynode haben wird. Grössere Reformen sind auch nicht zu erwarten, wie Bischof Büchel betonte. «Man kann nicht alles aus der zentraleuropäischen Sicht diskutieren. Die Kirche ist weltweit zu Hause. Dementsprechend unterscheiden sich auch – kulturell und gesellschaftlich bedingt – die Ansichten zu verschiedenen Formen der Ehe und Familie.» Dinge, welche in Europa der gesellschaftlichen Realität entsprechen würden, seien in anderen Teilen der Welt verpönt. Bischof Büchel zeigte sich am Mittwochabend als bodenständiger Mensch. Einer, der die Nöte und Probleme der Menschen kennt und sich mit ihnen unterhält.