«Deswegen geben wir nicht auf»

Der Kantonsrat hat sich vor einem Monat gegen das Klanghaus am Schwendisee entschieden. Die Intendantin Nadja Räss von der Klangwelt Toggenburg bleibt am Ball und äussert sich erstmals zum Entscheid.

Anina Rütsche
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Die Jodlerin Nadja Räss aus Einsiedeln ist seit Januar 2012 künstlerische und operative Leiterin der Klangwelt Toggenburg. (Bild: Hanspeter Schiess)

Die Jodlerin Nadja Räss aus Einsiedeln ist seit Januar 2012 künstlerische und operative Leiterin der Klangwelt Toggenburg. (Bild: Hanspeter Schiess)

Frau Räss, wie erging es Ihnen, als Sie Anfang März erfahren haben, dass sich der Kantonsrat gegen das Klanghaus ausgesprochen hat?

Nadja Räss: An jenem Tag weilte ich aus beruflichen Gründen in Köln, um mich gemeinsam mit zwei anderen Sängerinnen auf das Klangfestival Naturstimmen vorzubereiten. Als Mathias Müller anrief, der Präsident der Stiftung Klangwelt, und mir den negativen Bescheid mitteilte, dachte ich zuerst an einen schlechten Scherz. Ich konnte es kaum glauben, und ich brauchte einen Moment, um mich zu sammeln.

Wie haben Sie reagiert?

Räss: Zunächst mit Enttäuschung. Dann habe ich mit den zwei Berufskolleginnen, mit denen ich an jenem Tag probte, darüber gesprochen. Das hat mir geholfen, das Ganze einzuordnen. Die eine Sängerin stammt aus der Ukraine, wo oftmals wenig Geld für die Kultur übrig bleibt. Man habe dort aber erkannt, wie wichtig es sei, dass auch in schlechten Zeiten kulturelle Veranstaltungen stattfänden. Die andere Sängerin kommt aus Finnland, wo die Kultur und verschiedene künstlerische Ausbildungen einen hohen Stellenwert haben. Sie wunderte sich, dass die St. Galler Kantonsräte einem solch vielversprechenden Projekt keine Chance geben wollten.

Was haben Sie und die IG Klanghaus nun vor?

Räss: Wir geben nicht auf, wir machen weiter! Das Klanghaus ist noch nicht gestorben. Ich bin der Ansicht, dass alles, was passiert, seine Gründe hat. Das vorläufige Nein nutzen wir, um die Sache zu überdenken. Es wird nun überlegt, auf welche Weise das Projekt Klanghaus dem Kantonsrat ein weiteres Mal vorgestellt werden könnte. Zudem ist es auch wichtig, die Bevölkerung über die Fakten des Klanghauses zu informieren. Viele wissen zum Beispiel nicht, dass alles, was im Klanghaus stattfinden soll, nicht neu erfunden werden muss. Es wurde von der Klangwelt Toggenburg in den vergangenen 20 Jahren aufgebaut.

Welche Vorteile bringt das Klanghaus mit sich?

Räss: Beim Klanghaus geht es nicht ausschliesslich um die Musik, nein, das Ganze reicht weit darüber hinaus. Wenn das Klanghaus realisiert wird, steigert dies die Attraktivität der Region auch aus wirtschaftlicher Perspektive. Es würden mehr Übernachtungen gebucht, und die Bergbahnen könnten ebenfalls profitieren. Der einzigartige Bau würde zudem all jene ansprechen, die sich für Architektur interessieren. Dass das Projekt positive Auswirkungen auf andere Bereiche hätte, wurde bisher kaum thematisiert.

Wie sieht derzeit die Rolle des Kantonsparlaments aus?

Räss: Der Ball liegt derzeit bei der Regierung, beim Baudepartement und beim Departement des Innern. Derzeit werden die Gründe für das vorläufige Scheitern des Vorhabens analysiert. Nach den Sommerferien entscheidet die Regierung, ob und in welcher Form das Projekt wieder aufgenommen werden kann. Der gesamte politische Prozess müsste nochmals durchlaufen werden.

Ziehen Sie in Erwägung, das Vorhaben betreffend Standort und Finanzierung anzupassen?

Räss: Das Klanghaus an einem anderen Ort als am Ufer des Schwendisees zu bauen, kommt für mich nicht in Frage, denn diese einzigartige Umgebung macht unter anderem das Spezielle am Klanghaus aus. Dass man die Finanzierung überdenken muss, ist sicher ein wichtiger Punkt. Doch ebenfalls wichtig ist es, jene Punkte auf den Tisch zu legen, welchen bisher vielleicht noch zu wenig Beachtung geschenkt wurde. Zum Beispiel wurde immer wieder thematisiert, dass die Region mehr hinter dem Projekt stehen müsse und sich auch finanziell beteiligen solle. Sicher gibt es hier im Tal kritische Stimmen, diese gibt es bei jedem grösseren Vorhaben, sei es in der Kultur, im Finanzwesen oder auf dem Bau und dies nicht nur im Toggenburg, sondern weltweit. Diese Stimmen sind wichtig, sie sind sozusagen ein Katalysator. Ausserdem ist es so, dass die Gemeinde Wildhaus-Alt St. Johann die Projekte der Klangwelt Toggenburg schon seit mehreren Jahren finanziell unterstützt und somit das Fundament für das Klanghaus mitgebaut hat.

Warum passt das Klanghaus eigentlich ausgerechnet ins Toggenburg?

Räss: Musik und Gesang haben in dieser Region seit Jahrhunderten einen hohen Stellenwert. Das Klanghaus kann dazu beitragen, diese Volkskultur weiteren Menschen zugänglich zu machen. Hier im Toggenburg wächst man mit einem Geschenk auf, nämlich mit der Selbstverständlichkeit, singen zu dürfen. Dies ist längst nicht mehr überall so, doch ist es ein Bedürfnis von vielen Menschen. Und gerade in Zeiten der Globalisierung richtet sich dieses Bedürfnis darauf aus, das Singen, das Musizieren mit dem Kennenlernen der eigenen musikalischen Wurzeln zu verbinden. Mit den Kursen der Klangwelt Toggenburg, welche auch im Klanghaus stattfinden würden, würden wir unser Geschenk, welches ich nicht als Besitz sehe, mit anderen Menschen teilen. Zudem ist die Toggenburger Natur eine wunderbare Kulisse.

Was ist Ihnen derzeit betreffend der Zukunft des Klanghaus-Projekts am wichtigsten?

Räss: Genauso wie in der Musik ist es hier wichtig hinzuhören, also die Ideen und Meinungen aus der Bevölkerung anzuhören. Wir wünschen uns, dass sich auch kritische Stimmen äussern, denn daraus können wir am meisten lernen, sie sind wie schon gesagt der Katalysator.

Woher nehmen Sie die Motivation, sich trotz des Rückschlags weiterhin fürs Klanghaus einzusetzen?

Räss: Ich schöpfe Kraft aus der Musik, aus dem Jodeln, das meine Leidenschaft ist. Zudem stimmt mich meine Arbeit bei der Klangwelt Toggenburg zuversichtlich. Die Klangwelt gibt es mittlerweile seit 20 Jahren. Bei der Bevölkerung ist ein Bewusstsein für das Thema Klang da. Und auch Inhalte sind vorhanden, mit denen man das Klanghaus bespielen könnte. Es fehlt nur noch das Bauwerk, in dem sich all dies vereinen lässt.

www.klanghaustoggenburg.ch